Interview mit Händlerbund-Chef Andreas Arlt zum Handel der Zukunft.

von Christian Bach am 16.Dezember 2014 in Interviews

Händlerbund-Bundesvorsitzender Andreas ArltOffline trifft Online: Immer mehr stationäre Händler betreiben neben ihrem Ladengeschäft auch einen Online-Shop und verfolgen damit die sogenannte Multi-Channel-Strategie (Mehrkanal). So werden parallel neue Zielgruppen erreicht und der Kundenstamm erweitert. Doch alleine mit dem Aufbau eines Web-Shops ist es nicht getan. Neben der ständigen Pflege und Vermarktung gilt es zum Beispiel auch, juristische Details zu beachten – hier kann man schnell in eine Falle tappen, wenn z. B. die AGBs oder das Impressum nicht rechtssicher formuliert sind. Andreas Arlt, Rechtsanwalt und Bundesvorsitzender des Händlerbund e.V., beschäftigt sich seit mehr als zwölf Jahren intensiv mit dem Fernabsatz- und Wettbewerbsrecht. Im Locafox-Interview erklärt er, worauf bei sicheren Rechtstexten für Online-Shops aus Sicht von stationären Händlern grundsätzlich zu achten ist, wie man sich bei einer Abmahnung verhält und wie der Handel der Zukunft aussehen könnte.

(Dieses Interview erschien zuerst im Blog von Locafox. Das Berliner Startup bietet Kunden eine lokale Einzelhandels-Produktsuchmaschine.)

Thilo Grösch (Locafox): Hallo Herr Arlt, der Händlerbund hilft Händlern mit einem Online-Shop u. a. dabei, sich rechtssicher im Netz zu präsentieren. Worauf muss dabei geachtet werden?

Andreas Arlt: Transparenz ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einem rechtssicheren Shop. Impressum, Datenschutzerklärung, Widerrufsbelehrung sowie AGBs müssen gut sichtbar und vor allem schnell zugänglich sein. Besonders aussagekräftig in puncto Sicherheit ist ein Gütesiegel. Grundsätzlich hilft es, sich in die Rolle des Verbrauchers zu versetzen: Wenn ich shoppe, möchte ich im Hinblick auf meine Rechte und den Umgang mit meinen Daten gut informiert sein – hierzu zählen angebotene Zahlungsarten sowie anfallende Versandkosten.

Thilo Grösch: Sie betreuen über 30 000 Online-Präsenzen. Wie viele davon haben neben einem Online-Shop auch ein stationäres Geschäft?

Andreas Arlt: Die Entwicklung zeigt: Immer mehr Händler, die ein stationäres Geschäft haben, starten auch ihren Online-Shop. Es gibt aber auch umgekehrte Tendenzen: Online-Shops gehen in den stationären Handel. Die Herausforderung hier ist, online und stationär nicht als Gegenspieler, sondern als Team zu begreifen.

Thilo Grösch: Was raten Sie stationären Händlern, die auf Multi-Channel setzen und ihren ersten Online-Shop starten – worauf muss geachtet werden?

Andreas Arlt: Nahbar zu bleiben und Emotionalität zu transportieren! Wer einen persönlichen Ansprechpartner hat, ob im stationären oder im Online-Handel, kauft gerne und kontinuierlich. Ein gut durchdachtes Konzept verbunden mit ansprechendem Design und einer guten Portion Leidenschaft ist die Grundlage für den ersten Gang in die digitale Welt. Einkaufen als Erlebnis zu gestalten, ist dabei sicherlich das A und O in der Konzeption eines Online-Shops. Und dann: machen!

Thilo Grösch: Was ist der häufigste Fehler bei der Formulierung von wichtigen Texten wie den AGBs?

Andreas Arlt: Hier kann man klar zusammenfassen: Die meisten Online-Händler regeln weniger als sie müssen und mehr als sie per Gesetz dürfen. Zum Beispiel bestehen eine Vielzahl von gesetzlichen Informationspflichten, die in AGB, Widerrufsbelehrung und Datenschutzerklärung erfüllt werden müssen. Diese werden bei nicht professionell erstellten Rechtstexten oft vergessen. Unsere Erfahrung zeigt außerdem: Online-Händler möchten gerne eine Vielzahl von Beschränkungen wie einer Herabsetzung der Gewährleistungsfrist oder ein Ausschluss der Haftung regeln. Dabei übersehen sie leider, dass derartige Regelungen gegenüber Verbrauchern meist nicht zulässig sind und die Gefahr einer Abmahnung besteht.

Thilo Grösch: Reicht es, die Rechtstexte einmal zu erstellen oder muss man sie immer wieder anpassen?

Andreas Arlt: Besonders das Fernabsatz- und Wettbewerbsrecht ist aufgrund der regen Abmahnpraxis und der zahlreichen gerichtlichen Entscheidungen immer im Wandel. Händler müssen sich daher ständig mit einer geänderten Rechtslage befassen, die sich natürlich auch auf die Gestaltung der Rechtstexte auswirken kann. So kann eine Klausel, die heute noch unbedenklich war, morgen schon von einem Gericht für unzulässig erklärt werden. Ohne fachmännische Hilfe ist es nur sehr schwer möglich, hier den Überblick zu behalten.

Thilo Grösch: Wie sollte man als Händler mit einer Abmahnung umgehen? Was kann im schlimmsten Fall passieren? Wie kann man sich davor schützen?

Andreas Arlt: Im Falle einer Abmahnung ist es unabdingbar, sich anwaltliche Hilfe zu holen. Eine solche Hilfe bietet beispielsweise der Händlerbund mit seinen vertraglich gebundenen spezialisierten Rechtsanwälten an. Es gibt unterschiedliche Verstöße, die abgemahnt werden, so dass immer der Einzelfall betrachtet werden muss. Eine Abmahnung kann existenzbedrohend sein, da es zu hohen Abmahnkosten kommen kann. In unserer Studie zum Thema Abmahnungen im Jahr 2013 haben wir Online-Händler befragt, wie oft und weshalb sie abgemahnt wurden. Die Ergebnisse haben uns gezeigt, dass fast 60 Prozent der befragten Händler schon einmal abgemahnt wurden. Der beste Schutz vor einer Abmahnung ist und bleibt die Prävention.

Thilo Grösch: Wie glauben Sie, sieht der Handel der Zukunft aus?

Andreas Arlt: Der Handel der Zukunft wird von drei Faktoren bestimmt sein: Internationalität, Individualität und Innovation. Mit dem Inkrafttreten der EU-Verbraucherrechtlinie in diesem Jahr wurden sowohl für Verbraucher als auch für Händler die Weichen gestellt. Daher engagieren wir uns auch im Dachverband E-Commerce Europe, der die europäischen Interessen der Branche bündelt. So können wir sowohl unsere Interessen auf europäischer Ebene geltend machen als auch die neuesten europäischen Entwicklungen unseren Mitgliedern zugänglich machen. Zudem werden Konzepte der individuellen Verbraucheransprache elementar für die Zukunft des Online-Handels sein, um den E-Commerce für Verbraucher zu einem Ereignis zu machen. Innovative Online-Markplätze werden den Händlern mehr Möglichkeiten bieten, ihren Angeboten und Ideen mehr Raum zu geben.

Thilo Grösch: Vielen Dank für das Gespräch!

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