Interview: Dr. Peter Ruppel von Bitplaces über Location Tracking.

von Christian Bach am 05.Februar 2014 in Interviews

PeterRuppel„Ich vermute, dass es in Zukunft nicht mehr um die Frage geht, ob eine Nachricht standortbezogen versendet wurde, sondern wie gut der Standortbezug jeweils hergestellt wurde“, prophezeit Bitplaces-Mitgründer Dr. Peter Ruppel. LBS-User nutzen nicht mehr nur GPS, sondern auch Bluetooth-Low Energy (BLE) oder die Navigation per Kamera. Ruppel ist „fest davon überzeugt, dass Bluetooth Low Energy einen großen Beitrag für zukünftige Indoor-LBS leisten kann“. Kamera-Navis sieht er als „vielversprechenden Ansatz“. Auf der Local Web Conference heute in Nürnberg spricht er zum Thema „Location Tracking“. Dabei geht es speziell um die Anwendungsszenarien von iBeacon, NFC, W-Lan, GPS und anderen Tracking-Möglichkeiten.

Location Insider: Sie halten Vorlesungen an der Technischen Universität Berlin. Sind Ihnen Ihre Studierenden sogar einen Schritt voraus in der Nutzung von Location-based Services (LBS)?

Peter Ruppel: Ich erlebe in den Diskussionen mit meinen Studierenden, dass deren Nutzung von ortsbezogenen Diensten im Alltag über die letzten Jahre nicht nur stark zugenommen hat, sondern für fast alle von ihnen mittlerweile völlig selbstverständlich geworden ist. Da es sich überwiegend um Studierende der Masterstudiengänge Informatik und Technische Informatik handelt, ist hier eine gewisse Affinität zu diesen Themen natürlich naheliegend. Und in der Tat begegne ich auch immer wieder einzelnen Studierenden, die einen bemerkenswert umfangreichen Überblick über existierende LBS mitbringen.

Location Insider: Sie haben einen Doktor in Informatik und haben einige Forschungs- und Entwicklungsprojekte gestaltet. Wo liegen derzeit die Schwerpunkte in der Forschung zu Location-based Services?

Peter Ruppel: Derzeit sehe ich vier große Themenbereiche: erstens die dynamische Kombination verschiedenster Positionierungsverfahren, zweitens der Einsatz von LBS in Gebäuden, drittens die Verarbeitung komplexer ortsabhängiger Ereignisse und viertens effektive Datenschutzlösungen für LBS.

In der ersten Generation der LBS vor über zehn Jahren kamen vorrangig ungenaue, netzbasierte Positionierungsverfahren zum Einsatz. In der zweiten LBS-Generation vollzog sich ein Wechsel hin zu gerätezentrischen Positionierungsverfahren. Gleichzeitig wurden mit dem Ausbau von Mobilfunknetzen und lokalen WLANs Infrastrukturen geschaffen, die auch die Genauigkeit der Positionierungsverfahren sehr positiv beeinflusst haben. Jedoch hat jede Positionierungstechnologie ihre Vor- und Nachteile hinsichtlich Genauigkeit, Robustheit, Verfügbarkeit, Energieverbrauch und Infrastrukturkosten. Hier entstehen gegenwärtig spannende Ansätze, diese Technologien dynamisch und in Abhängigkeit des jeweiligen Dienstes miteinander zu kombinieren.

Dem erfolgreichen Einsatz von LBS in Gebäuden stehen bislang zwei wesentliche Hindernisse im Weg: zum einen mangelt es an flächendeckenden Infrastrukturen für die genaue Positionierung von Endgeräten. Zum anderen besteht ein Bedarf an Standards und einfach zu verwendenden Tools zur Modellierung von Gebäuden, auf deren Basis dann beispielsweise Karten erzeugt oder Routen für die Indoor-Navigation berechnet werden können. Zwar existieren bereits zahlreiche Ansätze und Technologien für Indoor-Positionierungsverfahren, und einige darunter erreichen durchaus sehr hohe Genauigkeiten. Jedoch gehen solche Systeme oft mit viel Aufwand und hohen Kosten für die Einrichtung einher. Unabhängig davon, ob es sich um ein System auf der Basis von WLAN-Signalen, Bluetooth-Beacons, Magnetfeldmessungen oder Trägheitssensoren handelt, sehe ich hier allgemein eine große Chance für selbstlernende bzw. sich selbst kalibrierende Positionierungssysteme.

Das dritte Thema, die Verarbeitung komplexer ortsabhängiger Ereignisse, baut auf den Ansätzen des Complex-Event-Processing auf und erweitert sie um die Dimension des Ortes. Dies ist besonders im Kontext einer immer stärkeren Personalisierung der Dienste entscheidend. Die große Herausforderung liegt hierbei zum einen in der Wahl geeigneter Datenstrukturen, zum anderen brauchen wir geeignete Tools und Nutzerschnittstellen, um Events zu definieren bzw. nachvollziehen zu können.

In Bezug auf Datenschutz und Schutz der Privatsphäre für LBS hat die Forschung in den vergangenen Jahren zahlreiche vielversprechende Ansätze entwickelt. Beispiele sind die Anonymisierung, Pseudonymisierung und künstliche Verschleierung von Geokoordinaten, oder auch komplexe Regelwerke zur Vergabe von Zugriffsrechten auf bestimmte Positionsdaten. Jedoch ist nicht erst seit der vielzitierten Arbeit von Yves-Alexandre de Montjoye et al. [1] bekannt, dass bereits wenige Datenpunkte in einer kontinuierlichen Spur von Geokoordinaten ein Datenschutzrisiko darstellen können. Insofern stellt sich hier gegenwärtig die Frage, durch welche Mechanismen jedem eine einfache Kontrolle über seine Positionsdaten gegeben und wie dies transparent gemacht werden kann. Eine starke Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, d.h. Datensicherheit, sollte dabei natürlich immer gegeben sein.

Location Insider: Kommen wir auf Bitplaces zu sprechen: Das Thema Ihres Panels bei der Local Web Conference lautet Location Tracking – Wer und wo ist der Nutzer? Woher wissen Sie bei Bitplaces, wen Sie genau tracken und ansprechen können?

Peter Ruppel: Bitplaces betreibt eine Plattform für mobiles Targeted Marketing, Location-based Messaging, Customer Analytics und mobile Prozessautomatisierung. Dazu stellen wir Software-Development-Kits bereit, die sich in bestehende mobile Apps integrieren lassen. Für das Erkennen der ortsabhängigen Ereignisse und zur Auslieferung von Nachrichten wird innerhalb des SDKs ein zufällig generiertes Pseudonym verwendet. Dadurch ist Bitplaces die Identität des App-Nutzers nicht bekannt. Die Ansprache erfolgt zum einen auf der Basis räumlich-zeitlicher Regeln, zum anderen anhand von Interessensprofilen, die mit dem Pseudonym verknüpft werden können.

Location Insider: Müssen Nutzer Interessen in der App eines Anbieters festlegen oder erhalten sie auch ohne weitere Angaben ortsbasierte Hinweise?

Peter Ruppel: Beides ist möglich und ist abhängig vom Anwendungsfall der jeweiligen App. Handelt es sich um eine Vielzahl von thematisch unterschiedlichen Geofences bzw. Nachrichten, so können Interessen z.B. über Kategorien oder freie Tags konfiguriert werden. Zusätzlich empfiehlt sich auch ein Standardprofil, über das alle neuen Nutzer angesprochen werden können, die noch keine genaueren Präferenzen angegeben haben.

Location Insider: Ihr Kollege Behrend Freese sagte im Mai 2013: „Kunden reagieren doppelt so häufig auf standortbezogene Nachrichten als auf vergleichbare Nachrichten, die nicht zielgerichtet verschickt werden.“ Wie hat sich dieser Wert in der Vergangenheit entwickelt und wie schätzen Sie seinen zukünftigen Verlauf ein?

Peter Ruppel: Wir sehen weiterhin eine deutliche Steigerung dieses Wertes. In mehreren Anwendungsszenarien haben wir in den vergangenen Monaten durchgängig CTRs im unteren zweistelligen Bereich beobachten können. Ich vermute, dass es in Zukunft nicht mehr um die Frage geht, ob eine Nachricht standortbezogen versendet wurde, sondern wie gut der Standortbezug jeweils hergestellt wurde.

Location Insider: Bitplaces setzt auf die Ortung von Smartphones. Bisher war dies vor allem per GPS und W-Lan möglich. Inwiefern kann Bluetooth Low Energy das Tracking verbessern?

Peter Ruppel: Bluetooth Low Energy ist eine spannende Technologie, und wir haben ein entsprechendes Geofencing auf der Basis von Bluetooth Low Energy bereits prototypisch in unsere Plattform mit aufgenommen. Gerade innerhalb von Gebäuden und für kleine Bereiche besteht hier die Möglichkeit, ganz neue Formen der Kundenansprache zu realisieren. Wir probieren zur Zeit verschiedene Szenarien aus, und ich bin fest davon überzeugt, dass Bluetooth Low Energy einen großen Beitrag für zukünftige Indoor-LBS leisten kann.

Location Insider: Stephan Theiß, der Geschäftsführer von Gelbe Seiten Marketing, wies vor kurzem im exklusivem Interview mit Location Insider auf die Zusammenarbeit mit Ihnen hin: „Wir gehen aber noch einen Schritt weiter mit Bitplaces. Das Unternehmen arbeitet mit Geofencing, was wir auch in unsere Apps integriert haben. Das ist ein Dienst, den wir bisher noch nicht in der Breite anbieten. Wir testen ihn gerade sehr intensiv.“ Wie weit sind die Tests vorangeschritten? Welches Fazit können Sie eventuell bereits daraus ziehen?

Peter Ruppel: Wir sehen ein großes Interesse der Einzelhändler für die standortbezogene Ansprache und haben bereits mit Gelbe Seiten eine Vielzahl an gemeinsamen Nutzungsszenarien umsetzen können. Die Tests haben die Erwartungen von unserer Seite erfüllt bzw. übertroffen. Auf Basis dieser Ergebnisse entwickeln wir derzeit passende Produkte.

Location Insider: Die University California in Berkeley hat laut Technology Review eine weitere Lösung zur Indoor-Navigation entwickelt – sie nutzt die Kamera, welche die Umgebung erkennt und den Nutzer entsprechend navigieren kann. Ist das noch Zukunftsmusik oder lassen wir uns bald ohne GPS, W-Lan oder Bluetooth durch Shoppingzentren leiten?

Peter Ruppel: Die Indoor-Navigation anhand einer Kamera ist meiner Meinung nach ein vielversprechender Ansatz, da sie eine sehr intuitive Form der Wegeführung darstellt und gleichzeitig exakte Positionen liefern kann. Die Arbeiten der UC Berkeley oder auch das NavVis-Projekt der Technischen Universität München zeigen hier sehr schön, was wir möglichweise schon sehr bald auf jedem Smartphone erwarten können. Gleichwohl bleiben neben der Indoor-Navigation immer auch die zahlreichen anderen Arten von Location-based Services bestehen, die jede für sich auf ganz unterschiedliche Positionierungs-Technologien und -Infrastrukturen angewiesen sind.

Location Insider: Vielen Dank für das Interview.

Weitere spannende Interviews zu Location-based Services:

Referenzen: [1] de Montjoye, Y.-A., Hidalgo, C.A., Verleysen, M. & Blondel, V.D. Unique in the Crowd: The privacy bounds of human mobility. Nature Scientific Reports 3, 1376; DOI:10.1038/srep01376 (2013).
http://www.nature.com/srep/2013/130325/srep01376/full/srep01376.html


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