Interview mit IFH-Geschäftsführer Dr. Kai Hudetz: „Handel ist Wandel“.

von Christian Bach am 07.Oktober 2015 in Fragebögen, Interviews

IfH - Portraits

Handel ist Wandel: So beschreibt Dr. Kai Hudetz, Geschäftsführer des Instituts für Handelsforschung (IFH) Köln, die aktuelle Situation des stationären Handels im Interview mit Location Insider. „Dieser Wandel vollzieht sich durch die Digitalisierung rasant“, erklärt Hudetz. Der Handelsexperte gesteht zudem, dass er den Supermarkt dem Tante Emma-Laden vorzieht, Unterwäsche für seine Frau aber lieber online kauft. In Zukunft gehe es vor allem darum, dass stationäre Händler ihre Online-Angebote mit entsprechenden Technologien am PoS verknüpfen. Bereits im Oktober 2014 hat Hudetz im Interview mit Location Insider über den Handel der Zukunft gesprochen: „Es wird auch in zwanzig Jahren noch lokalen Handel geben, die Frage ist nur, wer ihn betreibt“, sagte er damals.

Location Insider: Wie würden Sie den Handel bzw. die momentane Situation des stationären Handels in einem Satz beschreiben?

Kai Hudetz: Mehr denn je gilt die alte Weisheit: „Handel ist Wandel“. Dieser Wandel vollzieht sich durch die Digitalisierung rasant. Das stellt den stationären Handel vor große Herausforderungen. Er muss sich sehr schnell an ein verändertes Konsumentenverhalten anpassen, wenn er auch morgen noch erfolgreich sein oder zumindest überleben will.

Location Insider: Welcher Tag der vergangenen Woche war der Beste aus Händlerperspektive und warum?

Kai Hudetz: Händler sollten nicht stichtagbezogen denken, es geht nicht um einzelne Tage. Vielmehr gilt es, jeden Tag aufs Neue an der Kundenbindung zu arbeiten. Insofern hatten wir in der vergangenen Woche wieder jede Menge guter Tage für die Händler. Wir vergessen angesichts der kritischen Berichterstattung über den Handel oft, dass wir in Deutschland viele sehr, sehr erfolgreiche Händler haben, denen es gelingt, Kunden für sich zu begeistern.

Location Insider: Worüber haben Sie sich diese Woche besonders beim Einkaufen im Laden gefreut?

Kai Hudetz: Über Personal, das auch am Ende des Tages noch überaus freundlich auf meine Fragen reagierte. Keine große Sache, aber oftmals sind es die kleinen Dinge, die entscheiden. Die Freundlichkeit des Ladenpersonals stellt für den Handel einen zentralen Erfolgsfaktor dar. Das erkennen aber leider nicht alle, die im Einzelhandel arbeiten…

Location Insider: Und worüber haben Sie sich geärgert?

Kai Hudetz: Eine lange Schlange an der Kasse und dann unmittelbar vor mir ein schier endloser Kassiervorgang, weil das Bezahlen mit EC-Karte nicht funktionierte. Natürlich hatte ich es gerade in dem Moment besonders eilig!

Location Insider: Mit wem wollen Sie nie an der Kasse stehen, wenn Sie Unterwäsche kaufen? Oder kaufen Sie diese deshalb nur online?

Kai Hudetz: Das kommt darauf an, für wen! Bei mir selbst habe ich da weniger Berührungsängste, aber es muss nicht jeder wissen, welche Unterwäsche ich für meine Frau kaufe. Die Liste derjenigen, die da nicht neben mir an der Kasse stehen müssten, ist ziemlich lang. Trotzdem gehe ich das Risiko schon einmal ein und kaufe Unterwäsche nicht nur online. (Vermeintliche) Anonymität ist grundsätzlich aber ein starker Treiber für viele Produkte im Online-Handel.

Location Insider: Tante Emma oder Supermarkt?

Kai Hudetz: Ich gestehe: Supermarkt! Ich finde, dass wir in Deutschland ganz tolle Supermärkte mit einer unheimlichen Sortimentsbreite und -tiefe haben. Denken Sie nur an die Auswahl an Obst, Gemüse, Käse oder Wurst und wie diese Produkte vielfach präsentiert werden. Das möchte ich nicht missen!

Location Insider: Welche Schlagzeile wollen Sie auf keinen Fall über sich im „Handelsblatt“ lesen?

Kai Hudetz: „Kölner Handelsforscher gesteht: Wir haben uns geirrt!“ Auch wenn wir mit unseren meisten Vorhersagen zu Entwicklungen im Handel richtig lagen, muss ich zugeben, dass von unseren vielen Prognosen nicht jede zu 100 Prozent eingetroffen ist. Das liegt in der Natur der Sache, im „Handelsblatt“ möchte ich es aber trotzdem nicht lesen.

Location Insider: Nehmen wir an, Sie hätten einen Wunsch frei: Wie sähe der stationäre Handel in fünf Jahren aus, wenn sie es sich aussuchen könnten?

Kai Hudetz: Er wird so aussehen, wie ich es mir wünsche, nämlich noch sehr viel besser als heute. Amazon und Co. zwingen den stationären Handel besser zu werden, sich noch kundenorientierter zu positionieren. Konsumenten werden in fünf Jahren noch mehr Möglichkeiten haben als heute, sie werden Produkte nahezu von überall, zu jeder Zeit bei jedem Händler kaufen können. Der stationäre Handel wird sich unter anderem über höhere Emotionalität, mehr Kundenservice und eine gute Beratung behaupten. Das Ganze verknüpft mit Online-Angeboten und entsprechenden Technologien am PoS: Herausfordernde Zeiten für Händler – tolle Aussichten für Konsumenten.


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