Interview mit Ingo Limburg: Wieso girocard und Lidl für die Zahlung von Kleinbeträgen mit Karte werben.

von Florian Treiß am 10.Juli 2019 in Interviews, News

Ingo Limburg verantwortet das girocard-Marketing (Bild: PR)

„Natürlich gibt es immer noch viele Menschen, die davor zurückschrecken, kleine Beträge mit Karte zu bezahlen, auch wenn es dafür keinen Grund gibt. Und genau deswegen klären wir zusammen mit dem Handel auf“, sagt Ingo Limburg. Er ist bereits seit 2008 Leiter Marketing & PR bei der EURO Kartensysteme und dort auch für das deutschlandweite Marketing der girocard verantwortlich. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wieso das girocard-System gemeinsam mit prominenten Händlern wie Lidl oder Shell dafür wirbt, auch Kleinbeträge kontaktlos mit der girocard zu bezahlen und wie die Resonanz darauf ist.

Location Insider: Herr Limburg, wie geht’s der girocard?

Ingo Limburg: Der girocard geht es sehr gut. Sie ist die beliebteste und meistgenutzte Bezahlkarte in Deutschland. Das zeigt sich z. B. an den Transaktionsstatistiken der Deutschen Kreditwirtschaft: Für 2018 verzeichnen wir hier einen Zuwachs von rund 19,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Und auch das EHI hat im Rahmen seiner jährlichen Studie zu kartengestützten Zahlungen im Einzelhandel die girocard als den zentralen Treiber dafür, dass im deutschen Einzelhandel erstmals mehr Umsatz mit elektronischen Bezahlverfahren gemacht wurde, als mit Bargeld. Auch beim kontaktlosen Bezahlen sehen wir großen Zuspruch von Kunden und Handel gleichermaßen. So war im März 2019 bereits jede fünfte girocard-Transaktion kontaktlos. Und im Handel sind mehr als 80 Prozent aller girocard-Terminals entsprechend ausgerüstet, um kontaktlose Zahlungen mit physischer Karte und der digitalen girocard im Smartphone abzuwickeln.

Location Insider: Und wenn wir uns Kleinbeträge unter 5 Euro anschauen? Ist es bei den deutschen Verbrauchern schon angekommen, dass man auch Kleckerbeträge mit Karte zahlen kann?

Ingo Limburg: Bei immer mehr Deutschen ist das tatsächlich präsent. Das zeigt sich etwa daran, dass der durchschnittliche Bezahlbetrag im girocard-System seit Jahren kontinuierlich sinkt. 2018 lag er mit 49,39 Euro rund 3,4 Prozent unter dem Vorjahreswert. Besonders kontaktlos zahlen die Kunden gerne auch kleinere Beträge. Hier war der Durchschnittsbon 2018 mit 33,61 Euro noch einmal deutlich niedriger. Natürlich gibt es immer noch viele Menschen, die davor zurückschrecken, kleine Beträge mit Karte zu bezahlen, auch wenn es dafür keinen Grund gibt. Und genau deswegen klären wir zusammen mit dem Handel auf. Das zeigt: Das sind nicht nur die Banken, die sagen, dass das geht, sondern auch der Handel, der das wirklich möchte und gerne auch kleine Beträge elektronisch kassiert. Den Komfort erlebt man als Kunde dann selbst, wenn man es einmal ausprobiert.

Kassentrenner mit girocard-Werbung in einer Leipziger Lidl-Filiale (Copyright: Location Insider)

Location Insider: Sie versuchen derzeit, das Thema bei Verbrauchern zu pushen. Da ist mir zuletzt eine Kampagne bei Lidl in die Augen gesprungen, mit Kassentrennern etc. nach dem Motto „kontaktlos ab dem 1. Cent“. Wie ist die Resonanz auf die Lidl-Kampagne?

Ingo Limburg: Wie beschrieben möchten wir den Kunden aufzeigen, dass Kartenzahlung auch im Kleinbetragsbereich für beide Seiten Vorteile bietet. Niemand muss im Kleingeld wühlen; es gibt kein falsches Wechselgeld. Gerade bei kontaktloser Zahlung spart das auch noch enorm Zeit. Ohne PIN-Eingabe, also bei Beträgen unter 25 Euro stehen da im Schnitt rund 11 Sekunden für kontaktlose Zahlungen zu Buche. Bargeld dauert im Schnitt etwa doppelt so lang. Die Resonanz auf die Kampagne ist sehr positiv. Sie erreicht den Kunden genau dort, wo er entscheidet, wie er seine Einkäufe bezahlen möchte. Er sieht die Möglichkeit, sieht, dass es auch erwünscht ist, dass er kleine Beträge mit Karte zahlt und dann kann er es ganz einfach machen. Ohne Hemmschwelle. Wir sind zufrieden, Lidl ist zufrieden.

Nerv der Kunden treffen

Location Insider: Sie haben noch weitere Kampagnen für die Girocard kontaktlos direkt am POS gemacht. Wo lief das gut? Und wo weniger gut?

Ingo Limburg: Generell arbeiten wir gerne direkt mit Händlern zusammen. Die in 2019 prominentesten Beispiele sind sicherlich Lidl und Shell. Viele Händler kommen dabei von sich aus auf uns zu. Wir stimmen dann ab, was wir gemeinsam machen: Wie ist die Ausgangslage? Was wollen wir erreichen? Wie ist die Situation am POS, was können wir machen? Und da wir nicht erst seit gestern mit dem Handel zusammenarbeiten, können wir mittlerweile auch auf einen relativ großen Fundus an Marketing- oder PR-Ansätzen zurückgreifen, die den Nerv der Kunden treffen. Generell funktioniert diese Zusammenarbeit sehr gut und an den Zahlen zeigt sich auch immer ein deutlicher Trend nach oben beim Anteil kontaktloser Zahlungen.

Location Insider: Was hat der Handel von solchen Kampagnen?

Ingo Limburg: Die girocard ist für den Handel das wohl kosteneffizienteste elektronische Bezahlmittel mit Zahlungsgarantie. Wenn ein Kunde im girocard System bezahlt, bekommt der Händler sicher sein Geld, profitiert von günstigen Konditionen und spart dabei noch Zeit und Geld für das Bargeldhandling. Gerade Münzen sind für den Handel sehr teuer und aufwendig. Denken Sie daran, dass auch dann genügend Wechselgeld in der Kasse sein muss, wenn so ein Tag ist, an dem gefühlt jeder Kunde einen 50-Euro-Schein zückt. Und die Bank ist verpflichtet, jede einzelne Münze zu prüfen. Das reine Wiegen einer Rolle, wie es früher praktiziert wurde, reicht nicht mehr aus. Die Händler, mit denen wir zusammenarbeiten, möchten von sich aus mehr Kartenzahlung und können das ihren Kunden gemeinsam mit uns genau da zeigen, wo diese entscheiden, wie sie bezahlen. Und es ist immer gut, wenn zwei Profis zusammenarbeiten und ihre Expertise in ihren Wissensfeldern zusammenwerfen. Das Ergebnis ist dann für beide Seiten meist sehr erfreulich.

75 Millionen kontaklose girocards bis Ende 2019

Location Insider: Sind nicht die Banken noch ein Hemmschuh beim Thema girocard kontaktlos? Ich selbst habe derzeit noch zwei nicht-kontaktlose Girocards im Portemonnaie und nehme daher lieber meine bereits kontaktlosen Kreditkarten oder gleich Mobile Payment.

Ingo Limburg: Alle Karten auszutauschen ist ein enormer logistischer Aufwand. Der Austausch schreitet voran, aber kein Institut kann alle Karten auf einmal tauschen. Das wäre auch jenseits allen wirtschaftlichen und ökonomischen Verstandes. Aktuell sind bereits mehr als 55 Mio. girocards kontaktlos-fähig, bis zum Jahresende werden es nach aktuellem Stand mehr als 75 Mio. Karten sein. Wer noch keine kontaktlose girocard hat, kann sich bei seinem Institut erkundigen – wenn dieses kontaktlose Karten ausgibt, gibt es in der Regel eine Möglichkeit, die Karte auch schon vor Ablauf der Gültigkeit gegen eine kontaktlose Karte zu tauschen.

Location Insider: Mittlerweile hat auch Apple Pay die Integration der girocard angekündigt. Was erhoffen Sie sich davon?

Ingo Limburg: Die girocard ist die meistakzeptierte und meistgenutzte Bezahlkarte in Deutschland. Und das seit Jahren. Die Sparkassen und Volksbanken Raiffeisenbanken bieten die digitale girocard für Android-Telefone bereits seit Sommer 2018 an und hier ist man schlicht mit dem größeren Marktsegment gestartet. Eine Integration der girocard in Apple Pay ist demnach nur eine logische Konsequenz und ein weiteres Puzzlestück auf dem Weg der Digitalisierung, den die Deutsche Kreditwirtschaft seit einigen Jahren konsequent, aber eben auch mit Bedacht und Augenmaß beschreitet.

Location Insider: Vielen Dank für das Interview!

Lesetipp

Der Payment-Markt ist enorm in Bewegung, und zwar sowohl am Point of Sale als auch im E-Commerce. Da ist zu einem das Einkaufsverhalten der Verbraucher, die seltener mit Bargeld zahlen und dafür häufiger mit Karte oder dem Handy: immerhin sind Apple Pay und Google Pay endlich auch in Deutschland verfügbar und die Zahl der kooperierenden Banken wächst beständig. Da sind zum anderen gerade im E-Commerce aber auch neue Ansätze, die digitale Identität der Verbraucher zu managen.

Im Vorfeld der Mobile in Retail (29./30. Oktober 2019 in Berlin) zeigt die GS1 Germany im Whitepaper „Payment-Trends für Händler, Marken & Finance: Zahlungssysteme und Mehrwertdienste für eCommerce und POS“, wie alle Stakeholder mit den neuesten Payment-Trends Schritt halten und so ihr Geschäft voranbringen können. Das Whitepaper ist in enger Zusammenarbeit mit den Fachdiensten Location Insider und mobilbranche.de entstanden, die sich seit Jahren mit digitalen Lösungen für den Handel beschäftigen.

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