Interview: Shoptech-Experte Roman Zenner über Headless Commerce.

von Florian Treiß am 29.April 2019 in Highlight, Interviews, News, Shoptech

Shoptech-Experte Roman Zenner vergangenes Jahr auf der K5 Conference

Weg von einem „One Size Fits All“-Ansatz mit einer kompletten Software-Suite hin zu aufgeteilten Lösungen, die zwischen Frontend und Backend unterscheiden und Schnittstellen (APIs) in den Mittelpunkt stellen: Darum dreht es sich im Headless Commerce. Welche Vorteile diese neue Software-Architektur gegenüber monolithischen Systemen hat, zeigen wir in unserem neuen Shoptech-Leitfaden. Lesen Sie daraus hier unser Interview mit Roman Zenner: Das Urgestein der Shoptech-Szene arbeitet seit 2015 als Industry Analyst bei commercetools. Zudem beleuchtet er in seinem Shoptechblog den Markt und hat dort in seinem Podcast regelmäßig CTOs von Firmen wie etwa MediaMarktSaturn im Interview.

Location Insider: Wie sollten eCommerce-Entscheider ans Thema Shoptech herangehen?

Roman Zenner: Mit all den spannenden Entwicklungen wie Cloud oder Künstliche Intelligenz kommen Unternehmen trotzdem nicht um die Aufgabe herum, sich zu überlegen, was sie den Kunden anbieten wollen. Das klingt zwar trivial, ist aber elementar: Unternehmenslenker holen sich oft eine neue Technologie ins Haus holen, obwohl sie sich keine Gedanken gemacht haben, was sie damit tun wollen. Viele Firmen haben ihre Customer Experience noch nicht richtig definiert und versuchen stattdessen, diese Frage mit Technik zu beantworten, was aber nicht klappt, weil ein richtiges Konzept fehlt.

Location Insider: Wieso sollten Onlinehändler eine Überarbeitung ihres Shopssystems angehen?

Roman Zenner: Es gibt vor allem zwei Gründe, warum Unternehmen Technologie wechseln. Der eine ist, sie möchten effizienter werden und mit weniger Manpower oder Budget dasselbe bekommen. Der zweite Grund ist, dass sie sich in komplett neue Gefilde aufmachen und neue Anwendungsszenarien abdecken möchten. So wollten Unternehmen vor ein paar Jahren „mobil“ werden und brauchten dann Apps oder responsive Websites. Dafür wurde dann neue Technologie angeschafft. Wenn ein Onlinehändler bemerkt, dass er ein Wachstumsproblem hat, dann muss er was unternehmen, was signifikant den Traffic und Kundennutzen steigert, also etwa eine neuartige App oder einen Voice Skill entwickeln. Die Technologie hilft dann, die Idee in die Praxis umzusetzen.

Location Insider: Sagen wir, ein Händler nutzt noch ein großes System wie Hybris oder Magento. Wie kann er vorgehen, um aufs nächste Level zu kommen?

Roman Zenner: Die meisten Unternehmen bewegen sich zunächst in die Cloud, wollen also keine eigenen Server mehr betreiben müssen und nicht mehr das klassische Lizenzmodell nutzen. Dadurch entsteht eine grundlegende andere Mechanik, bei der man nicht mehr Standard-Software regelmäßig updaten muss oder Wartungsverträge braucht. Stattdessen gibt es in der Cloud eine Lösung, die immer läuft und keine manuellen Updates braucht. Das ist also ein grundlegendes neues Verständnis, wie man mit Technologie umgeht. Und beim Wechsel in die Cloud kann man seinen bisherigen Shop z.B. auf ein Microservices-basiertes System wie commercetools umstellen.

Location Insider: Wie einfach ist eine solche Migration?

Roman Zenner: Was nicht funktioniert: Einfach ein halbes oder ganzes Jahr am Relaunch arbeiten und dann mit einem Mal den großen Switch aufs neue System machen. Wir raten stattdessen zu einer schrittweisen Migration, bei der man nach und nach einzelne Funktionen vom alten System aufs neue System überträgt. Dabei kann man unsere API-Schnittstellen nutzen und ganz elegant gemäß Martin Fowlers „Strangler Pattern“ das Bestehende durch das Neue ersetzen.

Location Insider: Viele Firmen setzen mittlerweile auf Eigenentwicklungen und sprechen auch von selbst entwickelten Microservices, während commercetools fertige Microservices anbietet. Wie passt das zusammen?

Roman Zenner: Microservices sind ein Architekturprinzip, bei dem man auf mehrere eher kleine Applikationen mit begrenztem Funktionsumfang setzt. Sie laufen isoliert in der Cloud und werden von eigenständigen Teams erdacht, gebaut und gepflegt. Jeder Microservice ist ein eigener Baustein. Und das Charmante ist, dass das jeweilige Team diesen Baustein weiter entwickeln kann, ohne Ressourcen von anderen Teams zu brauchen. Die verschiedenen Microservices kann man dann über Schnittstellen (APIs) miteinander verbinden. Dadurch entsteht eine Art Netzwerk, bei dem dutzende Microservices zusammenspielen.

Grundsätzlich können Onlinehändler solche Microservices selbst entwickeln. Der Haken ist, dass das Bauen von Microservices Zeit braucht und man sich um alles selbst kümmern muss. An dieser Stelle kommt commercetools ins Spiel: wir bieten verschiedene API-Endpunkte an, die sich als Microservices nutzen lassen. Beispiel: Natürlich kann jedes Unternehmen einen eigenen Microservice für den Warenkorb entwickeln. Aber von commercetools gibt’s den Microservice auch schon fertig aus dem Regal. Das spart dann eine Menge Zeit und auch Geld.

Location Insider: Können Sie noch weitere Beispiele nennen?

Roman Zenner: Ja, etwa Login und Authentifizierung oder auch Bestellabwicklung und Preisfindung. Hierfür bieten wir fertige Funktionen an, die sich über ein User Interface im Backend anpassen und steuern lassen.

Location Insider: Und dieses Backend richtet sich an „normale“ Mitarbeiter ohne IT-Kenntnisse?

Roman Zenner: Genau. Wir nennen das „Merchant Center“ und dort können Mitarbeiter einfach im Browser die wichtigsten Daten und Prozesse einsehen und verwalten.

Location Insider: Klassische Shopsysteme bieten Frontend und Backend aus einer Hand an. Ist das auch bei commercetools so?

Roman Zenner: Nein. commercetools setzt auf „Headless Commerce“ und konzentriert sich komplett aufs Backend, also die Prozesse im Hintergrund, die die Kunden eines Webshops nicht sehen. Wenn man sich das bildlich vorstellt am Beispiel eines Legomännchens, so stehen wir für den restlichen Körper, während der Kopf darüber auswechselbar ist. Der Kopf kann z.B. ein normaler Webshop sein, eine mobile App oder ein Voice Skill. Und dieser Kopf wird von uns nicht angeboten, sondern muss vom Onlinehändler selbst entwickelt werden. Das klingt womöglich nach einem Nachteil, wird aber zum Vorteil, weil die Benutzer etwas Individuelles sehen sollen und nichts mehr von der Stange. Als Händler will man sich ja von seinen Wettbewerbern unterscheiden. Und das kann man am besten tun, indem man genau an dieser Stelle ansetzt und individuelle Funktionen entwickelt. Das Backend hingegen können Händler und Marken einer Lösung wie commercetools überlassen. Also ein kompletter Fokus auf kundenorientierte Dienste. Absolut, das ist ja der Clou und so bekommen Unternehmen viel mehr Ressourcen für Dinge, die sie ihren Kunden präsentieren möchten.

Location Insider: Gibt es auch fürs Frontend mittlerweile Baukasten-ähnliche Lösungen?

Roman Zenner: Ja, Frontastic etwa ist das Gegenstück. Frontastic konzentriert sich nur aufs Frontend und verbindet sich über eine API beispielsweise mit commercetools. Der Trend geht also weg von einem „One Size Fits All“-Ansatz mit einer kompletten Software-Suite hin zu diesen aufgeteilten Lösungen.

Location Insider: Kommen Frontastic und commercetools schon irgendwo gemeinsam zum Einsatz?

Roman Zenner: Wir führen gerade zusammen ein Projekt für einen großen Brillen-Händler durch. Das heißt, es gibt dort künftig ein Frontend von Frontastic und ein Backend-Tool von commercetools.

Location Insider: Im Headless Commerce kann man relativ schnell Lösungen für neue Touchpoints realisieren. Welcher Touchpoint hat für Sie aktuell das größte Potenzial?

Roman Zenner: Voice wird das überragende Thema, spätestens 2020. Nutzer gewöhnen sich immer mehr daran, ihre Stimme im Dialog mit einem Sprachassistenten einzusetzen. Die Antwort kommt dann entweder per Stimme oder aber auf einem Display, entweder direkt auf dem Smartphone oder auf Smart Speakern mit Display wie dem Amazon Echo Show. Das sehe ich als ganz starken Innovationstreiber und glaube, es wird immer mehr zu einer Plattform- und Marktplatzthematik. Gerade kleinere Shops müssen sich dann um so mehr die Frage stellen: Wer besitzt den Kundenzugang? Das sind dann nicht mehr die kleinen Händler. Somit dürften Marktplätze immer wichtiger werden und die eCommerce-Landschaft wird sich konsolidieren.

Location Insider: Gerade wenn Marktplätze immer wichtiger werden: Wie stark ist commercetools drauf optimiert, auch dort unterwegs zu sein?

Roman Zenner: commercetools eignet sich auch sehr gut für den Verkauf auf Marktplätzen. Denn durch unsere APIs bekommen Händler und Hersteller ihre Daten nicht nur in unsere Plattform hinein, sondern auch heraus. Das heißt, man kann relativ einfach auch den Amazon Marketplace als zusätzlichen Kanal oder Touchpoint nutzen und dabei auf dieselben Produktdaten und Warenbestände zurückgreifen. Das lässt sich z.B. auch auf ein lokales Geschäft übertragen, dass dann einfach als zusätzlicher Kanal gilt.

Location Insider: Vielen Dank für das Interview!

Kostenloser Shoptech-Leitfaden

Dieses Interview erschien zuerst in unserem Shoptech-Leitfaden: Mit Baukasten-Systemen und Microservices zum Erfolg, der kostenlos bei unserem Partner commercetools erhältlich ist. Der Leitfaden erläutert die Vorteile einer modernen Softwarearchitektur aus Eigenentwicklungen, Baukasten-Systeme und Microservices, die über Programmierschnittschnellen (APIs) miteinander kommunizieren. Mit einer Mischung aus Best Practices, Interviews und Anleitungen zeigt der Leitfaden, wie Sie erfolgreich zum Architekten Ihres maßgefertigten Shops werden.

Lesen Sie im Shoptech-Leitfaden u.a. folgende Themen:

  • Glossar mit den wichtigsten Shoptech-Fachbegriffen
  • Wie Keller Sports seine Systeme erfolgreich modernisiert hat
  • Wie C.H. Beck sein System vom Monolithen zu Microservices migriert hat
  • Disruption einfach gemacht: Tipps von Disrooptive-Gründer Ruppert Bodmeier

Gratis-Anforderung des Shoptech-Leitfadens:

Den Shoptech-Leitfaden können Sie kostenlos bei unserem Partner commercetools herunterladen!


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