Corona-Lockdown als „Digitalisierungs-Booster“: BabyOne-Chefin Anna Weber im Interview.

von Kay Ulrike Treiß am 27.Mai 2020 in Highlight, Interviews, News

Anna Weber von BabyOne (Foto: Hanna Witte)

„Nie war es wichtiger, mutig zu sein“, sagt Anna Weber, Geschäftsführerin der Baby- und Kinderfachmarktkette BabyOne. Die Diplom-Kauffrau stieg 2017 in den elterlichen Familienbetrieb ein. BabyOne betreibt 43 eigene Fachmärkte, weitere 61 Standorte werden von insgesamt 26 Franchisenehmern geführt. Das Handelsunternehmen beschäftigt 1.200 Mitarbeiter. Während des Corona-Lockdowns mussten alle Filialen geschlossen werden. „Dadurch ist uns ein Großteil des Umsatzes einfach weggebrochen. Für etwa 50 Prozent der Mitarbeiter mussten wir Kurzarbeit anmelden“, sagt die 38-Jährige. Der Rettungsanker im Corona-Lockdown war, dass BabyOne sein Online-Vertriebsmodell im November 2019 auf Ship-from-Store umgestellt hatte.

Location Insider: Zu BabyOne zählen 104 Filialen (DACH). Welche Herausforderungen hat die Corona-Krise/der Lockdown für Ihr Unternehmen gebracht? Mussten Sie Kurzarbeit anmelden?

Anna Weber: Für solch eine Situation ist wohl kaum einer vorbereitet und ich denke, es war die größte Herausforderung in unserer über 30-jährigen Unternehmensgeschichte. Wir mussten alle Filialen schließen, dadurch ist uns ein Großteil des Umsatzes einfach weggebrochen. Für etwa 50 Prozent der Mitarbeiter mussten wir Kurzarbeit anmelden. Sowohl die Filialen als auch die Zentrale in Münster waren davon betroffen. Die Mitarbeiter im Bereich E-Commerce und Controlling haben zur Liquiditätssicherung komplett durchgearbeitet. Auch Mitarbeiter in den Filialen konnten wir dank unseres Online-Vertriebsmodells „Ship-from-Store“, digitaler Liveberatung auf Instagram und unseren zusätzlichen LiveChats in unserem Onlineshop weiterbeschäftigen.

Location Insider: Wie hat Sie die Corona-Krise persönlich getroffen? Müssen Sie z.B. – wie so viele andere auch – den Spagat zwischen Arbeit und Kinderbetreuung stemmen?

Anna Weber: Wir haben selbst zwei Kinder im Kita-Alter. Home-Office und Kinderbetreuung unter einen Hut zu bringen, das fordert viel von der Familie. Aber wir haben das gut zusammen durchgestanden. Umso weniger verstehe ich, dass jetzt, wo fast alles wieder geöffnet ist, wo wir shoppen, in den Zoo gehen oder Bundesliga schauen können, die Schulen und Kitas erst so zeitversetzt in eine Normalität zurückfinden. Die Doppelbelastung für Familien, in denen beide Elternteile arbeiten, ist kaum erträglich.

Location Insider: BabyOne hat sein Online-Vertriebsmodell im November 2019 auf Ship-from-Store umgestellt. War das der Rettungsanker im Lockdown?

Anna Weber: Ja, wir haben den Großteil unserer Logistik komplett auf Ship-from-Store umgestellt, d.h. alle unsere Handelspartner sind an unseren Online-Shop angebunden. Damit war es uns während des Lockdowns möglich, auf ein riesiges Warenlager zugreifen zu können und die große Nachfrage nach unserem Sortiment, die ja trotzdem vorhanden war, auch tatsächlich zu bedienen. Und vor allem haben wir in der BabyOne-Gemeinschaft somit alle weitermachen können. Die Franchisenehmer und unsere eigenen Märkte konnten zumindest zum Teil weiterarbeiten. Das war nicht nur für die Liquidität aller Märkte super wichtig, sondern auch für die Motivation jedes Einzelnen.

Location Insider: Laut eigener Aussage war Ihr Onlineshop bisher nur „digitales Schaufenster“. Hat Ihnen der Lockdown sprichwörtlich die Augen geöffnet, dass Sie um zu überleben dringend etwas daran ändern müssen?

Anna Weber: Dass die Strategie eines „digitalen Schaufensters“ nicht mehr zeitgemäß ist, war uns schon länger klar. Aus diesem Grund haben wir auch konsequent unser Ship-From-Store-Konzept umgesetzt und unser Online-Sortiment erheblich ausgebaut. Der Corona-bedingte Lockdown war für uns aber dann doch ein regelrechter „Digitalisierungs-Booster“. Initiativen und Projekte, die wir erst in einigen Monaten gestartet hätten, ziehen wir jetzt vor, z.B. eine noch stärkere Kundenzentrierung und digitale Beratungsmöglichkeiten haben absolute Priorität bekommen.

Location Insider: Wie steht BabyOne nach dem Lockdown da? Wird es Einsparungen oder Änderungen geben?

Anna Weber: Wir werden sicherlich noch kostenbewusster handeln müssen. Aber eines ist auch klar: Wir halten an unserem Expansionskurs fest, denn Investitionen in Zukunftsfähigkeit war noch nie so relevant wie jetzt. Wir werden neue Mitarbeiter einstellen, um uns weiter in Richtung Omnichannel entwickeln zu können. Änderungen wird es sicherlich in der Art und Weise der digitalen Zusammenarbeit geben. Wir haben in der Zentrale acht Wochen komplett aus dem Home-Office gearbeitet. Das hat für online-strukturierte Projektarbeit in Teams richtig gut funktioniert, Meetings sind oft effizienter und pragmatischer. Aber es ist eben nicht alles digital so gut abbildbar, zum Beispiel Innovationen und kreative Brainstormings. Das werden wir für künftige Organisationsprozesse berücksichtigen.

Location Insider: Was macht Ihnen Mut und Hoffnung in dieser schwierigen Zeit?

Anna Weber: Was uns die Krise gezeigt hat: Es arbeiten großartige Menschen bei BabyOne! Egal ob in der Zentrale, in unseren Märkten oder bei unseren Franchisenehmern, wir sind eine tolle Gemeinschaft. Diese werteorientierte und mitarbeiterzentrierte Kultur wird uns helfen, uns durch die Krise zu manövrieren. Wir setzen auf die Eigenständigkeit und die Innovationskraft unserer Mitarbeiter. Sie übernehmen Verantwortung, probieren neue Dinge aus, sind bereit, Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen. Genau das möchten wir fördern und fordern. Denn nie war es wichtiger, mutig zu sein!

Location Insider: Vielen Dank für die ehrlichen und spannenden Antworten!

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