Im Marktplatzfieber einen kühlen Kopf behalten.

von Sebastian Beintker am 31.Juli 2017 in News

Symbolbild: Shutterstock

Online-Marktplätze sind angesagt. Händler sind beschwingt und träumen von einem eigenen Marktplatz im Internet. Der t3n-Ressortleiter Jochen G. Fuchs begrüßt in seinem Kommentar grundsätzlich die Entwicklung, sich als Einzelhändler strategisch in den Online-Bereich weiterzuentwickeln. Er gibt aber gleichzeitig zu bedenken, dass nicht jeder Händler unbedingt einen eigenen Marktplatz benötigt, sondern auch bereits vorhandene Marktplätze mit Reichweite und guten Besucherzahlen nutzen könnte.

Gerade Vollsortimenter laufen nämlich bei der Erstellung eines eigenen Marktplatzes Gefahr, in einen direkten und ungünstigen Konkurrenzkampf mit Amazon oder Ebay zu geraten. Was dann aber fehlt, sind Reichweite, ausgefeilte Prozesse und eine große Manpower. Um eine lohnende Schwelle zu erreichen, sei eine zwei- bis dreistellige Millioneninvestition notwendig, so Fuchs.

Strategisch bietet sich eine Übernahme an, wie es kürzlich Real und Karstadt vorgemacht haben. Real übernahm das Internetkaufhaus Hitmeister und führt es als real.de weiter. Karstadt übernahm Hood.de um seine Online-Präsenz damit zu realisieren. Zudem ist es bedeutend sinnvoller, Alleinstellungsmerkmale zu suchen und nur bestimmte Zielgruppen anzusprechen. Das spart Budget und verstärkt den Werbedruck punktgenau, statt die Kräfte in die Breite zu streuen und zu schwächen. Mytoys hat hier erst kürlich ein Plattform-Konzept realisiert, das nur als geschlossener Marktplatz für ausgewählte Partner zur Verfügung steht.

Fazit: Es ist nicht sinnvoll, in blindes Marktplatzfieber zu verfallen. Vielmehr besteht die große Herausforderung für jeden einzelnen Händler darin, die für sich beste Strategie zu finden, seine Produkte im Internet zu platzieren und seine Zielgruppe zu erreichen. Fuchs bringt es auf den Punkt, indem er sagt: „Marktplatzstrategie heißt nicht: Machen wir es wie Amazon.“

Bereits im Juni hatte Handelsforscher Prof. Gerrit Heinemann in einem Gastbeitrag für neuhandeln.de moniert, dass das „Marktplatzfieber die Sinne vernebelt“. Er schrieb u.a.:

„Kein Tag vergeht, an dem nicht ein deutscher Händler auf die geniale Idee kommt, einen Marktplatz zu gründen oder zu übernehmen. Ob Intersport oder Rewe, Real oder Edeka, Otto oder Karstadt, sie alle träumen den Traum vom Marktplatz. Und damit den Traum vom grenzenlosen digitalen Glück. Und die Erfolgsformel klingt ja auch denkbar einfach: Partner akquirieren und an Bord bringen, Hand aufhalten und fertig!“

Und weiter:

„Völlig im Kontrast zum Traum vom schnellen Marktplatz-Glück ist das, was die Erfahrung aus der VC-Szene sagt. Marktplätze erfolgreich zu starten, gilt unter Inkubatoren gemeinläufig als mit das Schwierigste, was man im Internet versuchen kann. Und ohne eine extreme Spezialisierung oder einen ergänzenden „Frequenz-Treiber“ gelten derartige Modelle alles andere als erfolgsträchtig.“


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