25 Prozent Steuern auf Online-Einkäufe: Gaga-Forderung vom Bestseller-Philosophen.

von Florian Treiß am 14.Oktober 2019 in Highlight, Kommentar, News

Stockphoto von einer vitalen Innenstadt, wie es Richard David Precht wohl gefallen würde

Billiger PR-Stunt: Wohl um die Verkäufe für sein neuestes Buch „Sei du selbst“ anzukurbeln, hat der schöne Philosoph und Talkshow-Dauergast Richard David Precht via „Handelsblatt“-Interview dazu aufgerufen, sämtliche Online-Käufe mit einer zusätzlichen Steuer von 25 Prozent zu belegen. Sein neues Buch gibt es im Netz u.a. bei Amazon* vorerst aber noch ohne 25 Prozent Aufschlag für schlappe 24 Euro (*: Affiliate-Link, damit auch wir von Prechts Buchverkäufen profitieren und eine Provision bekommen).

Schauen wir uns die Forderung und deren Begründung einmal näher an: „Onlineshoppen hat die urbane Kultur zerstört“, meint Precht, und führt als Beispiel seine Heimatstadt Solingen an. „In meiner Kindheit war die Fußgängerzone voller qualifizierter Einzelhändler. In den Neunzigerjahren rollten die Filialketten das Terrain auf. Mittlerweile steht von drei Läden mindestens einer leer, während die anderen beiden von Ramschboutiquen und Dönerbuden bespielt werden. Es gibt keinen Grund mehr, am Wochenende in die Innenstadt zu gehen. Darunter wiederum leidet das Gemeinschaftsgefühl. Und das erleben Sie heute überall.“ Dagegen helfen könnte „eine 25-prozentige Steuer auf all den Kram, den wir tagein, tagaus online bestellen. Und dieses Geld sollte den Kommunen für die Strukturentwicklung zur Verfügung gestellt werden.“

Danke für die Verbraucher-Schelte

Das Internet ist also mal wieder der Bösewicht, keine Frage. Oder wie es unser Lieblingsphilosoph in eigenen Worten sagt: „Die Zeit kann man nicht aufhalten, aber dumme Ideen schon. Nicht jede Innovation ist ein Fortschritt.“ Dass stationäre Händler das Internet zulange verteufelt, igonoriert und auf deren Abschaltung gewartet haben und nun oft selbst an ihren Problemen Schuld sind, darüber sehen wir einfach mal galant hinweg. Und dass es schon seit Jahrzehnten Versandhandel gab, zunächst Katalog-basiert und erst seit rund 25 Jahren auch Web-basiert, und er in friedlicher Koexistenz mit dem stationären Handel existieren konnte: Völlig egal. Und Verbraucher dafür zu schelten, dass sie den kundenfreundlichen Weg des Online-Shoppings gehen – kann man machen, muss man aber nicht. Gerade für viele Verbraucher im ländlichen Raum, die es zur nächsten Fußgängerzone kilometerweit haben, ist dies z.B. eher Segen als Fluch. Und die ganze Handelsbranche kann davon profitieren: Längst haben einige einst stationäre Händler den Trend zum Omnichannel-Handel erkannt und verkaufen auch im Netz statt nur in der Fußgängerzone. Wenn man Prechts Forderung nach der 25-Prozent-Steuer nun weiterdenkt: Was ist mit führenden Omnichannel-Händlern, die z.B. Click & Collect anbieten und dadurch die Frequenz in der City stimulieren? Sollte man da nur die Käufe, die nach Hause geschickt werden, besteuern, die anderen aber nicht?

Lieber 47,11 Prozent auf Quatsch, der geredet wird

Entsprechend amüsieren sich auch viele im Netz über Prechts Forderung: So schreiben die Kollegen von etailment: „Wieso 25%? Keine Ahnung. Klingt halt gut. Besser und schlauer wären 23% oder 26,6%. Weil krumme Zahlen nicht so ausgedacht klingen. Gut wäre übrigens auch eine Steuer, sagen wir 47,11%, auf all den Quatsch, der täglich so mal eben dahergesagt wird. Zahle auch freiwillig mit. Muss ja. Zwinkersmiley.“ Spryker-Gründer Alexander Graf twittert zwinkernd: „Ich finde aber auch, dass das Gemeinschaftsgefühl bei uns im Dorf leidet, seitdem wir nicht mehr gemeinsam Kutsch fahren.“ Handelsforscher Gerrit Heinemann hält Prechts Forderung wiederum für einen „ziemlich dumpfbackenen und vergeblichen Versuch, die eigenen Buchverkäufe in den Buchläden zu pushen“, erklärt Philosophen für „realitätsfremd“ und schreibt von „Retail-Masochismus und Kundennötigung aus den 50igern“.

Eher sachlich wiederum hält es Onlinehändlernews: „Nun sind die Ursachen für die Situation des Einzelhandels und die Attraktivität der Innenstädte vielfältig. Bürger klagen z.B. unter anderem auch über mangelnde oder zu teure Parkplätze. Experten raten unter anderem, die Innenstädte und den Einzelhandel durch Events aufzuwerten und Menschen so zurück in die Fußgängerzone zu holen.“ Wie das gelingen kann, dafür ist z.B. der Zusammenschluss Münchens erste Häuser ein gutes Beispiel, den das „Handelsblatt“ näher vorstellt.

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