Handel im Wandel: Durch die Woche mit Franz-Joseph Miller von Liefery.

von Kay Ulrike Treiß am 01.Juni 2016 in Fragebögen, Highlight

Handel im Wandel_Liefery_FJ Miller„Meine Überzeugung ist, dass der Handel wieder deutlich lokaler werden wird“, sagt Franz-Joseph Miller von Liefery. Erst am Montag wurde bekannt, dass das Startup für Same Day Delivery offenbar nun auch mit Amazon kooperiert. In unserem Händler-Fragebogen gibt Liefery-Gründer Miller zu, dass es ihn nervt, „wenn ich extra noch einmal für etwas fahren muss, denn das bedeutet parken, an der Kasse warten usw., und der Einkauf spielt dann in meinem Alltag eine zu große Rolle.“ Bereits 2001 gründete Miller die time:matters-Gruppe, einen Anbieter für Express- und Notfall-Logistik, als Spin-Off der Lufthansa. Bis heute ist er CEO von time:matters, engagiert sich aber parallel auch bei Liefery. Aus gutem Grund: Liefery ist eine Ausgründung von time:matters, die mittlerweile auf eigenen Füßen steht und an der sich bereits Hermes beteiligt hat. „Andere Leute an der Kasse zu beobachten finde ich interessant“, gesteht Miller und verrät uns außerdem, wo er seinen Espresso genießt.

Location Insider: Wie würden Sie den Handel/die momentane Situation des stationären Handels in einem Satz beschreiben?

Franz-Joseph Miller: Der stationäre Handel befindet sich mehr denn je in einem Umbruch. Denn durch das rasante Wachstum des E-Commerce müssen sich stationäre Händler Maßnahmen überlegen, wie sie ihre Vorteile am besten nutzen und sogar ausbauen können sowie Zusatzservices implementieren, die die Kundenwünsche erfüllen. Die meisten Händler haben dies aber erkannt und setzen vermehrt auf Technologien und Lösungen, die für Kunden das Einkaufen und Leben bequemer machen. Meine Überzeugung ist, dass der Handel wieder deutlich lokaler werden wird und „lokal sein“ eine Riesenchance bietet.

Location Insider: Welcher Tag der vergangenen Woche war der Beste aus Händlerperspektive und warum?

Franz-Joseph Miller: Aus der Händlerperspektive der Samstag – denn die Verbraucher nehmen sich die Zeit, bewusst einzukaufen und daraus ein Event zu machen. Das Einkaufen wird am Wochenende oft zum Genusserlebnis, während es an Wochentagen eher ein Mittel zum Zweck ist, um den Kühlschrank zu füllen oder Ähnliches, und daher schnell und einfach nebenbei erledigt wird – und vor allem oft als nervig und zeitraubend empfunden wird.

Location Insider: Worüber haben Sie sich diese Woche besonders beim Einkaufen im Laden gefreut? Und worüber haben Sie sich geärgert?

Franz-Joseph Miller: Ärgern ist das falsche Wort, ich bin eher genervt, wenn ich extra noch einmal für etwas fahren muss, denn das bedeutet parken, an der Kasse warten usw., und der Einkauf spielt dann in meinem Alltag eine zu große Rolle und ich muss meinen Tagesablauf daran anpassen und nicht umgekehrt. Daher freue ich mich umso mehr darüber, wenn ich in einem Laden ein echtes Einkaufserlebnis habe. Das heißt, ich finde alles, was ich möchte, genieße ein passendes Ambiente und guten Service und kann am Ende noch gemütlich ins Kino oder zum Essen gehen – und muss natürlich dabei keine Tüten schleppen, weil ich mir meinen Einkauf zum Wunschzeitpunkt nach Hause liefern lassen kann.

Location Insider: Mit wem wollen Sie nie an der Kasse stehen, wenn Sie Unterwäsche kaufen? Oder kaufen Sie diese deshalb nur online?

Franz-Joseph Miller: Andere Leute an der Kasse zu beobachten finde ich interessant, und wenn jemand mich beoobachtet, stört mich das auch nicht. Wenn denen meine Unterwäsche nicht gefällt, kann ich aber im Zweifel auch nichts dafür. Ich kaufe meine Unterwäsche übrigens fast immer im Laden. Aber sicherlich gibt es Leute, denen der Einkauf mancher Dinge unangenehm ist. Da kann ich nur empfehlen: Geht online einkaufen! Denn auch wenn es mal dringend ist und keine zwei Tage warten kann – in vielen Shops kann man sich den Einkauf taggleich zustellen lassen und spart sich so nicht nur die Scham beim Unterwäschekauf, sondern auch das Warten an der Kasse.

Location Insider: Tante Emma oder Supermarkt?

Franz-Joseph Miller: Ganz klar – beides! Kleine Läden gehören in unser Stadtbild und machen den Einkauf zu einem persönlichen Erlebnis. Wir haben einen kleinen iatlienischen Delikatessen-Laden um die Ecke, wo wir samstags gerne neben dem Einkauf auch noch einen Espresso genießen. Das ist doch echte Lebenskultur. Und bestimmt hat fast jeder einen kleinen Laden des Vertrauens, in den er besonders gerne geht oder schöne Erinnerungen mit verbindet. Bei Supermärkten bin ich wählerisch – für mich spielen Auswahl, Qualität und Service eine große Rolle. Wenn mir mein lokaler Supermarkt dies nicht bieten kann, gehe ich lieber online in den Supermarkt, um schnell und einfach alles zu erledigen.

Location Insider: Welche Schlagzeile wollen Sie auf keinen Fall über sich im „Handelsblatt“ lesen?

Franz-Joseph Miller: „Same Day Delivery doch nur ein Nischenmarkt“ – denn dann hätten wir uns schon enorm in den Kundenanforderungen und den Chancen dieses Modells getäuscht. Wir sind absolut überzeugt, dass durch die Kombination aus Technologie und Service die Logistik auf der letzten Meile einen ganz neuen Level an Komfort und Individualisierung für die Konsumenten bietet – und wir hoffen einen maßgeblichen Beitrag zu dieser Entwicklung beitragen zu können. Same Day Delivery ist dabei mehr als Waren von A nach B zu liefern: Die „letzte Meile“ der Zukunft beinhaltet Wunschzeitlieferung, Real-time Informationen, Retourenservice und vieles mehr. Dazu bieten wir eine Technologie-Plattform, die eine genaue Planung und Adaptierung von Routen in Echtzeit ermöglicht. Wir glauben, dass das Potential enorm groß ist.

Location Insider: Nehmen wir an, Sie hätten einen Wunsch frei: Wie sähe der stationäre Handel in fünf Jahren aus, wenn sie es sich aussuchen könnten?

Franz-Joseph Miller: Das ist ganz einfach – der stationäre Handel sollte sich parallel zu den Bedürfnissen der Kunden entwickelt haben. Deshalb sollte der stationäre Handel in fünf Jahren noch mehr an die Servicewünsche angepasst sein. Dazu gehört, dass er offen ist gegenüber dem Einsatz neuer Technologien und Services, die dem Kunden den Alltag erleichtern oder ein echtes Einkaufserlebnis bieten. Und aus meiner ganz persönlichen Perspektive bin ich natürlich dafür, dass Same Day Delivery flächendeckend angeboten wird und ich es mir als Kunde überall selber aussuchen kann, wann und wie ich meine Einkäufe nach Hause gebracht bekomme.

Lesen Sie auch die vorherigen Fragebögen unserer Serie “Durch die Woche mit…”:


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