Conrad Electronic: Der Hidden Champion unter den Multichannel-Händlern.

von Matthias Hell am 02.Dezember 2014 in Local Heroes

Als ursprünglicher Katalogversender – und verschwiegenes Familienunternehmen – ist Conrad Electronic nicht der naheliegendste Kandidat, wenn es um Benchmarks für den Multichannel-Handel geht. Doch hat sich das Unternehmen längst auf den E-Commerce ausgerichtet und hält bei vielen Multichannel-Innovationen nicht nur mit dem Wettbewerb mit, sondern nimmt Conrad dabei oftmals sogar eine Vorreiterrolle ein.

Conrad-CEO Jörn Werner

Conrad-CEO Jörn Werner

Das in Hirschau in der Oberpfalz ansässige Conrad Electronic beweist, dass sich Tradition und Innovation nicht ausschließen müssen. 1923 in Berlin gegründet, begann der Aufstieg des Handelsunternehmens als Katalogversender noch vor dem zweiten Weltkrieg. Der oft als „Bibel“ bezeichnete Conrad-Printkatalog mit mehr als Tausend Seiten und vielen Hunderttausend Produkten wurde in der Folge für Technik-Freaks zum unverzichtbaren Standardwerk. Ab den 50er Jahren eröffnete Conrad auch eigene Elektronik-Kaufhäuser und betreibt heute bundesweit 25 Filialen. Im Unterschied zu Media-Saturn oder Verbundgruppen wie Expert und Euronics werden diese komplett zentral gesteuert – in Zeiten des Wandels ein riesiger Vorteil, wie Conrad-CEO Jörn Werner im Gespräch erklärt. Denn den größten Einschnitt in der Unternehmensgeschichte dürfte das Aufkommen des E-Commerce dargestellt haben, den Conrad heute aktiv mitgestaltet: der Onlineshop unter Conrad.de zählt seit Jahren zu den Top-Ten-Shops in Deutschland.

Das ist auch für das Selbstverständnis des Elektronikhändlers nicht ohne Wirkung geblieben: „Wir haben vor drei Jahren beschlossen, unseren genetischen Code, den Katalog, zu verlassen und zu einem E-Commerce-Unternehmen zu werden“, erklärt Unternehmenschef Werner. Konkret bedeutet das, dass Conrad im Privatkundengeschäft inzwischen komplett auf seinen Hauptkatalog verzichtet – nur in einigen Nischen und im Geschäftskundenbereich spielen Printkataloge noch eine Rolle. An deren Stelle getreten ist der Conrad-Onlineshop mit mehr als 600.000 Artikeln als neues Leitmedium. Auch die Filialen des Elektronikhändlers sollen immer stärker in den E-Commerce-Prozess miteinbezogen werden. Conrad wolle keine „Me too“-Onlinestrategie verfolgen und erst recht nicht von der Digitalisierung des Handels überrollt werden, so Jörn Werner. Ziel sei es vielmehr, den Kunden Multichannel in einer hochentwickelten Form zu bieten.

Multichannel-Innovationen als Standard

Multichannel-Features gehören in den Conrad-Filialen ganz selbstverständlich dazu

Multichannel-Features gehören in den Conrad-Filialen ganz selbstverständlich dazu

In den Filialen drückt sich diese Strategie durch eine Reihe von Funktionen aus, die von Wettbewerbern wie MediaSaturn oder Cyberport in letzter Zeit als Innovationen präsentiert wurden, bei Conrad Electronic aber schon seit einiger Zeit ganz selbstverständlich zum Verkaufskonzept gehören. So sind Verkaufstische mit Tablets bestückt, die automatisch zusätzliche Informationen zu demjenigen Produkt anzeigen, das vom Kunden gerade betrachtet wird. An den Service-Terminals werden der Conrad Onlineshop und relevante Online-Informationen ganz selbstverständlich in die Beratung miteinbezogen und setzt das Handelsunternehmen grundsätzlich darauf, über eine digitale Warenpräsentation den Kunden auch nicht vor Ort vorhandene Artikel in einem stationären Kontext zu präsentieren. Folgerichtig ist Conrad auch in der Lage, Filialbestände in Echtzeit online abzubilden – eine Funktion, die u.a. für die Selbstabholungs-Möglichkeit des Unternehmens, aber auch für den gemeinsam mit Tiramizoo umgesetzte „Filial-Bring-Service“ (innerhalb von 120 Minuten oder zum Wunschtermin) genutzt wird.

Aller Multichannel-Exzellenz zum Trotz handelt es sich für CEO Jörn Werner bei vielen dieser Funktionen nur um Übergangstechnologien. „Die Zukunft ist vielmehr das Mobile Device, zum Beispiel das Smartphone und die App-Technologie“, so der Conrad-Chef. Das Unternehmen verstehe seine Smartphone-App als ein Navigations-Tool, das im Prinzip den gesamten Kaufprozess beherrschen müsse. Künftig würden sämtliche für die Customer Journey eines Konsumenten relevanten Prozesse von der Vereinbarung eines Beratungstermins in der Filiale über die Navigation zum gewünschten Produkt bis hin zum Bezahlen auf dem Smartphone innerhalb der Conrad-App möglich sein. Der Onlineshop werde in seiner mobilen Form somit auch im stationären Umfeld zum zentralen Interaktionsinstrument zwischen Kunde und Händler.

Breit aufgestellt in die Zukunft

Mit Produkten wie dieser Drohne als Fluggerät für Action-Cams - übrigens von der Conrad-Eigenmarke Reely - will sich der Elektronikhändler in einem Zukunftsmarkt positionieren

Mit Produkten wie dieser Drohne als Fluggerät für Action-Cams – übrigens von der Conrad-Eigenmarke Reely – will sich der Elektronikhändler in einem Zukunftsmarkt positionieren

Ähnlich wie Media-Saturn bemüht sich auch Conrad bei seiner digitalen Transformation um eine möglichst breite Abstützung. So setzt das Unternehmen nicht nur auf den eigenen Onlineshop, sondern zählt auch auf den führenden E-Commerce-Plattformen Amazon und eBay zu den wichtigsten Technikanbietern. Wie Jörn Werner berichtet, handele es sich dabei nicht unbedingt um eine Liebesbeziehung, sondern vielmehr um eine pragmatische Herangehensweise: da viele Kunden Online-Plattformen zur Produktsuche nutzten, erfülle die Präsenz dort eine wichtige Funktion bei der Neukundengewinnung. Mit eBay hat Conrad seine Zusammenarbeit kürzlich ausgeweitet und gehört zu den Launch-Partnern des Click & Collect-Services der Online-Plattform. Ein eigenes Plattform-Modell bietet Conrad zudem im Dienstleistungsbereich an und ermöglicht – nach dem „wer-will-der-kriegt-Prinzip“ – auch Online-Kunden über das Portal Klappt.com einen Meisterservice zu vielen Produktkategorien an.

Abgerundet wird die Aufstellung von Conrad durch eine Reihe von Onlineshops, die in Tochterfirmen ausgelagert sind. Dazu zählen Digitalo und Voelkner, aber auch die bekannten Pure Player Getgoods und Home of Hardware. Wie Jörn Werner erklärt, sind die Onlineshops für Conrad eine Art Testlabor, um die reinen E-Commerce-Mechanismen noch besser kennenzulernen, aber sicher auch eine Art Zukunftsversicherung um größere Umsatzverschiebungen von Stationär nach Online abzufangen. Produktseitig setzt Conrad immer stärker auf vernetzte Produkte, von Smart Home über Mobile-Apps bis zu innovativen Geräten für Technik-Freaks wie z.B. einer Drohne als Fluggerät für Action-Cams. Da es sich dabei einerseits um sehr erklärungsbedürftige, lösungsorientierte Produkte handelt, der Wissensfluss und die Meinungsbildung dazu aber fast ausschließlich im Netz geschieht, dürfte Conrad für diesen Zukunftsmarkt mit seiner Filialen inkludierenden E-Commerce-Schwerpunktsetzung besser aufgestellt sein als viele Wettbewerber.



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