Online City Wuppertal: „Die Spreu trennt sich vom Weizen“

von Matthias Hell am 28.Mai 2015 in Interviews, Trends & Analysen

Location Insider sprach mit Andreas Haderlein über Schwierigkeiten bei der Umsetzung von Online City Wuppertal. Gut ein halbes Jahr nach dem Start beobachtet der Handelsexperte einen wachsenden Graben zwischen engagierten Händlern, die bereits von dem Projekt profitieren, und bloßen Mitläufern.

Der Handelsexperte Andreas Haderlein begleitet die Umsetzung von Online City Wuppertal

Der Handelsexperte Andreas Haderlein begleitet die Umsetzung von Online City Wuppertal

Bisher machte die lokale Handelsinitiative Online City Wuppertal vor allem durch positive Nachrichten von sich reden: Der Handelsexperte Andreas Haderlein, der die Umsetzung der Initiative begleitet, sah das Projekt auf dem richtigen Weg und für den Plattform-Anbieter Atalanda, der hinter dem zugehörigen Onlineshop steht, lieferte der „Wuppertal-Effekt“ sogar den Anreiz zu einer Neuausrichtung.

Umso mehr ließen einzelne Äußerungen in einem Bericht der Zeitung Die Welt aufhorchen. Demzufolge seien bisher noch nicht einmal 100 Bestellungen bei Online City Wuppertal eingegangen, planten einige Händler angesichts der anstehenden Einführung von Monatsgebühren den Absprung und stehe das Projekt grundsätzlich „an einem entscheidenden Punkt“. Sieht es bei der Handelsinitiative wirklich so kritisch aus? Wir befragten dazu Andreas Haderlein:

Location Insider: Nicht einmal 100 Bestellungen in sechs Monaten – ist das bereits ein Indikator für einen Misserfolg von Online City Wuppertal?

Andreas Haderlein: Es stimmt, es gab in den ersten sechs Monaten Betrieb bis 19. Mai insgesamt 79 warenkorbübergreifenden Bestellungen. Bei mehr als der Hälfte handelte es sich um taggleiche Lieferungen, daneben gab es eine Reihe Click & Collect-Bestellungen sowie rund ein Viertel nationale Bestellungen.

Die Vertriebserfolge der Startphase messen das Projektteam und ein Großteil der teilnehmenden Händler aber nicht an den tatsächlichen Online-Kaufabschlüssen, sondern an den Wechselwirkungen zwischen Online-Kommunikation und stationärem Geschäft. Und hier berichten vor allem die engagierten teilnehmenden Händler von deutlichen Frequenzsteigerungen und stationären Umsatzzuwächsen zwischen zehn und 20 Prozent.

Location Insider: Dennoch klingt die Gesamtzahl von 79 Bestellungen etwas enttäuschend…

Andreas Haderlein: Davon ausgehend, dass die meisten deutschen Online-Shops Konversionsraten zwischen ein und fünf Prozent vorweisen, liegt der lediglich über die Presse „beworbene“ lokale Online-Marktplatz in einem respektablen Bereich. Außerdem wuchs die Sortimentsbreite erst im Laufe der Startphase. Zum Start waren 25 Händler mit 475 Produkten online. Erst jetzt, mit rund 60 Händlern und gut 7.000 Produkten, können wir in die eigentliche Bewerbung des Marktplatzes gehen.

Location Insider: Was steckt hinter der Nachricht, erste Händler planten nach Einführung der Monatsgebühr für den Onlineshop von 20 Euro den Absprung?

Andreas Haderlein: Die Gebühr ist der gleiche Betrag, den mittlerweile Atalanda als Grundgebühr verlangt. In Wuppertal sind allerdings alle Händler, die bis 31. Juni zur Online City stoßen, von dieser Gebühr befreit – sozusagen ein Wuppertal-Effekt-Bonus!

Die Gebühr wurde in Wuppertal aufgrund des Drängens der engagierten Händler in der AG Marketing eingeführt. Wir bereiten mit diesem Schritt den Weg für eine nachhaltige Implementierung des digitalen Dachmarketings vor – auch nach dem Auslaufen des Förderprojekts Online City Wuppertal. Viele Händler haben erkannt, dass das zeitliche und bescheidene finanzielle Invest von 240 Euro im Jahr lohnen. Demgegenüber stehen bisher fünf Austritte wegen der Ankündigung der Gebühr. Alle Händler, die austreten, sind mehrheitlich keine klassischen stationären Händler. Insgesamt rechne ich mit rund zehn Austritten wegen der Werbekostenpauschale. Allerdings hatten wir zwischenzeitlich auch schon wieder fünf Neueintritte und mehrere Anfragen von lokalen Händlern.

Location Insider: In dem Welt-Beitrag sprechen Sie von einem „entscheidenden Punkt“ für Online City Wuppertal. Was meinen Sie damit?

Andreas Haderlein: Der „entscheidende Punkt“ bezieht sich auf ein erstes Zwischenfazit zu Online City Wuppertal, das wir gerade erstellen. Aber auch auf das derzeit im Mittelpunkt stehende Schulungsthema Warenwirtschaftssysteme. Wir wollen die Händler dazu motivieren, in Systeme zu investieren, was ja letztlich finanzielle Investitionsbereitschaft bei den Händlern voraussetzt. Und natürlich bezieht sich der „entscheidende Punkt“ auch auf die Einführung der Monatsgebühr, weil sich mit möglichen Austritten dann die Spreu – stille Mitläufer beziehungsweise relativ inaktive Händler – deutlich wahrnehmbarer vom Weizen, den engagierten Händlern, trennt.



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