Handel im Wandel: Durch die Woche mit Christian Riethmüller von Osiander.

von Kay Ulrike Treiß am 21.Juni 2017 in Fragebögen

„Um ehrlich zu sein, ärgere ich mich meistens im stationären Handel in Deutschland“, sagt Christian Riethmüller, geschäftsführender Gesellschafter bei der Buchhandlung Osiander. Der gelernte Betriebswirt ist bei dem Familienunternehmen zuständig für die Bereiche Personal, Marketing, Verkauf, E-Commerce und Expansion. Und Expansion ist auch genau das richtige Stichwort, um die Strategie des 420 Jahre alten Traditionshauses zu beschreiben: Osiander eröffnet fleißig neue Filialen, setzt auf Omnichannel, betreibt einen eigenen Buch-Lieferservice mit Fahrradkurieren und hat keine Scheu vorm Kampf mit Amazon. Dabei hilft Riethmüller auch seine bewegte Vergangenheit: Bevor er bei Osiander einstieg, arbeitete er von 1999 bis 2002 bei Aldi, davon 15 Monate als Bereichsleiter in Birmingham, England. Im Händler-Fragebogen von Location Insider verrät er, warum die vergangene Woche aus seiner Händlerperspektive keinen einzigen guten Tag hatte und dass er aber „sturmerprobt“ ist.

Location Insider: Wie würden Sie die momentane Situation des stationären Handels in einem Satz beschreiben?

Christian Riethmüller: „Einfach ist langweilig“ – deshalb machen die derzeitigen Herausforderungen besonders Spaß!

Location Insider: Welcher Tag der vergangenen Woche war der Beste aus Händlerperspektive und warum?

Christian Riethmüller: Keiner, weil es über 30 Grad hatte und bei solchem Wetter kein Mensch Bücher in der heißen Innenstadt kauft.

Location Insider: Worüber haben Sie sich diese Woche besonders beim Einkaufen im Laden gefreut?

Christian Riethmüller: Um ehrlich zu sein, ärgere ich mich meistens im stationären Handel in Deutschland. Gefreut habe ich mich letzte Woche in einem Restaurant in England im Urlaub auf der Isle of Wight, weil der Service einfach klasse war.

Location Insider: Und worüber haben Sie sich geärgert?

Christian Riethmüller: Bei uns in Tübingen beim Einkauf im größten Modegeschäft, weil mir ein Verkäufer, obwohl er mich nicht beraten hat, trotzdem auf dem Weg zur Kasse seinen persönlichen EAN-Code auf die Ware kleben wollte, um dafür seinen Bonus zu kassieren.

Location Insider: Mit wem wollen Sie nie an der Kasse stehen, wenn Sie Unterwäsche kaufen? Oder kaufen Sie diese deshalb nur online?

Christian Riethmüller: Da ich ganz normale Unterwäsche kaufe, ist mir egal, wer da mit mir an der Kasse steht. Soll doch jeder sehen, was ich Schönes unten rum trage… Es gibt nur einige Personen, mit denen würde ich ungerne an der Kasse stehen, wenn die ihre Unterwäsche kaufen.

Location Insider: Tante Emma oder Supermarkt?

Christian Riethmüller: Leider beides mit der miesen Verteilung für Tante Emma. Großeinkauf im Supermarkt, Reste und kurzfristig bei Tante Emma, obwohl ich weiß, dass genau das die letzten Tante-Emma-Läden kaputt macht. Selbstkritisch muss ich sagen: schlimm so ein Einkaufsverhalten, und langfristig sehr schädlich.

Location Insider: Welche Schlagzeile wollen Sie auf keinen Fall über sich im „Handelsblatt“ lesen?

Christian Riethmüller: Man soll nie nie sagen und nichts ausschließen, und auch jede Krise hat ihre Chancen, deshalb bin ich da offen… Zudem bin ich sturmerprobt und kann auch mit schlechten Schlagzeilen leben.

Location Insider: Nehmen wir an, Sie hätten einen Wunsch frei: Wie sähe der stationäre Handel in fünf Jahren aus, wenn Sie es sich aussuchen könnten?

Christian Riethmüller: Dass wir nur noch erfolgreiche Händler in schönen und handelsfreundlichen Innenstädten haben, die darauf verzichten, dauernd zu jammern und zu sagen, wie böse Amazon ist, sondern die durch eigenen herausragenden Service, Kulanz, Angebot, Kompetenz und vor allem Freundlichkeit die Kunden begeistern. Gute Beispiele dafür gibt es ja, nur leider viel zu wenige.

Lesen Sie auch die vorherigen Fragebögen unserer Serie “Durch die Woche mit…”.


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