Das Ende des Bargelds naht? So schnell nicht!

von Stephan Lamprecht am 21.September 2018 in Highlight, News, Trends & Analysen

Auf dem Glory Innovation Forum 2018 gab es nicht nur aktuelle Lösungen zur Bargeldautomatisierung zu sehen. (Foto: Glory)

Mobile Payment und kontaktloses Bezahlen sind schick und lassen sich in den Medien gut verkaufen. Die Berichte über aktuelle Bezahlverfahren sollten nur nicht den Blick darauf verstellen, dass das Bargeld nach wie vor das wichtigste Zahlungsmittel im stationären Handel ist. Einmal im Jahr veranstaltet das Unternehmen Glory, weltweit einer der führenden Anbieter von Lösungen zur Bargeldautomatisierung, sein „Innovation Forum“. Eine Traumkulisse bei bestem Wetter waren nicht die einzigen Gründe dafür, dass die Stimmung der Teilnehmer alles andere getrübt war.

Anfang dieser Woche fand in Heiligendamm das „Glory Innovation Forum 2018“ statt. Das Programm der zweitägigen Veranstaltung war vollgepackt mit zahlreichen Vorträgen rund um das Thema Bargeld und dessen Zukunft. Als Journalist hatte ich die Gelegenheit, die Veranstaltung zu besuchen.

Natürlich sehen auch Referenten und Teilnehmer das Aufkommen neuer Bezahlverfahren, wie mobiles oder kontaktloses Bezahlen. Doch die Zukunft des Bargelds sah keiner der Referenten so schwarz, wie es die teilweise doch sehr überschwänglichen Befürworter des bargeldlosen Zahlens gern postulieren. Und so ging es in den Vorträgen der Veranstaltung auch weniger um die Frage, ob und wie lange es Bargeld denn überhaupt noch gibt. Nach Ansicht der mit hochkarätigen Experten besetzten Veranstaltung wird uns „Cash“ noch ziemlich lange begleiten.

Wie komplex eine Bargeldautomatisierung bei einem großen Retailer sein kann, erfuhren die Teilnehmer im Praxisbeispiel von dm. (Foto: Glory)

Für die Befürworter einer bargeldlosen Gesellschaft und Handelswelt gibt es stets zwei Blaupausen: Schweden und China. Mit seiner erklärten Absicht, das Bargeld abzuschaffen, scheint Schweden ein Musterbeispiel für ein Ende des Kampfes mit Kassenstürzen und abgenutzten Geldscheinen zu sein. Übersehen wird indessen gern, dass es inzwischen nicht nur bei der schwedischen Reichsbank einen Umdenkprozess gibt. Auch in Schweden gibt es einen demographischen Wandel, und noch längst nicht jeder Angehörige der älteren Generation ist im Umgang mit Smartphone und Karten so geübt, um damit seine Einkäufe zu erledigen. Kritiker sehen dort die Gefahr, dass es größeren Bevölkerungsgruppen nicht mehr möglich wäre, sich ausreichend zu versorgen. Klar, da liegen Schlagzeilen nahe, dass wieder einmal die „Älteren“ der jungen Generation im Weg stünden. Aber wir können die älteren Menschen ja nun nicht irgendwohin verschiffen.

Das andere Extrembeispiel ist stets China, wo per Smartphone und Gesichtserkennung gezahlt werden kann. Technologisch faszinierend, aber auch mit dem Preis des gläsernen Bürgers bezahlt. In einem Land, das alles andere als freiheitlich-demokratisch ist.

Die Liebe der Deutschen zu Bargeld, sie ist schon legendär und wurde in einer lebhaften Podiumsdiskussion erneut bekräftigt. Statisch gehen die Transaktionen zwar zurück, aber wie die Bundesbank ermittelte, zahlen 74 Prozent der Konsumenten ihre Einkäufe bar. 2014 waren es 79 Prozent. Das Bargeld ist also da und wird noch bleiben. Aber es ist teuer.

Bargeld belastet den Handel, bietet aber auch Chancen.

Für den Handel ist Bargeld eine von mehreren Zahlungsmöglichkeiten am POS, aber je nach Branche auch nach wie vor das am häufigsten genutzte. Es produziert viel Arbeit und Kosten. Welche Aufwände das Bargeldmanagement verursacht, unterstrich eindrucksvoll ein Vortrag der Drogeriekette dm. In einem umfangreichen Projekt wurde das Bargeldmanagement bei einem großen Filialisten automatisiert. Das klingt viel trivialer als es ist. Dazu muss man sich nur vor Augen halten, dass pro Kasse regelmäßig das Bargeld abgeschöpft und in der Filiale gezählt werden muss. Zugleich muss stets ausreichend Wechselgeld vorhanden sein. Übergabe der Kassen zwischen den Mitarbeitern stehen genauso auf der Agenda, wie die Übermittlung möglichst aktueller Werte an die Zentrale. Und da jede Abholung des Bargelds durch ein Werttransportunternehmen Kosten verursacht, bietet eine Steigerung der Effizienz insgesamt ein enormes Potenzial für die Reduzierung von Kosten.

Der Bedarf nach mehr Effizienz bei Bargeldmanagement lässt Anbieter wie Glory auch nach wie vor optimistisch in die Zukunft blicken, wie die Geschäftsführung in einem Gespräch einräumte. Denn gerade ein Anwachsen anderer Bezahlverfahren, würde es für den Handel noch notwendiger machen, das teure Bargeld kostengünstig abzuwickeln.

Im Vortrag des Unternehmens Cardtronics wurde ein interessanter Zusammenhang zwischen Geldautomaten und Umsatzsteigerungen im Handel herausgearbeitet. Im Rahmen einer Studie wurde nicht nur ermittelt, dass sich die Kunden vor dem Einkauf am liebsten mit Bargeld aus einem Geldautomaten in der Nähe versorgen wollen. Dieses Ergebnis erscheint, wenn man sich die eigenen Gewohnheiten vor Augen führt, nicht so überraschend. Erstaunlicher dagegen ist es schon, dass die Umsätze in Läden höher sind, wenn sich ein Geldautomat in der Nähe befindet. Mit anderen Worten: Eine gute Bargeldversorgung in der Nähe des Stores kann die Umsätze positiv beeinflussen.

Ein großes Thema: der Handel als Bargeldversorger.

Das klingt positiv, aber immer öfter stellt sich auch die Frage, aus welchem Automaten denn das Geld kommen soll. Denn die Banken ziehen sich nach wie vor aus der Fläche zurück. Die Filialen werden kleiner oder gleich ganz geschlossen, schließlich kommen weniger Kunden. Eine logische Entwicklung, denn die Banken haben zu Zeiten hoher Zinsen und blühender Geschäfte ja nichts unversucht gelassen, um die Kunden zu erziehen, Software oder Internetauftritt zu benutzen, aber ja nicht die Filialen aufzusuchen. Die Kunden haben gelernt, bleiben weg und verteuern das Bankgeschäft. 

Die Rolle des Bargeldversorgers könnte der Handel übernehmen. Cashback lautet das Zauberwort. Ansätze dazu wurden auf dem „Glory Innovation Forum“ auf und abseits der Bühne rege diskutiert und konnten begutachtet werden. Von der Aufstellung eigener Geldautomaten durch einen Fullservice-Dienstleister oder durch intelligentes Recycling des in den Filialen ohnehin vorhandenen Bargelds: Technische Möglichkeiten gibt es genug.

Damit kann sich der stationäre Handel nicht nur mit einem vorteilhaften Service positionieren, der regelmäßige Besuch des Ladens zur Bargeldversorgung eröffnet die Chancen für mehr Frequenz und höhere Umsätze. Und das ist ja inzwischen bereits mehr als ein Trend. Rewe, Toom, Penny, dm, Aldi und Lidl bietet das Geldabheben an der Kasse an. Das Thema wird in der nächsten Zeit wohl noch eine weitere Dynamik erhalten. Die Technik moderner Geldautomaten ist inzwischen schon lange so weit, dass der Kunde je nach gewählter Karte ein individuelles Branding vorfindet. Bewegen müssten sich dazu nur noch die Banken.

Ein Fazit des Glory Innovation Forums darf wohl zurecht lauten: Bargeld ist quicklebendig und noch lange kein Auslaufmodell.


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