Wie steht es um die deutschen Innenstädte?

von Gastautor am 27.März 2017 in Highlight, News, Trends & Analysen

Von Oliver Brimmers (IFH Köln)

Attraktiver Einzelhandel und attraktive Innenstädte sind eng miteinander verbunden. Das Eine ist ohne das Andere kaum denkbar. Das gilt auch für den Handel im digitalen Zeitalter. So sind die Herausforderungen für den Handel durch die Digitalisierung für die Konsumenten vor allem in den Innenstädten sichtbar. Welche Veränderungen sich hieraus in den Innenstädten ergeben und welche Erfolgsfaktoren vitale Innenstädte ausmachen steht im Fokus der Studie „Vitale Innenstädte 2016“.

Die insgesamt rund 120 teilnehmenden Städte verteilen sich auf alle Ortsgrößen, so dass aussagefähige Ortsgrößendurchschnitte gebildet werden können. Erfreulich ist dabei besonders die breite Streuung der teilnehmenden Städte von Metropolen wie Berlin und Hamburg über Großstädte wie Wiesbaden und Erfurt, Mittelzentren wie Schleswig und Siegburg bis hin zu kleineren Städten wie Saarburg. Auch die regionale Verteilung der Teilnehmerstädte erstreckt sich über alle Bundesländer.

Die Ergebnisse der Untersuchung bilden die Basis für konkrete Handlungsempfehlungen für den Handel und Kommunen. Die Ableitungen helfen Entscheidern bei der Budgetverteilung und Maßnahmenplanung. Was sind nun also die Pain Points deutscher Innenstädte und womit können deutsche Innenstädte überzeugen?

Besucher bewerten Stadtzentren nur mit drei plus

Im Durchschnitt vergeben die im Rahmen der Studie fast 60.000 Befragten für die Gesamtattraktivität ihrer Innenstadt eine drei plus, bewerten sie also als „voll befriedigend“. Allerdings gibt es eine große Spannweite bei der Notenvergabe. So werden einige Kandidaten durchaus mit der Note vier bewertet, während Städte wie zum Beispiel Erfurt, Heidelberg und Hamburg im Einserbereich liegen. Die Bestnote für die Gesamtattraktivität geht an Leipzig.

Innenstädte punkten insbesondere mit Ambiente und Flair

Was unterscheidet aber nun aus Besuchersicht eine „gute“ von einer „schlechten“ Innenstadt? Das Ambiente und Flair einer Stadt haben den größten Einfluss auf die Bewertung der Gesamtattraktivität durch die Passanten – das Einzelhandelsangebot folgt auf Platz zwei. Am besten hat in dieser Kategorie die Stadt Quedlinburg aus der Ortsgrößenklasse der Städte bis 25.000 Einwohner abgeschnitten. 1.200 denkmalgeschützte Fachwerkhäuser, eine historische Altstadt und gut erhaltene Teile der Stadtmauer sichern der Stadt die beste Bewertung durch die Befragten vor Ort.

Auf der anderen Seite bieten sich vielen Städten bei diesem Aspekt Chancen zur Optimierung. Die Passanten vergeben auch hier im Durchschnitt nur ein „voll befriedigend“. Vor dem Hintergrund der Relevanz für die allgemeine Attraktivität sollten Stadt und Handel Konzepte zur Steigerung des Ambientes und Flairs erarbeiten sowie Verbesserungsmaßnahmen ergreifen.
So können beispielsweise durch gezieltes „Gesundschrumpfen“ von Standorten Fußgängerzonen verkürzt und damit ein verdichteter, attraktiver Einzelhandel ermöglicht werden. Auch Modernisierung und Sanierung von Handelsimmobilien sind vielfach notwendig und aus städtebaulicher Sicht mitunter einem Neubau vorzuziehen. Entsprechende Erneuerungsprozesse sind durch die beteiligten innerstädtischen Anspruchsgruppen zu unterstützen. Mit Blick auf die Planung und Durchführung entsprechender städtebaulicher Projekte bietet sich auch die Nutzung städtebaulicher Verträge (z. B. zur Ergänzung von Bebauungsplänen), in denen die Rechte und Pflichten von Investoren und Kommunen innerhalb des jeweiligen Projekts geregelt werden, an.

Der Handel sollte diesen Umstand ebenfalls berücksichtigen und in Fassaden- und Ladengestaltung investieren. Gebäude werden durch die Passanten als wichtigster Aspekt für das wahrgenommene Ambiente und Flair genannt. Händler können dies durch attraktive Schaufenster und Fassadengestaltung aktiv beeinflussen und somit das Einkaufserlebnis steigern.

Handel, Kommunen und Immobilienbesitzer müssen hier Hand in Hand agieren. Damit die vielfältigen Interessen angemessen berücksichtigt werden können, sollte deshalb der Dialog mit allen Anspruchsgruppen gesucht werden, zum Beispiel in Form von runden Tischen, Bürgerdialogen, Beiräten, oder städtebaulichen Wettbewerben. Investitionen in Ästhetik und Baukultur erhöhen generell die Attraktivität einer Innenstadt. Große Handelsimmobilien bzw. Shopping Center sind nur dann sinnvoll, wenn sie sich in die vorhandenen Baustrukturen und Wegesysteme einfügen.

Über den Autor

Oliver Brimmers ist Senior Projektmanager am IFH Köln. Er studierte Geographie mit Schwerpunkt Stadtentwicklung und Sozialgeographie an der Universität zu Köln. Seit 2008 ist er als Projektmanager in der quantitativen und qualitativen Marktforschung tätig. Zunächst beim Kölner Marktforschungsunternehmen Trendscope, später beim international agierenden Unternehmen REPUCOM. Seit April 2014 unterstützt er beim Institut für Handelsforschung den Bereich der Research Experts. Sein Aufgabenbereich fokussiert auf Fragestellungen des Handels und begleitet Kunden im Multi-Channel-Zeitalter bei individuellen Marktforschungs-und Beratungsprojekten. Neben Auftragsprojekten befasst sich Herr Brimmers mit Methoden der Erfolgsfaktoren-und Treiberanalyse.


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