3D-Druck – Chancen und Risiken für den Handel.

von Andre Schreiber am 08.September 2016 in Future Commerce, Highlight, News
Mattel Thingmaker

Der Thingmaker von Mattel im Einsatz (Bild: Mattel)

3D-Drucker haben fast drei Jahrzehnte ein Schattendasein in den Hinterzimmern von Labors und Versuchsanstalten gefristet. Inzwischen gelten die Geräte als Technologie, die das Potenzial besitzt, die Produktion von Gütern zu revolutionieren. Mit Folgen für den Handel.

Die Geräte für den dreidimensionalen Druck sind schon lange kein Thema mehr für Geeks und Nerds. Inzwischen erobern sie selbst das Kinderzimmer. Der Traditionshersteller Mattel bringt mit dem „Thingmaker“ ein eigenes Gerät heraus. In Kombination mit einer App für Smartphone oder Tablet können die Kids dann Einzelteile für individuelle Schmuckstücke oder Actionfiguren entwerfen und direkt produzieren.

Erstaunliche Anwendungsszenarien

Jährlich treffen sich Hersteller und an 3D-Druck Interessierte auf Fachmessen. Auf der Fabcon 3.D und RapidTech werden die Fortschritte der Technik präsentiert. Mit inzwischen teilweise ganz erstaunlichen Produktionsbeispielen. Da gibt es beispielsweise das eigene Konterfei in Miniaturausgabe. Als Vorlage dient ein dreidimensionaler Scan der eigenen Person. Anbieter wie Print2Taste bieten inzwischen sogar an, individuell gestaltete Lebensmittel zu produzieren. Natürlich betrifft das nicht Standardlebensmittel wie einen Apfel oder einen Kopfsalat. Aber mit der Technik können beispielsweise nach eigenen Ideen gefertigte Dekorationen für Events angefertigt werden. Denkbar sind aber auch Teigwaren, die in Form des Firmenlogos besondere Akzente auf dem Teller setzen. Und bei World of Sweets, im Café Grün-Ohr in Berlin sowie in mehreren Lokalen in den USA können sich Kunden selbst gestaltetes Fruchtgummi aus dem 3D-Drucker bestellen – die „Magic Candy Factory“ von Katjes macht es möglich.

Katjes Magic Candy Factory

Katjes Magic Candy Factory in einem New Yorker Lokal (Photo by Andrew Toth/Getty Images for Dylan’s Candy Bar)

Auf dem Weg zum Massenprodukt

Die Geschichte wiederholt sich – zumindest bei technischen Produkten. Wer zu den Early Adoptern gehört, muss zunächst besonders tief in die Tasche greifen. 3D-Drucker reihen sich in dieser Hinsicht nahtlos in die Kette von Videorekordern, CD-Playern oder TFT-Fernsehgeräten ein. Für Privatnutzer erschwingliche Geräte sind aktuell zum Preis um die 500 Euro zu bekommen. Limitiert sind diese Modelle derzeit in erster Linie von der maximalen Größe der Teile, die produziert werden können. Bei weiter steigender Nachfrage wird der zu erwartende Verfall der Preise einsetzen. Gleichzeitig werden die Geräte schneller und leistungsfähiger werden. 3D-Druck hat die Chance, zu einem echten Massenprodukt zu werden.

3D-Druck wird den Handel beeinflussen – nur in welcher Richtung?

Ein 3D-Drucker in jedem Haushalt klingt derzeit noch etwas nach Science Fiction, es spricht aber auch nichts dagegen, dass die Technologie einmal so selbstverständlich sein wird wie der Geschirrspüler oder Fernseher. Welche Folgen das für den klassischen Retailer haben wird, lassen die ersten speziellen Geschäftsmodelle bereits erahnen.

Architekten-Entwurf aus dem 3D-Drucker

Architekten-Entwurf aus dem 3D-Drucker (Bild: Trinckle)

Anbieter wie das Startup Trinckle aus Brandenburg oder Shapeways aus New York machen es vor – sie bieten eine Onlinebestellung für selbst gestaltete Produkte aus dem 3D-Drucker an. Hier können Verbraucher ihre Ideen in Realität umsetzen, ohne erst einen eigenen 3D-Drucker anschaffen zu müssen. Kunden kreieren somit ihre eigenen Produkte. Da es letztlich nur um den Austausch von Daten geht, tun sie dies so oft sie wollen oder wie es der Geldbeutel hergibt.

Dieser Weg steht auch Unternehmen offen, die Produkte in etwas größeren Stückzahlen produzieren wollen. Das Angebot bereits erhältlicher Artikel reicht vom Modeschmuck über Spielfiguren bis zur Handyhülle. Ein lupenreiner (Online-) Direktvertrieb ohne die Zwischenstation eines Händlers.

Verbreiten sich solche Geschäftsmodelle und Ansätze stärker, kann daraus durchaus Bedrohungspotenzial für den Handel erwachsen. Doch was zunächst augenscheinlich eine Gefahr ist, eröffnet auch Chancen. Denn was den Kunden recht ist, kann dem Händler auch billig sein.

Ein erster Ansatzpunkt könnte die Bereitstellung entsprechender Ausrüstung im Ladenlokal sein. Der Bürobedarfshändler Staples bietet in den USA bereits in vielen seiner Stores entsprechende Druckstationen an.

Und auch Händler können zu Produzenten werden. Sie könnten den Kunden entsprechende Vorlagen und Muster anbieten. Und natürlich auch das passende Rohmaterial in speziellen Farben oder speziellen Materialien. Das Produkt fertigt der Konsument dann eben in den eigenen vier Wänden an.

Derzeit mögen die Werkstoffe, die sich für 3D-Druck eignen, noch begrenzt sein. Aber auch das ist nur eine Frage der Zeit, wie etwa das Beispiel der Lebensmittel zeigt. Binnen weniger Minuten werden sich die unterschiedlichsten Gegenstände produzieren lassen. Und genau damit werden sich Händler profilieren können. Denn mit der Fähigkeit, auf Knopfdruck Gegenstände zu “drucken” oder besser herzustellen, können Produkte für den Kunden individualisiert werden. Und das wird in allen Sparten möglich sein. Ob modische Accessoires, Schmuck, Schuhmode oder Alltagsgegenstände – Grenzen werden in naher Zukunft nur durch Fantasie und Kreativität gesetzt werden, nicht von den aktuellen noch vorhandenen technischen Restriktionen.



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