Phizzard bringt Online-Funktionen in stationäre Modegeschäfte.

von Matthias Hell am 30.Juni 2015 in Local Heroes

Artikel bewerten, nach alternativen Größen/Modellen suchen oder Empfehlungen zu passenden Produkten erhalten – solche klassischen Online-Funktionen werden mit den Kundenterminals von Phizzard auch in stationären Mode- und Schuhgeschäfte möglich. Mit den dabei gewonnenen Daten können Händler ihre Kunden gezielter ansprechen.

Geschäftsführer Peer Hohn gründete Phizzard im vergangenen Jahr

Geschäftsführer Peer Hohn gründete Phizzard im vergangenen Jahr

Der menschliche Verstand neigt zu Schubladisierungen, auch wenn es um die Nutzung von Einkaufskanälen geht. Demzufolge gehören Produktbewertungen und Recommendation Engines zum Online-Handel. Anprobe und Beratung sind klar im stationären Handel beheimatet. Umso überraschender, wenn eine Idee dieses Schubladendenken überwindet und damit Mehrwerte schafft, wie sie zuvor nicht auf der Hand lagen – wie im Fall des Berliner Technologie-Startups Phizzard.

Wie Geschäftsführer Peer Hohn erzählt, entstand die Idee zur Gründung von Phizzard während seiner Zeit als Übergangsgeschäftsführer bei dem Streetwear-Online-Händler DefShop: „Im Fashion-Handel zählen die Themen Passform und Retouren zu den wichtigsten Stellschrauben, wenn es darum geht, das Online-Geschäft profitabel zu machen. Doch sind das auch gleichermaßen Stationärthemen.“ Denn klassischerweise endet so mancher Einkaufsbummel frustriert in der Umkleidekabine – „das ausgesuchte Kleidungsstück passt nicht und der Kunde sucht dann so lange erfolglos nach der richtigen Größe, bis er schließlich aufgibt.“ In Onlineshops ist diese Problematik üblicherweise durch eine leistungsfähige Suche, Empfehlungen und Cross-Selling-Funktionen gelöst. Allerdings fehlt hier die Möglichkeit zur unmittelbaren Anprobe. Für das Ende April 2014 gegründete Phizzard lag es daher nahe, das Beste beider Welten in einer digitalen Lösung für den stationären Einzelhandel zu kombinieren.

Mehrwerte für Kunden und Händler

Im Praxiseinsatz beim Streetwear-Händler Bodycheck wurde die Phizzard-Terminals weiterentwickelt

Im Praxiseinsatz beim Streetwear-Händler Bodycheck wurden die Phizzard-Terminals weiterentwickelt

Der Prototyp des Phizzard-Systems wurde dabei bereits frühzeitig im Praxiseinsatz weiterentwickelt. Die Streetwear-Kette Bodycheck installierte in einer ihrer Filialen Phizzard-Terminals in insgesamt sechs Umkleidekabinen. Kunden können dort seitdem Warenetiketten einscannen und dann auf einem Touchscreen die Passgröße des jeweiligen Kleidungsstücks bewerten. Passt ein Artikel nicht, wird angezeigt, in welchen alternativen Größen und Ausführungen dieser im Laden vorrätig ist. Wird der Kunden dabei fündig, wird das betreffende Kleidungsstück auf Wunsch von einem Verkäufer zur Umkleidekabine gebracht. Seit Anfang 2015 ist die Lösung von Phizzard in einer angepassten Form auch in Geschäften der Online-Schuhmarke Shoepassion.com verfügbar. Hier können Kunden weitere Infos zu den Schuhmodellen abrufen und zum Beispiel nach zugehörigen Pflegeprodukten suchen. Zusätzlich zu dem so entstehenden Kundennutzen bietet das System von Phizzard für Händler einen weiteren Mehrwert: Es werden laufend Daten gesammelt – zur Passform einzelner Artikel, aber beispielsweise auch zur Beliebtheit einzelner Kleidungsstücke und Varianten. Diese können von den Händlern genutzt werden, um die Bedürfnisse stationärer Kunden noch genauer zu treffen. Ebenso können die Passforminformationen („fällt größer/kleiner aus“) in einen eventuell vorhandenen Onlineshop eingespielt werden.

In der Tat handelt es sich bei den ersten beiden Kunden von Phizzard um Multichannel-Händler, die einen Webshop mit stationären Geschäften verknüpfen. Das hatte für die Implementierung des Systems Vorteile: Produktdaten und -Fotos waren zum größten Teil bereits vorhanden. Für künftige Kunden, die noch nicht so weit sind, hat Phizzard einen Kontakt zu einem Produktfotografen hergestellt, desweiteren wird an der Einbindung von Herstellerdatenbanken gearbeitet. Klar ist für Unternehmensgründer Peer Hohn, dass sich Phizzard auch künftig auf die Mode- und Schuhbranche fokussieren will: „Es gab bereits Anfragen von einem Baumarktbetreiber oder einem Teehändler. Das wäre zwar prinzipiell denkbar, doch ist für uns das Thema Passform zentral. Deshalb konzentrieren wir uns auf Mode und Schuhe– zumal auch der Markt hier groß genug ist.“

Weitere Funktionen geplant

Künftig sollen unter anderem Bezahlfunktionen in die Lösung von Phizzard integriert werden (Foto: Messe Düsseldorf/ctillmann)

Künftig sollen unter anderem Bezahlfunktionen in die Lösung von Phizzard integriert werden (Foto: Messe Düsseldorf/ctillmann)

Inzwischen arbeitet Phizzard bereits an der Umsetzung weiterer Funktionen. So können bei Shoepassion.com Click & Collect-Abholscheine mit dem Phizzard-Terminal abgescannt werden. Der Verkäufer sieht dann, was der Kunden bestellt hat, und bekommt die Möglichkeit, passende Zubehörartikel zu empfehlen. Noch in Vorbereitung sind die Funktionen Selfcheckout und Rechnungskauf. Bei diesem Szenario können Kunden die in das Phizzard-Terminal eingescannten Artikel entweder direkt über ein integriertes Kartenlesegerät bezahlen oder sich für eine spätere Bezahlung auf Rechnung entscheiden. „Für Händler besteht hier die Möglichkeit, mögliche Kaufabbrüche wegen zu langer Kassenwarteschlangen zu reduzieren“, erklärt Peer Hohn. Ebenfalls angedacht hat der Firmengründer die Zusammenführung von Kundenkarten und Phizzard-Terminals. Dann könnten Kunden Passforminformationen ihrem Kundenkonto zuordnen und die so gewonnenen Daten zum Beispiel bei der nächsten Bestellung im Onlineshop des Händlers nutzen. Überhaupt ist das System von Phizzard in verschiedenste Richtungen weiterentwickelbar: die Integration eines Onlineshops oder die Anzeige von Warenverfügbarkeiten benachbarter Filialen wurden von den Handelspartnern bisher noch nicht gewünscht, sind aber technisch machbar.

Mit seinem Konzept konnte sich das Startup bereits einen Platz im Axel Springer Plug and Play Accelerator sichern. Bis auf eine daraus resultierende fünfprozentige Beteiligung ist Phizzard noch eigenfinanziert, begibt sich aber nun auf Investorensuche – „ dabei dürften eher strategische Investoren als VCs in Frage kommen“, schätzt Peer Hohn. Von der grundsätzlichen Ausrichtung seines Geschäftsmodells ist der Phizzard-Chef überzeugt: „Ich denke, dass die meisten Händler in Richtung Multichannel gehen werden – auch die Online-Händler, denn diese haben die Chance, mit ihrem Prozesswissen die Stationären zu überholen.“ Um bei den Kunden zu punkten, werde es dabei immer wichtiger, die spezifische Stärke jedes Kanals herauszuarbeiten. „Und eine der wichtigsten Stärken des stationären Handels bleibt auf absehbare Zeit die Anprobe“, ist sich Hohn sicher.



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