Künstliche Intelligenz an der Schnittstelle zum Einzelhandel.

von Gastautor am 19.Februar 2019 in News, Trends & Analysen

Die „mobile Produktlupe“ ist nur eines der Forschungsthema am Innovative Retail Laboratory

Den abstrakten Begriff KI – Künstliche Intelligenz – mit für den Handel relevanten Einsatzszenarien zu beleben, ist die Aufgabe des am Deutschen Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz (DFKI) angesiedelten Innovative Retail Lab (IRL).

Von Dunja Koelwel

Forschung an der Schnittstelle von Handel und Wissenschaft

Dr. Gerrit Kahl

Das im Oktober 2007 gestartete Innovative Retail Laboratory (IRL) ist ein an das Deutsche Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz (DFKI) angedocktes Forschungszentrum, das in einem engen Verbund mit der Globus Warenhauskette zum Thema Künstlicher Intelligenz und Handel forscht, „immer mit der Aufgabe, zu sehen, welche allgemeinen Entwicklungen abzusehen sind, welche Trends sich daraus ableiten lassen und welche Innovationen für den Handel  daraus möglich sind“, erklärt Dr. Gerrit Kahl, Leiter des IRL und Globus Koordination, die Ziele des Labs.

In diesem Lab werden also neue Wege der Kundeninteraktion mit Produkten in einer Handelsumgebung untersucht. Darauf aufbauend werden verschiedene Typen der Interaktion und neue Schnittstellen zwischen Kunden und Handel entwickelt, also die konkreten Fragestellungen des Einkaufens von morgen. Um den Supermarkt, aber auch den Einzelhandel der Zukunft zu unterstützen, entwickelt das Lab dafür Demonstratoren, die die unterschiedlichen Anwendungsbereiche von KI im Handel bereits jetzt aufzeigen können. Die Forschungsbereiche reichen dabei vom Heimbereich der Konsumenten (intelligenter Kühlschrank, semantisches Fernsehen), der intelligenten Einkaufsintelligenz (Digitales Haushaltsbuch, schnelles Bezahlen am POS oder einem Müsli-Berater),  dem Marktleiterstand (interaktive Visualisierung von Marktdaten), über Mobile Applikationen (Guerilla Marketing App, KI-basierte Produktanpassung, mobiles Bezahlen oder der mobilen Produktlupe) bis hin zum Nachhaltigkeitsmanagement (instrumentierter Abfalleimer , die Nachhaltigkeitslupe) oder der Navigation im Kaufhaus (Artikel finden, intelligenter Einkaufswagen, Aufmerksamkeitslenkung am Regal, Intelligente Frischtheke oder intelligente Obstschräge).

Branchenexperten arbeiten eng zusammen

Laut Dr. Gerrit Kahl ist diese Art der Forschungseinrichtung dabei einzigartig in seiner Konstellation, da es sich um eine Einrichtung mit universitärem Bezug handelt, die ein Labor in der Zusammenarbeit mit einem Händler betreibt. Kahl: „So treffen zwei Branchenexperten zusammen und können gut zusammen arbeiten.“ Der Vorteil liegt auf der Hand: Anpassungen lassen sich schnell durchführen und so das Konzept eines „Living Lab“ aufrechterhalten – im Gegensatz zu einem einmal eingerichtetem Showroom.

An neuen Forschungsideen mangelt es dabei den Wissenschaftlern keineswegs, denn „zum einen ist jeder Forscher auch Konsument und damit Einkäufer, dann erhalten wir Rückmeldung seitens Globus oder der Besucher des Labs oder aus der Überführung von wissenschaftliche Ideen, etwa aus Dissertationen, in die Handelsdomäne“, erläutert Kahl.

Aktuell forscht das IRL unter anderem an den Projekten Vicar und Guided AL. Bei Vicar beschäftigt sich das IRL mit der anonymisierten aber durchgängigen Erfassung der Kundenposition während des Einkaufsprozesses in einem Warenhaus. Dazu werden IP-Videokamerasysteme benutzt, bei denen einzelne Kameras die Videostreams per Netzwerk an eine zentrale Videomanagementsoftware übermitteln. Mit Hilfe automatisierter Analyseverfahren werden die Videostreams aller Kameras ausgewertet. Dabei ist der erste Schritt das Erkennen von (beweglichen) Personen im Videobild einer einzelnen Kamera. VICAR will damit dem Einzelhandel in Echtzeit exakte Informationen über die Kundenpfade in einem Kaufhaus zur Verfügung stellen, welche analytisch vorverarbeitet sind und Handlungsempfehlungen generieren oder Aktionen auslösen. Dem Einzelhandel sollen auf diese Weise exakte Informationen über Besucherströme/Auslastung/etc. zur Verfügung gestellt werden; sowohl historischer Art als auch in Form einer aktuellen Momentaufnahme. Kunden auf der Suche nach bestimmten Produkten sollen identifiziert und freie Kaufhausmitarbeiter zur Beratung und persönlichen Hilfe zum Kunden gesendet werden. Basierend auf den Kundenwegen und der Warenverteilung, sollen personalisierte Werbung und individuelle Produktvorschläge an einzelne Kunden übermittelt werden. Bewegungsmuster potentieller Ladendiebe sollen aber ebenfalls erkannt und gegebenenfalls das Sicherheitspersonal informiert werden.

Die intelligente Obstschräge ist ein weiteres Beispiel der Arbeit des IRL

Einen sehr in die Tiefe gehenden Ansatz verfolgt das Projekt Guided AL. Ziel des Forschungsvorhabens „Guided Autonomic Locations (Guided AL)“ ist nämlich die Schaffung einer offenen, Internet basierten, standardisierten Datenaustausch- und Dienstplattform zur Realisierung neuartiger, teilweise gebäudeübergreifender und intelligenter Services im Kontext der Gebäudeautomation und den Lebensbereichen des Menschen. Hierzu wird untersucht, welche technischen Voraussetzungen notwendig sind, um auf Basis bestehender und neuer Automatisierungslösungen sowie Wearables gebäudeübergreifende, intelligente Dienste (Smart Services) erstellen und anbieten zu können. Neben der nötigen Plattforminfrastruktur für umfassendere Smart-Service-Lösungen wird auch Wert auf die leichte Realisierbarkeit kleinerer, thematisch fokussierter, intelligenter Anwendungen gelegt, die z.B. in Form von speziellen Apps auf der zu schaffenden Autonomous-Locations-Serviceplattform laufen sollen.

Doch für 2019 gibt es bereits viele weitere Pläne, etwa das Labor umzuziehen. Kahl: „Aktuell haben wir Fläche in der Globus Koordination angemietet. In wenigen Monaten werden wir Fläche im Markt in St. Wendel anmieten und das Labor dorthin umziehen. Auch dort wird das Labor nicht direkt in den Markt integriert, aber es wird über eine Treppe und eine Glaswand möglich sein, in das Labor zu schauen. Des Weiteren planen wir in regelmäßigen Abständen das Labor auch für die Kunden zu öffnen, um mit diesen in Kontakt zu treten und Feedback zu erhalten. In diesem Zusammenhang werden auch neue Demonstratoren umgesetzt.“

Künstliche Intelligenz auf der INTERNET WORLD EXPO

Künstliche Intelligenz mit möglichen Einsatzszenarien für den Handel ist auch eines der Top-Themen auf den diversen Vortragsbühnen der INTERNET WORLD EXPO (12. und 13. März 2019 in München). Beispielhaft erwähnt seien hier unter anderem am ersten Messetag ein Vortrag zum Thema „Künstliche Intelligenz und Big Data – Anwendungsbeispiele für Online-Shops“ gehalten von  Netex auf der Infoarena II in Halle C6 oder auch „Humans need Story, Machines don’t : Personalised Experience and AI in today’s commerce“ von  OXID eSales auf der Infoarena III in Halle C5. Auch am zweiten Messetag finden diverse Vorträge zum Thema KI statt, etwa „Mit Künstlicher Intelligenz Prozesse optimieren, Kosten senken oder neue Services entwickeln“ von  Alexander Krock von Google DACH auf der TrendArena oder auch „Mit KI Preise intelligent steuern“ von aifora auf der Infoarena I in Halle C6. Neugierig? Dann informieren Sie sich hier!

Über die Autorin:

Dunja Koelwel, Leitung Content EXPO und Conferences der Ebner Media Group, die die INTERNET WORLD EXPO ausrichtet.

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