Galeria-Kaufhof erleidet erste Schlappen vor Gericht, Google mit Debitkarte, Paydirekt streicht Transaktionsgebühren.

von Stephan Lamprecht am 20.April 2020 in News

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Bundesweit hat der Handel auf diesen Tag gewartet. Der strikte Lockdown ist vorbei und die ersten Geschäfte öffnen wieder ihre Ladentüren. Heftig diskutiert wird nach wie vor die Frage, warum das nicht für Läden mit mehr als 800 Quadratmetern Verkaufsfläche erlaubt ist. Die Verärgerung ist nachvollziehbar, geht aber darüber hinweg, dass es in den einzelnen Landesverordnungen weitere Beschränkungen gibt. So hat beispielsweise die Landesregierung von Schleswig-Holstein klar definiert, dass nur ein Kunde pro 10 Quadratmetern eingelassen werden darf. Der Händler hat zu gewährleisten, dass die Menschen das Geschäft einzeln betreten und außerdem mittels eines Personalschlüssels Mitarbeiter abzustellen, die die Einhaltung der weiterhin bestehenden Regeln für den öffentlichen Raum sicherstellen. So sehr ich den kleinen Boutiquen, Juwelieren und Lädchen mit tollen Geschäftsideen den Umsatz gönne und wünsche. Ob die verunsicherten Kunden unter diesen Voraussetzungen den Handel stürmen? Zweifelhaft.

Galeria-Kaufhof erleidet erste Schlappen vor Gericht, Vorbild Österreich, Verkaufen auf Distanz

“Die Entscheidung der Politik zeugt von mangelnder Sachkompetenz in Fragen des Einzelhandels. Und sie legt die Vermutung nahe, dass einerseits die Lobbyisten der Automobilindustrie wieder einmal ihren ganzen Einfluss geltend machen konnten und das Lesen und Radfahren zu den bevorzugten Freizeitaktivitäten unserer Politiker zählen.“

EHI-Geschäftsführer Michael Gerling hat seine eigene Meinung zur schrittweisen Aufhebung des Lockdowns. Diese und weitere (zum Teil) doch wütende Stimmen hat Fashionunited versammelt. Da lassen wir die Frage mit im Raum, ob hier eher die Wut über den mangelnden Einfluss der eigenen Lobbyisten eine Rolle spielt? Ob Entscheidungsträger in der Politik auf Beschimpfungen verständnisvoll reagieren?

Die Oberverwaltungsgerichte in Berlin und in Greifswald haben Eilanträge von Galeria-Karstadt-Kaufhof gegen die Verordnungen zur Schließung von Warenhäusern wegen der Corona-Krise zurückgewiesen. NRW fällt im Laufe der Woche eine Entscheidung. In der Begründung schrieben die Richter den Warenhäusern durch die Blume ins Stammbuch, nicht relevant für das Gesamtsystem zu sein. „Warenhäuser müssten nicht gleich behandelt werden wie Einzelhandelsgeschäfte, die der Grundversorgung der Bevölkerung dienen und deshalb von der Schließung ausgenommen sind.“

Trotz der Ladenöffnungen gelten hygienische Maßnahmen weiterhin. Dazu gehört das Einhalten der Distanz von mindestens 1,5 Metern zu den Mitmenschen. Keine einfache Situation beim Verkaufen von emotionalen Gütern wie Mode. Anne-Marie van Leggelo, Expertin für gutes Benehmen, glaubt aber daran, dass Freundlichkeit und Humor kreative Lösungen finden. Sie hat ein paar Tipps zusammengestellt, wie die Verkäufer es schaffen, diesen besonderen Einkauf dennoch zu einem positiven Erlebnis zu machen.

„In den Geschäften selbst zählt derzeit eher die Notwendigkeit und weniger die Marke.“ In Österreich wurden die Geschäfte bereits geöffnet. Auch dort gibt es klare Restriktionen und saftige Strafandrohungen für das Nichteinhalten. So kann die Republik auch als Blaupause für das dienen, was die Händler in Deutschland in den kommenden Tagen erwartet. Im Durchschnitt 40 Prozent des sonstigen Umsatzes, Warteschlangen vor den Geschäften, die aber eine Folge der Abstandsregeln sind und Leere bei Flagship-Stores bekannter Marken. Denn bei denen kaufen die Kunden in aller Regel auch online ein.

Paydirekt streicht Gebühren, Google mit Plänen für Debit-Karte, Macau verteilt Prepaid-Karten

“Eine Entwicklung, die mehrere Jahre dauern sollte, wird durch die Corona-Pandemie nun auf wenige Monate kondensiert.“

So Gökhan Öztürk, Partner bei Oliver Wyman. Das Beratungsunternehmen hat eine Studie publiziert, wonach der Anteil von Barzahlungen nach Umsatz bis 2025 auf 32 Prozent sinken könnte.

Die Pandemie sorgt dafür, dass immer mehr Händler online verkaufen. Paydirekt, genau der von der deutschen Kreditwirtschaft als Konkurrenz zu Paypal positionierte Zahlungsdienstleister, will die Händler dabei unterstützen. Das Unternehmen verzichtet von April bis Juni auf die Transaktionsentgelte der Händler.

Ähnlich wie die Apple Card will auch Google eine Karte ins das Zentrum seines Bezahldienstes Google Pay stellen. Während Apple auf eine Kreditkarte setzt, soll es sich bei Googles Gegenstück um eine Debitkarte handeln. Die soll sowohl physisch in den Geschäften als auch digital funktionieren.

Apropos Karte: Wie man den lokalen Handel auch ankurbeln kann, zeigt die Sonderverwaltungszone Macau im Süden Chinas. Dort werden aufgeladene smarte Prepaid-Karten an die Bevölkerung verteilt. Das Guthaben im Wert von knapp 380 Dollar kann bis Ende Juli in den Geschäften vor Ort ausgegeben werden. Die Karte eignet sich aber nicht dafür, Flüge zu buchen oder Mieten und Strom zu bezahlen. In einer zweiten Welle gibt es dann noch einmal ein Guthaben, das zwischen August und Dezember gültig ist.

Breuninger öffnet virtuell, Walmart stellt ein

Per Telefon, WhatsApp oder FaceTime hat Breuninger einen deutschlandweiten Bestell- und Beratungsservice eingerichtet. Die Verkäufer des Unternehmens beraten virtuell von der Verkaufsfläche aus den Häusern – individuell auf den jeweiligen Kundenwunsch zugeschnitten. Für die Beratung aus dem Stuttgarter Flagship-Store hat Breuninger direkte Durchwahlen veröffentlicht. Der Service gilt aber auch für andere Häuser. Um die Berater an seinem Wunschort zu erreichen, muss vorab telefonisch ein Termin vereinbart werden.

“Wenn die Lockerungen in Kraft treten, werden wir ein enormes Überangebot an Kleidung in allen großen Ländern haben.“

Otto-Chef Alexander Birken rechnet zum Ende des Lockdowns mit einer Rabattschlacht im Modehandel. Das wollen Menschen wie Constanze Klotz, Modeunternehmerin und Gründerin des Fair-Fashion Labels „Bridge & Tunnel“, verhindern: Im Podcast „Der achte Tag“ weist sie auf die Initiative #FairFashionSolidarity hin, die genau diese Rabattschlacht vermeiden will, u.a. aus Respekt vor den Menschen, die die Mode hergestellt haben, und dem Wert der Ware selbst. Dazu haben sich bereits über 250 Modehersteller und -händler zusammengeschlossen.

Der US-Händler Walmart stellt aktuell täglich 5.000 Mitarbeiter ein, um die gestiegene Nachfrage nach Lebensmitteln und Hygieneprodukten überhaupt zu bewältigen. Der Großteil der Stellen ist zeitlich befristet. Die neuen Mitarbeiter stammen überwiegend aus der Gastronomie, in der auch in den USA Stillstand herrscht.

Unser Einschalttipp

Morgen um 16:30 Uhr startet der nächste Digital-Talk der Initiative „Händler helfen Händlern“, die wir als Medienpartner sehr gern unterstützen. Das Thema diesmal: „Wie wird der Handel in der Corona-Krise schnell verkaufsfähig?“ Mit dabei u.a. Ralf Kleber, Country Manager von Amazon. Die Teilnahme wird morgen ab 16.30 Uhr unter diesem Link hier möglich sein.

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