Primark-Eröffnung in Leipzig: Erfolg mit Kampfpreisen statt E-Commerce.

von Markus Gärtner am 08.April 2016 in News, Trends & Analysen

Primark LeipzigJubelschreie, kurz nach 11 Uhr. Es sind aber nicht die Kunden, die nun am Donnerstagmorgen in die gerade eröffnende Primark-Filiale an der Ecke von Leipzigs Fußgängerzone strömen, sondern – natürlich – die Mitarbeiter im wohlchoreografierten Begrüßungsensemble. Doch Ansätze von echtem Enthusiasmus kann man auch bei den Schnäppchenjägern erkennen – warum sonst quälen sich Menschen an Krücken oder mit Kinderwagen durch ein erwartbar volles Kleidungshaus? Trotzdem sind es bei Ladenöffnung nur einige hundert Interessierte – in vergleichbaren Städten wie Hannover waren es deutlich mehr.

Der erste sichtbare Preis in dem vieretagigen Laden zeigt das Geschäftsprinzip und gleichzeitig auch das Dilemma: Ein Damen-Kurzarmtop, für 3 Euro. Lockstoff für preis-, aber möglicherweise weniger empathiebewusste Kunden. Dass Primarks aggressive Preispolitik die Arbeiter in den Produzentenländern in Asien und Co teuer zu stehen kommt, ist ein alter Hut. Die meisten Besucher wissen das wohl, schaffen es aber trotzdem, die vermeintlichen Gegensätze in Einklang zu bringen. „Ich bin erstaunt über die Billigpreise“, meint Jürgen Schilde, ein älterer Herr aus Leipzig. „Das wird den Leipziger Textilhandel kaputtmachen.“ Dennoch hat er sich eine Badehose gekauft.

Für ganz Deutschland ist dieses Drohpotenzial schon belegt: Seit 2000 hat von rund 35.000 selbstständigen Bekleidungshändlern fast die Hälfte zugemacht. Rund ein Fünftel der Händler seien in akuter Existenznot, meinen Experten.

PrimarkNatürlich sind daran nicht nur die omnipräsenten Modeketten schuld, sondern auch Amazon und Co. Der E-Commerce-Gigant baut sein Mode-Geschäft immer weiter aus und könnte sogar bald Showrooms eröffnen. Primark selbst zeigt an Online-Shopping und E-Commerce wenig Interesse: Die Waren sind zwar im Web alle zu sehen – gekauft werden kann aber nur im stationären Handel. „Warum sollten wir unsere Kosten durch den Aufbau eines Onlineshops erhöhen, wenn unser Geschäft sowieso wächst?“, so Primark-Manager Paul Lister gegenüber der „Welt“. Und meint damit wohl die Kosten durch erwartet hohe Rücksendequoten. Diese liegen im Modehandel teils bei rund 20 Prozent, so eine Umfrage des Handelsverbands Deutschland (HDE).

Primark macht dagegen auf dicke Hose, setzt auf neue Standorte und mehr Fläche. Rund 300 Filialen stehen in Europa, Leipzig ist seit dem Deutschlandstart 2009 bereits der 20. Standort hierzulande. Im November hat zudem der erste Primark in den USA eröffnet. Die Verträge für 5 weitere deutsche Filialen sind schon eingetütet. Und wieder werden die Menschen kommen. In Leipzig regte sich aber auch Protest gegen das Geschäftsprinzip von Primark und Co. Die lokale Greenpeace-Gruppe hatte einen Kleidertauschmarkt organisiert, um so eine Alternative zu bieten gegen das so genannte Fast Clothing – billig produziert, mit geringer Lebensdauer. Laut Greenpeace-Angaben kamen rund 500 Besucher.



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