Weniger regulieren, mehr kooperieren – die Rettung des stationären Handels?

von Markus Gärtner am 16.Oktober 2016 in News, Trends & Analysen

img_8260Wie kann man eine Stadt und den Handel dort wieder beleben? Oder ist der Handel gar nicht notwendig für eine attraktive Innenstadt? Fünf Vertreter diskutierten am Donnerstag in Leipzig über den Einzelhandel 4.0, seine Herausforderungen und Chancen, so der gleichnamige Titel der Veranstaltung in der Sächsischen Akademie der Wissenschaften. Die AG Stadtentwicklung der Sächsischen Akademie der Wissenschaften und das Institut für Stadtentwicklung und Bauwirtschaft der Uni Leipzig hatten zu der Runde geladen.

Zuvor hatte Silvia Horn von der BBE Handelsberatung mit einigen Zahlen die aktuelle Situation des Handels skizziert. So ist etwa zwischen 1995 und 2015 die Handelsfläche um rund 30 Prozent gestiegen, gleichzeitig hat die Leistung, also eingenommene Euro pro Quadratmeter, um 3 Prozent abgenommen. Auch die Gewinner und Verlierer seit der Jahrtausendwende und dem Aufkommen des Internets waren leicht auszumachen. Der E-Commerce boomt, auch Shopping-Center, Discounter und Filialunternehmen fahren immer noch Gewinne ein. Hingegen leiden Warenhäuser und kleine Einzelhändler ohne Filialen unter dem stattfindenden Umbruch in Technik und Gesellschaft. Dabei machen die Kleinen die Mehrheit der Läden aus, rund 270.000 Händler in Deutschland machen Umsätze von unter 500.000 Euro im Jahr. Diese Läden haben jedoch kaum eine Perspektive. Insgesamt darbt der Einzelhandel außerhalb der 1A-Lagen, der öffentliche Raum werde somit als Erlebnis- und sozialer Raum wichtiger, meint Horn. Vor allem der Handel in den mittelgroßen Städten werde dabei zwischen den attraktiven Großstädten und der hinreichenden Nahversorgung in der Kleinstadt zerrieben. Lösungen könnten regionale Online-Marktplätze wie in Wuppertal oder Mönchengladbach sein. Außerdem müssten die beteiligten Akteure aus Handel, Tourismus, Gastronomie, Stadt und Immobilienwirtschaft mehr miteinander kooperieren.

Ob Popup-Stores Kunden in den stationären Handel locken können, wollte ein Projekt der Uni herausfinden und startete den Laden und das Modelabel GRGS (Georg recreates good style) in der Leipziger Georg-Schumann-Straße. An den vier Öffnungstagen kamen rund 640 Besucher, davon aber allein über 600 zu einem Kunst-Event am Wochenende. In der schwierigen Lage konnten die Studenten immerhin 104 Verkäufe verbuchen.

„Was sie da an Genehmigungen brauchen, das ist unglaublich.“

In der Diskussion um die Zukunft des Einzelhandels kritisierte Lothar Ungerer, Bürgermeister der 15.000-Einwohner-Stadt Meerane, vor allem die übermächtigen Vorschriften u.a. bezüglich Sortimentsbeschränkungen oder Öffnungszeiten, die der Ansiedlung oder Entwicklung von Geschäften wohl oft Steine in den Weg legen. „Was sie da an Genehmigungen brauchen, das ist unglaublich.“ Die Politik vernachlässige den Handel im ländlichen Raum. „Die Regelungen müssen auf den Prüfstand“, fordert auch Johannes Ringel vom Institut für Stadtentwicklung. Der stationäre Handel sei gegenüber dem Online-Handel sonst benachteiligt.

Mit einer Deregulierung würde aber ein Sinken bestimmter Standards einhergehen, entgegnete Stephan Günthner vom Bonner Bundesamt für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Er plädiert dazu, die Zentren nicht nur als Handelsstandorte zu sehen und mehr auf den bereits erwähnten Erlebnisfaktor zu setzen. Kopenhagen sei ein gelungenes Beispiel. Auch Ungerers Forderung nach bundesweit einheitlichen Öffnungszeiten sieht er als schwierig: „Nicht mal die Händler in der Nachbarschaft können sich auf Öffnungszeiten einigen.“

„Viele Händler reiten ein totes Pferd“

Doch nicht nur die Bürokratie setzt dem stationären Handel zu, sondern auch der Online-Handel. „Die zwischenmenschliche Beratung“ sei das größte Plus im physischen Handel, meint Frank Herzog, dessen Unternehmen Herzog und Bräuer Frauenunterwäsche on- und offline vertreibt. Auch die Verknüpfung zwischen beiden Kanälen ist wichtig, etwa durch ein übergreifendes Bonussystem. Jedoch haben viele Händler wohl noch nicht die digitale Entwicklung erkannt und würden „ein totes Pferd reiten“, erklärt Bürgermeister Ungerer. „Da denken viele noch ‚Huch, ein Kunde mit Smartphone – was soll das denn?'“

Die Städte und Händler haben dennoch einige Chancen, sich zu behaupten, fasst Handelsexperte und Moderator Erik Maier  einige genannten Lösungsansätze zusammen: Weniger Regulierung mit z.B. flexibleren Öffnungszeiten und mehr Kooperation zwischen den verschiedenen Akteuren etwa mit einem gemeinsamen Online-Marktplatz. Ringel fordert in seinem Schlusswort noch mehr „Aufenthaltsqualität“ – sowohl in den jeweiligen Filialen als auch im öffentlichen Raum selbst, um so wieder mehr Menschen in die Städte und zu den Händlern zu bewegen.



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