Interview: Georg Burtscher von Russmedia.com über Local Content.

von Christian Bach am 30.Januar 2014 in Interviews

BurtscherII„Die ortsbezogenen Funktionen in jeder App, egal ob Marktplatz, Job, Immo oder News, sind enorm wichtig – denn jeder User bewegt sich die meiste Zeit in seinem direkten Umfeld und interagiert auch lokal“, sagt Georg Burtscher. Der Geschäftsführer für Marketing und Verkauf von Russmedia Digital hebt damit die Bedeutung des Standortbezugs in mobilen Anwendungen hervor. Auf der Local Web Conference am 5. Februar in Nürnberg spricht er mit Dani Winter von der Schweizer TagesWoche und Christoph Tank von audioguideMe über Content für das Local Web, da dieser Bereich neue Formate benötigt. Diese will Russmedia als einer der führenden Portalbetreiber in Österreich unter anderem mit der lokalen Nachrichtenplattform vol.at und damit verbundenem lokalem Storytelling oder mit dem Kleinanzeigenportal Laendleanzeiger bieten.

Location Insider: Die Vision von Russmedia lautet: „Wir möchten uns in unserer Region tiefer verwurzeln, als Google das je kann – und so zur Datenbank der Region werden.“ Wie weit sind Sie auf diesem Weg?

Georg Burtscher: Wir sind auf einem sehr guten Weg. In all unseren Rubriken News, Immobilien, Marktplätze, Auto, Job sind wir klarer Marktführer und bauen unsere Marktanteile laufend aus. Im Gegensatz zu Google und Co., haben wir als regionales Medienunternehmen viel tiefere Netzwerke als sie es je haben können. Aber auch wir spüren, dass diese Marken eine immer größere Rolle spielen. Deshalb haben wir vor einem Jahr auch unsere eigene digitale Marketingagentur gegründet, die die Kunden bei diesen Themen unterstützt und ihnen die komplexe Arbeit abnimmt.

Location Insider: Jim Chisholm hat die von Russmedia betriebene regionale Nachrichtenportal vol.at Ende 2012 als ‚Most Advanced Local News Website‘ bezeichnet. Wodurch zeichnet sie sich im Gegensatz zu Konkurrenten aus?

Georg Burtscher: Das freut uns natürlich sehr und wir sind ein bisschen stolz darauf, dass wir – obwohl im zweitkleinsten Bundesland Österreichs – das drittgrößte Nachrichtenangebot Österreichs im Portfolio haben (Quelle: ÖWA, Österreichische Webanalyse). VOL.AT war immer schon die Startseite der Vorarlberger, wir haben auf unserer Homepage bis zu 400.000 Aufrufe pro Tag. VOL.AT kann man auch als Cockpit für unsere User nennen, egal was der User braucht oder sucht – er findet es bei uns oder wir zeigen ihm den Weg dorthin.

Location Insider: Wie genau realisiert vol.at lokales Storytelling?

Georg Burtscher: Es ist uns ein Anliegen, neue Entwicklungen und interessante Innovation nicht nur den Großen zu überlassen. Bei VOL.AT sind die Entwickler Teil des Newsrooms – und unser Innovationsteam schafft die technische Grundlage für interaktive Infografiken oder Multimedia-Specials. Wichtig ist, wir möchten neue Dinge ausprobieren und experimentieren mit Darstellungsformen. Egal, ob das große Bilder, sehr lokale Videos, kurze Bewegtbilder per Vine oder ein Schwerpunkt nach dem Vorbild von „Snowfall“ der New York Times ist. Heute sind immer aufwändigere Browseranwendungen immer einfacher zu realisieren. Und das können auch regionale Player adaptieren, wenn die Redaktion über das Know-How verfügt. Ein gutes Beispiel dafür ist „Unter der Wahrnehmungsgrenze“.

Location Insider: Wie können Unternehmen heute mit lokalen Nachrichtensites Geld verdienen? Können Sie sich ein Abo-Modell überhaupt „leisten“?

Georg Burtscher: Unser Vorteil ist, dass wir eine Zwei-Marken-Strategie haben. Auf der einen Seite die „VN“ (Vorarlberger Nachrichten) als führende Tageszeitung in der Region, die im Web kostenpflichtig ist und auf der anderen Seite, völlig getrennt vom Print-Betrieb, VOL.AT als werbefinanziertes Onlineportal. Langfristig wird sich ein Nachrichtenportal allerdings nicht allein durch Displayadvertising finanzieren können. Deshalb konzentrieren uns neben innovativen Werbeformen und Konzepten auch auf Services, um den Usern einen Mehrwert zu bieten, somit können wir die Reichweite ausbauen und unseren Kunden vorerst mehr Werbewirkung liefern.

Location Insider: War es nicht schon immer so, dass auch internationale Unternehmen auf regionale Werbung gesetzt haben?

Georg Burtscher: Da kommt es sehr auf die Definition an. In den USA ist’s etwas anderes, wenn Starbucks in Boston Werbung schaltet – das wär’ ja dann auch regional aus deren Perspektive. Hier kommen wir sehr gut auch an die internationalen Budgets, in dem wir in Wien den Werbevermarkter austria.com/plus aufgebaut haben, mit dem wir sehr erfolgreich auch andere Verlage vermarkten.

Location Insider: Russmedia betreibt u.a. auch das Kleinanzeigenportal Quoka. Wie wichtig ist die Bedeutung von ortsbezogenen Funktionen in der App?

Georg Burtscher: Die Kollegen in Lampertheim machen einen tollen Job und sind sehr erfolgreich. In Vorarlberg haben wir den Ableger „Ländleanzeiger.at“ und sind damit der Marktführer und stärker als die nationale Konkurrenz. Die ortsbezogenen Funktionen in jeder App, egal ob Marktplatz, Job, Immo oder News, sind enorm wichtig – denn jeder User bewegt sich die meiste Zeit in seinem direkten Umfeld und interagiert auch lokal.

Location Insider: Stehen Sie damit in starker Konkurrenz zu Flohmarkt-Apps wie Stuffle oder erento.com?

Georg Burtscher: In unserer Region spielen andere größere Anbieter eine größere Rolle, allerdings halten wir alle auf deutlichem Abstand. Der nächstgrößere Anbieter ist nicht einmal halb so groß wie unsere Portale. Allerdings: das Geschäft wird härter und Flohmarkt-Apps haben die Kraft, das Web-Geschäft mit Kleinanzeigen neuerlich über den Haufen zu werfen.

Location Insider: In welche Richtung geht der Trend für Local Content 2014?

Georg Burtscher: Bisher sind vor allem lokale Inhalte im Internet meistens aus einer Datenbank in ein Standard-Layout geschrieben, ohne große typographische oder gestalterische Zutaten. Wir glauben, dass sich die Präsentationsformen stark ändern und gestalterische Dinge, die im Print seit Jahrzehnten selbstverständlich sind auch digital zum Standard werden. Infografiken zu sehr lokalen Themen, Datenjournalismus auf lokaler Ebene – und die Nutzung von Funktionen, die auf Smartphones selbstverständlich sind: GPS, Videos, Bilder. Ein Artikel besteht 2014 nämlich definitiv nicht mehr nur aus Text und Bild.

Location Insider: Vielen Dank für das Interview.

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