Interview mit Matthias Setzer von PayPal: Deshalb verzichtet PayPal weiterhin auf NFC.

von Matthias Hell am 23.Oktober 2014 in Interviews

matthias_setzer_paypal_deutschlandLange Zeit galt PayPal als unangefochtener E-Payment-Marktführer. Doch kaum hat Apple seinen Bezahlservice Apple Pay angekündigt, wird vielerorts ein Krisenszenario für PayPal an die Wand gemalt. So geschehen auch, als PayPal Anfang der Woche eine Reihe von Neuerungen zum mobilen Bezahlen präsentierte: die Lösungen von PayPal seien zu wenig innovativ, kritisierten Kommentatoren mit Blick auf die von Apple Pay angekündigte NFC-Technologie.

Location Insider unterhielt sich am Rande des PayPal/eBay-Events mit Matthias Setzer, der als Senior Director Merchant Services den Geschäftskundenbereich von PayPal in Deutschland verantwortet. Setzer ist seit zehn Jahren bei PayPal und löste in seiner aktuellen Position 2011 Arnulf Keese ab, der zum Geschäftsführer des Payment-Unternehmens aufstieg.

Location Insider: Apple hat mit der Ankündigung von Apple Pay für viel Wirbel gesorgt und wird bereits als Konkurrenz für PayPal gehandelt. Das liegt zum Teil daran, dass Apple als erster großer Player auf NFC-Technologie setzt. Warum bleibt PayPal auch bei den nun vorgestellten Neuerungen weiterhin bei webbasierten Bezahlverfahren?

Matthias Setzer: Die Frage, ob NFC fortschrittlicher ist als das, war wir derzeit anbieten, ist so eine Sache. Denken Sie zum Beispiel an die Situation, dass Sie aus Ihrem Büro heraus schon eine Vorbestellung in einem nahe gelegenen Café aufgeben wollen – da kommen Sie nicht einmal in die Nähe eines Bezahlterminals. Ob NFC grundsätzlich fortgeschrittener ist, möchte ich daher bezweifeln.

Ein anderes Beispiel ist das „Einchecken mit PayPal“ an Snackautomaten. Die Automaten gehen Stück für Stück online und da ist es nur eine kleine Anpassung, dass unseren Check-In ermöglicht wird. Eine mühsame Aufrüstung für NFC ist dagegen nicht nötig. Deshalb ist aus unserer Sicht eine Lösung, die ohne direkten Kartenkontakt auskommt, die fortschrittlichste Lösung.

Location Insider: Von einem lokal beschränkten Pilotprojekt in Berlin haben Sie das „Einchecken mit PayPal“ nun zu einer bundesweit verfügbaren Lösung ausgeweitet. Allerdings fokussieren Sie sich bislang auf Gastronomiebetriebe. Warum bleibt der Handel hier außen vor?

Matthias Setzer: Wir haben hier eine ganz pragmatische Sicht: Für uns zählte die Frage, wie wir möglichst schnell viele Teilnehmer zu einem Rollout animieren können und da schien uns der Gastronomiebereich wesentlich unmittelbarer. Zudem ist der Einsatz in der Gastronomie auch für die Kunden viel besser greifbar. Wenn wir darauf warten müssten, bis ein Kunde erst einmal ein neues TV-Gerät per Check-In bezahlt, würde das wohl ziemlich lange dauern. Aber einen Kaffee oder ein Eis per „Einchecken mit PayPal“ zu bezahlen, stellt keine hohe Hürde dar und wird von den meisten Kunden sofort verstanden.

Location Insider: Mit welchen Partnern arbeiten Sie derzeit bei der Umsetzung von „Einchecken mit PayPal“ zusammen?

Matthias Setzer: In Deutschland sind das derzeit drei offizielle Partner: Pepperbill, Payleven und Orderbird.

Location Insider: Und Inventorum? Das Berliner Papierwarengeschäft Polly Paper bietet „Einchecken mit PayPal“ im Rahmen eines Inventorum-Kassensystems an…

Matthias Setzer: Ja, mit Inventorum arbeiten wir in diesem Bereich ebenfalls zusammen. Allerdings ist diese Zusammenarbeit bislang noch auf den einen Pilot-Fall in Berlin beschränkt. Weltweit gibt es für das Check-In-Bezahlverfahren eine Menge an lokalen Integrationspartnern. Zudem ist es ja auch keine geschlossene Lösung, sondern stehen unsere APIs allen Entwicklern offen, die sich dafür interessieren.

Location Insider: Ebenfalls neu ist das „Plugin für Rechnung“, ein QR-Code-Verfahren, das es Kunden erleichtert, gedruckte Rechnungen per PayPal zu begleichen. Allerdings arbeiten die meisten Händler für die Abwicklung von Rechnungskäufen bereits mit Bezahldienstleistern zusammen – entstehen so nicht möglicherweise doppelte Kosten?

Matthias Setzer: Nein, denn die Transaktionskosten entstehen dem Händler ja erst beim Geldfluss. Das heißt, der Händler bezahlt entweder für die Abwicklung der Überweisung oder für PayPal. Da der Rechnungskauf zu den teuersten Bezahlarten gehört, gehen wir davon aus, dass wir mit dem „Plugin für Rechnung“ einen guten Anreiz schaffen. Zudem können aufgrund der einfacheren Prozesse bei der Bezahlung mit PayPal für größere Händler Einsparungsmöglichkeiten im Vergleich zur Überweisung des Rechnungsbetrags entstehen.

Location Insider: QR-Codes hat PayPal schon vor dem „Plugin für Rechnung“ eingesetzt, z.B. bei der QRShopping-App und bei einem Pilotprojekt mit Einzelhändlern in der Innenstadt von Oldenburg. Was ist aus diesen Projekten geworden?

Matthias Setzer: Oldenburg war für uns ein spannendes Experiment zu einem Zeitpunkt, an dem das mobile Payment noch sehr am Anfang steht. Es war für uns eine tolle Übung und wir haben dabei viel gelernt. Allerdings ging es damals noch um die erste Generation unserer QR-Codes und jetzt haben wir gewissermaßen die „Version 1.5“ gestartet: um per QR-Code bei PayPal zu bezahlen, braucht der Kunde keine spezielle App mehr, sondern kann das mit jedem QR-Code-Reader erledigen. Zudem haben wir die QR-Code-Funktionalität in unsere Haupt-App integriert, zusammen mit Barcode-Scanning und numerischen Bezahlcodes.

Location Insider: Bei der QRShopping-App ging es allerdings um mehr als nur das Einlesen von QR-Codes. PayPal wollte damit das „Schaufenster-Shopping“ auch jenseits der Ladenöffnungszeiten fördern und ermöglichte mit den entsprechenden Bezahlseiten auch stationären Händlern ohne Onlineshop ein eigenes E-Commerce-Angebot. Hat sich das nicht bewährt?

Matthias Setzer: Die Möglichkeit gibt es weiterhin, nur haben wir diese in unsere Haupt-App verlagert. Allerdings stellt das Schaufenster-Shopping für uns keinen großen Anwendungsfalls dar. Das QR-Code-Verfahren wird derzeit nur in Kaiserslautern eingesetzt, wo man damit Parkstrafzettel begleichen kann, sowie für das Bezahlen von Steuern und Gebühren an das Hunderegister Niedersachsen. Was das Einkaufen außerhalb der Ladenöffnungszeiten betrifft, haben wir festgestellt, dass das QRShopping eher für Güter des täglichen Bedarfs benutzt wurde, zum Beispiel für den Kauf von Kontaktlinsenreiniger. Aber einen neuen Computer wird kaum jemand aus dem Schaufenster per QR-Code kaufen. Hier hat eher unser Instore-Payment eine Chance, da die Kunden dabei auch beraten werden können.

Aber so ist es nun einmal – kein Mensch kann vorhersagen, welche Formfaktoren sich durchsetzen. Deshalb unterstützen wir möglichst viele Bezahlvarianten und beobachten dann die Entwicklung. Genauso ist es mit der zukünftigen Entwicklung: Wird sich das Bezahlen per Stimme durchsetzen? Oder per Fingerprint auf einem Samsung-Smartphone? Oder die Autorisierung durch Smartphone-Bewegungsmuster, wie das Uber bereits testet?

Location Insider: In den USA hat Ihr Unternehmen mit PayPal Beacon ebenfalls bereits einer dieser Zukunftslösungen im Einsatz. Ihr Chef Arnulf Keese erklärte Anfang des Jahres gegenüber Location Insider, diese Funktionalität bald nach Deutschland holen zu wollen. Wie ist hier die aktuelle Stand?

Matthias Setzer: Wir sind hier etwas vorsichtiger geworden und gehen erst mit unseren Kunden in den Dialog, welche Bezahloptionen sie akzeptieren. Junge Anwender, die mit Digitaltechnik groß geworden sind, finden PayPal Beacon sicherlich cool. Ältere Anwender könnten aber sicherlich erst davon abgeschreckt werden, zum Beispiel wenn Sie in einem Café – oder gar in einem großen Elektronikmarkt – automatisch eingecheckt werden. Wir finden PayPal Beacon weiterhin hochspannend und gehen hier mit weiteren Schritten voran. Aber gleichzeitig sind wir uns auch bewusst, dass das Thema sehr sensibel ist.

Location Insider: Vielen Dank für das Gespräch.

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