Interview: Amir Karimi über die Kassenbon-App Admin.

von Florian Treiß am 17.Oktober 2019 in Interviews, News

„Die Digitalisierung ist außer Kontrolle geraten. Mein Appell lautet deshalb: Hört auf, alles um jeden Preis zu digitalisieren!“, forderte Amir Karimi vor kurzem in einem Fachbeitrag für unser Schwesterportal mobilbranche.de. Sein Ansatz einer maßvollen Digitalisierung: Er möchte gedruckte Kassenzettel abschaffen, denn sie sind schlecht für die Umwelt und Gesundheit – und wenn man sie einmal für eine Reklamation braucht, hat man sie meist längst entsorgt. Mit seinem Bremer Software-Unternehmen A&G GmbH hat er deswegen „Admin“ entwickelt, eine App für digitale Kassenbons, die papierloses digitales Quittieren ermöglicht. Welche Vorteile die Lösung, die bald Premiere feiern soll, Händlern und Verbrauchern verspricht, darüber haben wir mit Amir Karimi gesprochen.

Location Insider: Wieso wollen Sie gedruckte Kassenzettel abschaffen?

Amir Karimi: Es gibt nur eine einzige positive Funktion des Kassenzettels: Er belegt einen Kauf und ist damit der Nachweis, den es braucht, um etwas umzutauschen, von der Garantie Gebrauch oder den Einkauf bei der Steuer geltend zu machen. Aber das Erstaunliche ist dabei, dass niemand mit dem Bon etwas Positives verbindet. Und das liegt an seiner Beschaffenheit: Er ist aus Papier, das schnell verknittert, ausbleicht oder verloren geht. Er hat kein einheitliches Format. Er ist lästig, sorgt für dicke Portmonees, kurzum: Der Papierbon nervt. Das ist der psychologische Aspekt.

Viel wichtiger aber ist ein anderer: In Zeiten, in denen die Diskussion um den Klimawandel den gesellschaftlichen und politischen Alltag prägt; in denen wir dabei sind, Plastiktüten und Strohhalme und vieles mehr abzuschaffen, haben wir jeden Tag etwas in der Hand, dessen Umweltschädlichkeit nur den wenigsten bewusst zu sein scheint. Deutschland verbraucht seit diesem Jahr so viel Papier, wie kein anderes Industrieland: 241,7 Kilogramm pro Kopf – der Waldbedarf für die Papierproduktion entspricht in etwa einer Fläche von 40.000 Fußballfeldern. Klar, an den Gesamtzahlen haben Papierbons einen relativ kleinen Anteil. Aber hier könnte man so einfach wertvolle Ressourcen einsparen, zu denen neben Holz natürlich auch die Millionen Liter an Wasser gehören, die in der Produktion der Belegrollen verschwendet werden, und den CO2-Verbrauch beim Transport.

Hinzu kommt die Gesundheitsbelastung, denn noch immer wird mehr als jeder zweite Kassenbon auf Thermopapier gedruckt, das Bisphenol A enthält – ein hormonell wirksamer Stoff, der in Verdacht steht, krebserregend zu sein. Dadurch, dass die Belege meist im Altpapier entsorgt werden, gelangt der Giftstoff in die Umwelt und ins Grundwasser. Mal abgesehen von den Kassierern, die jeden Tag etliche dieser Bons in die Hand nehmen müssen.

Location Insider: Welchen Mehrwert bieten umgekehrt digitale Kassenzettel?

Amir Karimi: Der größte Mehrwert eines digitalen Kassenbelegs ist grundsätzlich, dass er den Papierbon und all seine schädlichen Eigenschaften durch eine günstigere, umwelt- und nervenschonendere Alternative ersetzt. Für den Verbraucher ist es leichter, alle Belege auf seinem Smartphone zu archivieren – kontaktlos, noch während des Bezahlvorgangs und ohne weiteren Aufwand. Weil die digitalen Kassenbons in der Cloud gespeichert werden, sind sie jederzeit von jedem Ort aufrufbar; das lästige Suchen nach einem Beleg fällt also ebenso weg. Besser noch: In Zukunft gibt man nur noch das Produkt oder das Kaufdatum ein und kriegt das Ergebnis direkt angezeigt. Nie wieder lose Zettel in Jackentaschen, Portmonees, Steuerunterlagen – das ist für mich der Gedanke, der mich auf die App gebracht hat und, ehrlich gesagt, gleichzeitig meine größte Motivation, das Vorhaben umzusetzen.

Auf Händlerseite gibt es auch einige Vorteile. So müssen Supermärkte und Co. weniger Bonrollen vorhalten, haben geringere Wartungskosten bei ihren Druckern, verkürzen Wartzeiten, weil der digitale Beleg in Sekundenschnelle übertragen wird – und vermeiden Müll, der anfällt, wenn Kunden ihren Beleg nicht mitnehmen. Denn seien wir ehrlich: Die meisten Kassenzettel landen direkt nach dem Druck im Müll. Ein digitaler Kassenbon verursacht dabei nur ein Drittel der Kosten eines Belegs aus Papier.

So soll das Menü der Admin-App aussehen

Location Insider: Was macht Ihre App spannend gegenüber „Insellösungen“ von Händlern? Man kann ja z.B. auch über die App von Decathlon seine Kassenzettel bekommen und auch Rewe bietet E-Bons an.

Amir Karimi: Das stimmt. Wir sind nicht als erste auf die Idee gekommen, und auch vor uns gab es schon einige Kassenbon-Apps, die leider gescheitert sind. Wir haben uns diese Projekte und den Markt sowie das Verhalten der Kunden angeschaut und versucht, herauszufinden, welche Ansprüche eigentlich an einen digitalen Kassenzettel bestehen. Bislang war das grundlegende Problem: Bons wurden digital abgebildet, boten aber ansonsten kaum Vorteile. Und oft war dieser Prozess damit verbunden, dass man selber ein Foto von seinem Bon machen musste.

Wir haben bei unserer App admin deswegen besonders viel Entwicklungszeit in den vergangenen drei Jahren darauf verwendet, ein komfortables User-Erlebnis zu schaffen. Das beginnt bereits an der Kasse: Hier werden die digitalen Daten kontaktlos über NFC- oder alternativ QR-Technologie auf das Smartphone übertragen. Die gesammelten digitalen Kassenbons lassen sich intuitiv aufrufen, nach unterschiedlichen Angaben ganzheitlich durchsuchen und nach dem eigenen System in Ordner sortieren. Diese Ordner können zum Beispiel auch an den Steuerberater – oder im Unternehmen: an die Buchhaltung – freigegeben werden, sodass diese ganz einfach Zugriff haben.

Der Vorteil gegenüber Insellösungen ist: In unserer App können die Belege aller Partnerunternehmen gesammelt werden – man muss also nicht für jedes Geschäft eine einzelne App installieren und aufrufen. In unserer App können aber auch Belege aus Onlineshops hinzugefügt werden. Alle Bons, zentral an einem Ort – und das ist endlich nicht mehr der Schuhkarton! Sondern ein Gerät, das uns tagtäglich durch sämtliche Situationen begleitet und durch den Mobile-Payment-Fortschritt sowie digitale Kundenkarten zunehmend auch wie selbstverständlich am Point-of-Sale, also an der Kasse, eingesetzt wird.

Location Insider: Welche Partner im Einzelhandel konnten Sie für Ihre Lösung schon gewinnen?

Amir Karimi: Wir sind aktuell auf einem sehr guten Weg. Wir haben bereits Fast-Food- und Tankstellen-, aber auch Supermarktketten an Bord und führen intensive Gespräche mit weiteren. Für die Händler ist das Risiko, unser System zu integrieren, eben auch sehr gering: Der Aufwand ist überschaubar, die Kosten machen nur noch ein Drittel der aktuellen Kosten für einen Papierbon aus, und viele Händler wollen sich auch weiter digitalisieren, um sich für die Zukunft aufzustellen – vor allem vor dem Hintergrund, dass schon bald die Kassenbon-Pflicht kommt. Wer genau als  artnerunternehmen dabei ist, werden wir aber erst zum Launch der App öffentlich machen.

Location Insider: Sie kooperieren auch mit dem Druckerhersteller Epson. Wieso ist für Epson, das Bons auf Papier bringt, ein digitaler Kassenzettel spannend?

Ein Drucker, der sowohl Papierbons drucken und digitale Daten übertragen kann, ist sicher eine Lösung, die in den nächsten Jahren gefragt sein wird. Denn: Dass der digitale Kassenbon auf dem Vormarsch ist, ist keine Frage. Wir würden uns natürlich freuen, wenn er durch unsere admin-App seinen Durchbruch erlebt.

Location Insider: Werfen Sie doch bitte einen Blick in die Zukunft: Was wird im Einzelhandel in 10 Jahren anders sein als heute?

Amir Karimi: Eines ist klar: Die Digitalisierung wird den Einzelhandel weiter durchdringen. Ich bin davon überzeugt, dass neue Technologien das Einkaufserlebnis fortlaufend verändern werden. Schon jetzt gibt es viele interessante Ideen, von kassenlosen Geschäften über digitale Spiegel und smarte Regale bis hin zu Laufwege-Analysen etc.– und erste Leuchttürme, wie Shops in der Zukunft aussehen könnten. Allerdings fällt es mir schwer, da zu bewerten, welche wirklich massentauglich und sinnvoll sind und was Spielerei ist.

Ich gehe davon aus, dass das Smartphone noch mehr in den Mittelpunkt rückt und neben digitalen Kassenbons und Mobile Payment auch weitere Möglichkeiten bieten wird. Wie wäre es zum Beispiel, wenn man die Einkaufsliste vom Handy an den Einkaufswagen übertragen könnte, und dieser einen direkt zu den Produkten navigiert? Assistenzsysteme werden das Shopping weiter vereinfachen. Und auch die Verzahnung zwischen On- und Offline wird zunehmen. Aber zehn Jahre sind nicht viel Zeit. Ich bin froh, wenn sich bis dahin der digitale Kassenbon etabliert und als massentauglich erwiesen hat.

Location Insider: Vielen Dank für das Interview!

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