Ist „Small is beautiful“ die Zukunftslösung für den Einzelhandel?

von Matthias Hell am 11.September 2014 in Trends & Analysen

Betrachtet man die neuen Store-Konzepte kriselnder Einzelhandelsketten, scheint „Small is beautiful“ das Motto der Zeit zu sein. Redimensionierte, die Kanäle On- und Offline verbindende Ladengeschäfte könnten für den Retail die Zukunftslösung darstellen – aber auch genauso gut den Niedergang des stationären Handels beschleunigen.

Media Markt (bearbeitet, bitte nehmen)

Die klassischen Großflächen werden für Ketten wie Media-Saturn zunehmend zur Belastung

Für den Trend zum „Small is beautiful“ gibt es viele Beispiele. Wie etwa Media-Saturn: Europas größter Elektronik-Retailer leidet angesichts rückläufigen Konsums und aggressiver Online-Konkurrenz schon länger unter dem Druck überdimensionierter Verkaufsflächen. In einzelnen europäischen Ländern testet das Unternehmen nun kleinere, optisch reduzierte Marktformate, die – in Verbindung mit den Onlineshops der Handelskette – eine Mischung aus Abholshop und Elektronik-Showroom darstellen sollen. In einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ bezeichnete der scheidende Media-Saturn-Chef Horst Norberg das Konzept im Frühjahr 2014 als ein mögliches Zukunftskonzept für den Retailer.

Oder Thalia: Die (noch) zur Douglas-Gruppe gehörende Buchkette macht seit längerem mit dem Rückbau bestehender Filialen von sich reden. Nun testet Thalia kleinflächige Formate im Eingangsbereich von Supermärkten und Warenhäusern. Neben einem überschaubaren Buchsortiment wird dort der von der Kette unterstützte E-Reader Tolino präsentiert, außerdem gibt es die Möglichkeit zur Abholung von Online-Bestellungen. Ein weiteres Beispiel ist im Lebensmittelbereich Rewe, wo auf „Rewe City“ die Vertriebslinie „Rewe to go“ folgte, das nun sogar als Tankstellen-Shop umgesetzt wird – eine Marktform kleiner als die andere.

Kleinere Store-Formate: Antwort auf die Zeichen der Zeit…

Die neue Bescheidenheit im Einzelhandel stellt in erster Linie eine Antwort auf die Zeichen der Zeit dar. Denn in Zeitalter von Online-Megastores wie Amazon und Zalando ist mit der Größe stationärer Sortimente kaum mehr zu punkten. Wenn es im Netz ohnehin alles gibt, besteht für den Einzelhandel keine Notwendigkeit mehr, die Illusion eines lückenlosen Angebots aufrechtzuerhalten – erst recht vor dem Hintergrund von steigenden Mietpreisen.

Mit einem auf das Wesentliche eingedampften Sortiment lässt sich dagegen das zeitgeistige Bedürfnis nach „Shopping-Erlebnissen“ viel besser umsetzen. Zudem lassen sich neue Store-Konzepte entwickeln, die mit einer besseren Einbindung von Click & Collect und anderen E-Commerce-Funktionen der heute von den meisten Handelsunternehmen praktizierten Multichannel-Verkaufsstrategie besser Rechnung tragen.

Bestätigung finden die traditionellen Handelskonzerne dabei nicht zuletzt in der steigenden Anzahl von einstmals reinen Online-Händlern, die mit akzeptablen Erfolg Filialen in der realen Welt eröffnen. Das Spektrum reicht dabei von Fashion For Home über MyMuesli bis zu Cyberport – und ähnelt ein Cyberport Store nicht ohnehin bereits einer schickeren und kompakteren Version eines Saturn-Marktes?

…oder Beschleuniger für den Niedergang des stationären Handels?

Kleiner, aber mehr Brillen als bei Fielmann: Der Store von Edel Optics

Kleiner, aber mehr Brillen als bei Fielmann: Der Store von Edel Optics

Für jedes Argument zugunsten der neuen Kleinformate im Handel lässt sich allerdings auch ein mindestens ebenso schlagkräftiges Gegenargument finden: Wenn der stationäre Einzelhandel den Anspruch auf die Instant Gratification von Kaufbedürfnissen aufgibt, warum dann nicht gleich Online einkaufen? Wie stehen die Ersparnisse durch die kleineren Flächen in Relation zu den ebenfalls geringeren Einnahmen? Und wenn schon „Small is beautiful“ – warum dann bei den geschrumpften „Großen“ einkaufen, anstatt bei einer neuen Generation von Händlern, welche die Anforderungen der neuen Handelswelt bereits von Anfang an in ihrer DNA tragen?

Als Vorbilder können hier die bereits aus unserer „Local Heroes“-Reihe bekannten Multichannel-Konzepte von Notebooksbilliger.de, Edel Optics oder Emmas Enkel gelten. Hier handelt es sich eben nicht um Schmalspurversionen bekannter Einzelhandels-Dickschiffe. Stattdessen bieten die Geschäfte der E-Commerce-Unternehmen trotz ihrer geringen Größe ein so im stationären Umfeld sonst nicht verfügbares Angebot – dank cleverer Innovationen wie der Kombination von Lager und Shop, der Einbindung des Onlinesortiments in den Laden und einer hochgradigen Spezialisierung.

Genauso gut geht es natürlich auch ganz ohne Ladengeschäft: So zeigt NeueTischkultur, wie die Kombination von Onlineshop, Warenauslage und Same-Day-Delivery ein Einkaufserlebnis auf Augenhöhe mit dem klassischen Stationärkauf ermöglicht. Bei Modomoto bietet dagegen die Zusammenstellung „kuratierter“ Herrenmode-Pakete einen Mehrwert, der über den Shopping-Bummel weit hinausgeht. Die Zukunft des Einzelhandels ist also noch komplett offen.


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