Buchhandlung Riemann ist mit dem Bücherabo im Netz erfolgreich.

von Matthias Hell am 12.Mai 2015 in Local Heroes

Ein stationäres Buchgeschäft, das mit einem Bücherabo seine Beratungskompetenz im Netz vermarktet – mit diesem Konzept trat die Buchhandlung Riemann aus dem fränkischen Coburg erstmals 2013 in der Artikelserie Local Heroes auf. Zwei Jahre später hat sich in der Buchhandlung einiges verändert, von der Geschäftsführung bis zur eingesetzten Onlineshop-Lösung. Das Bücherabo erweist sich aber weiterhin als richtige Idee, um sich im Internet gegen Amazon und Co. zu behaupten.

Martina Riegert und Martin Vögele leiten die "Riemann'sche" seit Jahresbeginn

Martina Riegert und Martin Vögele leiten die „Riemann’sche“ seit Jahresbeginn

Als klassische Buchhandlung, noch dazu in einem von dem Umbrüchen im Handel besonders betroffenen Mittelzentrum wie Coburg, gehört die Buchhandlung Riemann eigentlich zu einer von der Online-Konkurrenz akut bedrohten Spezies. Doch das traditionsreiche, 1806 gegründete Buchgeschäft kontert im Netz mit einem Angebot, bei dem selbst Amazon nicht mithalten kann: der geballten Beratungskompetenz und dem Buchwissen seiner Buchhändlerinnen. Dieser Wissensschatz bietet die Grundlage für das von der Buchhandlung Riemann im Internet angebotene Bücherabo. Wer sich das Abonnement selbst gönnt oder an jemand anderen verschenkt, erhält jeden Monat ein sorgfältig ausgewähltes Buch zu einem bestimmten Genre, Thema oder Autor. Die Buchhandlung Riemann hat damit ein Produkt geschaffen, das hochindividuell ist und sich über das Netz gut vermarkten lässt. Dennoch ist das Bücherabo nur ein Teil zur Zukunftssicherung des Buchgeschäfts – erst recht in einer Zeit, in der die Riemann’sche Buchhandlung nach einem Eigentümerwechsel eine Reihe von Veränderungen durchläuft.

Irmgard Clausen, die die Buchhandlung seit 1987 leitete – und auch das Bücherabo erfand –, übergab das Geschäft zum Jahresende 2014 in jüngere Hände: an die nach ihrer Ausbildungszeit 2009 zu Riemann zurückgekehrte Buchhändlerin Martina Riegert und ihren Mann Martin Vögele als kaufmännischem Leiter. „Seit dem ersten Local-Heroes-Bericht hat sich vor allem online bei uns einiges verändert“, erzählt Martina Riegert. So habe sich Irmgard Clausen dazu entschlossen, den veralteten und ihrer Ansicht nach wenig effektiven Onlineshop der Buchhandlung Mitte 2014 vom Netz zu nehmen. Erst nach dem Eigentümerwechsel wartete die Buchhandlung Riemann wieder mit einem Webshop auf, dieses Mal mit einer Whitelabel-Lösung des Buchgroßhändlers Libri. „Für einige Monate ganz auf einen Onlineshop zu verzichten, war ein Fehler“, räumt Riegert ein. „Zwar laufen weiterhin mehr als 90 Prozent unserer Umsätze über den Laden oder gehen als Bestellung per Telefon ein, doch gibt es auch Kunden, die über das Internet bestellen wollen.“ Viele Onlineshop-Nutzer holten ihre Bestellungen zudem in der Buchhandlung ab und sorgten so für zusätzliche Frequenz im Geschäft. Mit der neuen Shop-Lösung ist Martina Riegert nun durchwegs zufrieden, doch gelte es zunächst, den Online-Umsatz den man vor der Abschaltung des alten Shops hatte, Stück für Stück zurückzuholen.

Eigene Bücherabo-Homepage steigert das Interesse

Mit dem Bücherabo hat die erste Buchhandlung am Platz auch im Netz eine Nische gefunden

Mit dem Bücherabo hat die erste Buchhandlung am Platz auch im Netz eine Nische gefunden

Ebenfalls eingestellt wurde der flankierende Onlineshop „Franken und Co.“, über den ein auf die Region Oberfranken und Südthüringen fokussiertes Sortiment an Büchern, Filmen, CDs und Spielen angeboten wurde. Zwar machte die von Irmgard Clausen initiierte Idee, sich mit einem klar umrissenen Sortiment von den weitgehend deckungsgleichen Buch-Shops im Netz zu unterscheiden, durchaus Sinn. Doch wie Martina Riegert erklärt, blieb der Erfolg des Projekts recht begrenzt. „Vielleicht war das Thema doch zu spitz. Zudem gab es in dem Shop nur wenige Artikel, die sonst keiner hat, und konnten die meisten Titel auch woanders bestellt werden.“ Da die Pflege des Franken-Shops erheblichen Aufwand verlangt habe, entschloss man sich schließlich zur Abschaltung des Angebots.

Denn konzentrieren wollen sich Martina Riegert und ihr Team lieber auf das erfolgreichste Online-Angebot der Buchhandlung Riemann: das Bücherabo. „In der Zeit nach der Local-Heroes-Veröffentlichung begann es, dass plötzlich ganz viele neue Leute angerufen haben und sich für das Abo interessiert haben. Während wir das Bücherabo vorher fast nur in der Region verkauft haben, kamen die Kunden nun aus ganz Deutschland, einige sogar aus der Schweiz.“ Nach dem großen Erfolg im Weihnachtsgeschäft 2013 entschied sich die Buchhandlung Riemann 2014 dazu, das Bücherabo mit einer eigenen Webseite gezielt zu bewerben. Der Buchhandlung und der daran beteiligten Web-Agentur ist dabei ein runder Wurf gelungen: auf der Homepage wird das Bücherabo mit aussagekräftigen Bildern anschaulich erklärt, werden die beteiligten Buchhändlerinnen vorgestellt und kommen auch begeisterte Kunden zu Wort. „Wir verlängern durch das Bücherabo ja unsere stationäre Kompetenz ins Netz und die Seite macht das gut greifbar“, erklärt Martina Riegert. Auch die Entwicklung der Abo-Verkäufe sei seit dem Start der neuen Homepage sehr positiv: „Wir erhalten seitdem fast täglich Abo-Bestellungen.“ Die gesamte Anzahl der Abo-Nutzer liege inzwischen im mittleren dreistelligen Bereich.

Abomodell wird weiter ausgebaut

Auf der eigenen Homepage wird die Funktionsweise des Bücherabos anschaulich dargestellt

Auf der eigenen Homepage wird die Funktionsweise des Bücherabos anschaulich dargestellt

Mit dem Erfolg des Bücherabos setzte auch das Nachdenken über eine Weiterentwicklung des Angebots ein. „Wir müssen das Bücherabo weiter professionalisieren“, erklärt Riegert. Auf der To-do-Liste steht u.a. die Einbindung von Online- und Kreditkartenzahlverfahren. Daneben müsse man sich auch Gedanken über die künftige personelle Organisation machen: die für das Bücherabo zuständigen Mitarbeiterinnen seien aktuell jeweils die letzte Monatswoche komplett mit der Auswahl, dem liebevollen Verpacken und dem Versand der Abo-Titel beschäftigt. Nehme die Nachfrage nach dem Bücherabo weiter mit der derzeitigen Geschwindigkeit zu, werde man wohl bald Mitarbeiter ausschließlich mit der Aufgabe betrauen. „Schon jetzt stapeln sich immer zum Monatsende in unserem Büro die Bücherkisten mit Abo-Geschenken“, berichtet Martina Riegert.

Eine wichtige Weiterentwicklung wurde beim Bücherabo zudem bereits umgesetzt: das Abonnement ist nun nicht nur für Taschenbücher und Hardcover-Titel verfügbar, sondern auch für E-Books und Hörbücher. Im Fall eines E-Book-Abos erhalten die Kunden dann keine physische Monatslieferung, sondern jeweils eine E-Mail mit der angehängten Buchdatei. Die Buchhandlung Riegert greift damit auf die Erfahrung zurück, die man mit dem Angebot des von einer breiten Allianz im deutschen Buchhandel entwickelten E-Readers Tolino und dem Verkauf von E-Books im Ladengeschäft gesammelt hat. „E-Books in einer Buchhandlung zu kaufen, klingt zunächst paradox“, räumt Martina Riegert ein, „aber das kommt gar nicht so selten vor, gerade bei älteren Kunden.“ Die Kunden könnten sich dann wie gewohnt beraten lassen und die E-Books an der Ladenkasse bezahlen. Das Buch werde dann ebenfalls per E-Mail als Computerdatei zugeschickt.

Bücherabo, E-Books, Online-Verkäufe – die Riemann’sche befindet sich bereits sichtlich mitten im Brückenschlag zwischen buchhändlerischer Tradition und der digitalen Zukunft des Handels. Auch eine modernisierte Homepage mit individuellen Empfehlungen sowie eine regelmäßig gepflegte Facebook-Seite gehören zu dieser zeitgemäßen Aufstellung. Mit dem Bücherabo ist die Buchhandlung Riemann zudem inzwischen so bekannt, dass es bereits erste Nachahmer gibt, wie Martina Riegert berichtet. „Aber da steckt nicht so viel Herzblut drin, wie bei uns. Außerdem haben wir uns die URL Bücherabo.de gesichert – das ist viel wert.“ Und das Wichtigste kann ohnehin nicht kopiert werden: das Buchwissen von Martina Riegert und ihrem Team.


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