Nach der Schaufenster-Verhüllung: Kastellaun wünscht sich ein regionales Einkaufsportal.

von Matthias Hell am 08.April 2014 in Local Heroes

Die rheinland-pfälzische Kleinstadt Kastellaun sorgte Ende 2013 bundesweit für Aufsehen: Mehr als 70 Fachgeschäfte verhüllten für eine Woche ihr Schaufenster und protestierten so gegen das Einzelhandelssterben und die Internet-Konkurrenz. Doch weiß man auch in Kastellaun, dass der Trend der Konsumenten zum Online-Einkauf nicht so schnell abflaut. Wie Bürgermeister Marlon Bröhr gegenüber Location Insider berichtet, plant man deshalb den Aufbau eines eigenen regionalen Einkaufsportals.

Mit Packpapier und dem Slogan "Wir malen den Teufel an die Wand" protestierten Kastellauner Händler gegen den ruinösen Online-Wettbewerb (Quelle: Facebook.com/pages/Plastikapfel)

Mit Packpapier und dem Slogan „Wir malen den Teufel an die Wand“ protestierten Kastellauner Händler gegen den ruinösen Online-Wettbewerb (Quelle: Facebook.com/pages/Plastikapfel)

Auch wenn der CDU-Bürgermeister, der im Mai die Wahl zum Landrat anstrebt, schnell zum Sprachrohr der Protestaktion wurde, ging die Initiative „Kastellaun verhüllt sich“ im Oktober 2013 ursprünglich auf den lokalen Handel zurück. Mithilfe der örtlichen Werbe- und Fördergemeinschaft rief die Kastellauner Buchhändlerin Petra Müller-Wetstein die Einzelhändler zum Widerstand auf. „Ihr ging es darum, zu zeigen, welche Folgen der Wettbewerb mit den großen Online-Plattformen für den lokalen Einzelhandel hat und wie auch kleine Mittelzentren wie Kastellaun davon betroffen sind“, erklärt Bröhr. Um die Initiative zu unterstützen startete das Rathaus eine Bürgerumfrage, die schnell zeigte, dass neben viel Verständnis für die Verhüllungsaktion auch einige Mängel beim Handel vor Ort ausgemacht wurden. „Das bezog sich zum Beispiel auf die unterschiedlichen Öffnungszeiten der Läden, die für einige Kunden sehr ärgerlich sind“, berichtet der Bürgermeister.

Wie Bröhr erklärt, sei für ihn klar gewesen, dass ein einseitig gegen „das Internet“ gerichteter Protest wenig Sinn mache: „Der Handel muss sich im Wettbewerb beweisen und dazu gehört es auch, dass man am Online-Handel, der ein großer Umsatzbringer ist, partizipiert.“ Schließlich müsse man bei aller Kritik an Amazon anerkennen, dass der Einkauf bei dem Online-Riesen „super-bequem und wirklich gut gemacht“ sei. „Auf der anderen Seite hat man die Onlineshops der kleinen Händler, die schlecht bis mittelmäßig gemacht sind und den Kunden keine Angebotsvielfalt bieten.“ Selbst für Personen mit einem großen regionalen Bewusstsein sei es unattraktiv, in den Onlineshop der Händler vor Ort nach den gewünschten Waren zu suchen. Marlon Bröhr wusste daher: „Es braucht ein Angebot das zwischen einer Plattform wie Amazon und den einzelnen Händlern liegt.“

Idealvorstellung: Ein „Amazon“ für den lokalen Handel

Der Kastellauner Bürgermeister Marlon Bröhr (CDU) hat genaue Vorstellungen davon, wie ein Online-Portal für den regionalen Handel aussehen müsste

Der Kastellauner Bürgermeister Marlon Bröhr (CDU) hat genaue Vorstellungen davon, wie ein Online-Portal für den regionalen Handel aussehen müsste

In der Folge machte sich der Bürgermeister der Hunsrück-Kleinstadt daran, nach einer geeigneten Online-Lösung für den lokalen Handel zu suchen. Dabei sei schnell klar geworden, dass Kastellaun mit seinen 15.000 Einwohnern einen zu kleinen Ansatzpunkt bilde. „Besser geeignet ist hier als nächsthöhere Einheit der Landkreis mit rund 100.000 Einwohner und einer deutlich größeren Anzahl an Händlern. Wenn es hier gelingt, sich zusammenzuschließen, kann man ein Angebot schaffen, das auch den Kunden Freude macht.“ Zwar meldeten sich nach der medienwirksamen Verhüllungsaktion viele Anbieter von Handelslösungen bei dem Kastellauner Bürgermeister, doch sei man dabei auf keine geeignete Lösung gestoßen – auf der einen Seite habe man sich mit reinen Online-Branchenverzeichnisse konfrontiert gesehen, die Amazon nicht wirklich etwas entgegensetzen könnten; auf der anderen Seite seien bestehende Einkaufsportale in der Regel auf größere Städte ausgerichtet.

Die Anforderungen, die Bröhr für ein den Bedürfnissen des lokalen Handels entsprechendes Einkaufs-Portal formuliert, sind klar: „Es müsste sich dabei um eine Plattform handeln, die für die Kunden genauso bequem ist, wie Amazon.“ Der Kunde brauche im Prinzip gar nicht genau zu sehen, bei welchem Laden er das betreffende Produkt kaufe. Doch dahinter würden immer Händler aus der Region mit einem eigenen Ladenlokal stehen. Für diese solle das Angebot nicht nur kostenlos sein, sondern es soll auch Hilfe bei dem Einpflegen des Sortiments und dem Warenmanagement umfassen. Dabei könne es sich durchaus um eine Win-Win-Situation handeln: „Die Gemeinde profitiert ja von der dabei erzielten Gewerbesteuer. Und wenn ein solches Portal erfolgreich wäre, könnte man es auch anderen Regionen anbieten“, so Bröhr.

Noch beträchtliche Hürden bis zur Umsetzung

Wird hier Handels-Geschichte geschrieben? Das 15.000 Einwohner-Städtchen Kastellaun im Hunsrück (Quelle: Wikipedia / Achim Berg)

Wird hier Handels-Geschichte geschrieben? Das 15.000 Einwohner-Städtchen Kastellaun im Hunsrück (Quelle: Wikipedia / Achim Berg)

So interessant die Vorstellungen des Kastellauner Bürgermeister auch klingen – bis zu einer möglichen Umsetzung gilt es noch einige Hürden zu überwinden. Das betrifft zum einen den Handel selbst: Ein regionales Einkaufsportal würde – nicht zuletzt im Hinblick auf die Verkaufspreise – neue Transparenz schaffen und damit den Wettbewerb erhöhen. „In der Regel ist das aber immer nur einer von zehn Händlern, der das problematisch findet“, berichtet Bröhr über seine Gespräche mit dem lokalen Einzelhandel. „Neun von zehn verstehen, dass sie sich im Wettbewerb mit Kunden befinden, die ohnehin schon woanders sind.“ Die andere Hürde sieht der CDU-Bürgermeister in rechtlichen und prozessualen Fragen. So sei zum Beispiel unklar, ob die öffentliche Verwaltung im Rahmen ihrer Infrastrukturpolitik ein Einkaufsportal aufbauen dürfe oder ob es sich dabei eher um Wettbewerbsverzerrung im Sinne des EU-Rechts handele.

Genau mit solchen Fragen muss sich nun Christian Keimer, zuständiger Dezernent beim Rhein-Hunsrück-Kreis, befassen. Nachdem sich der Landkreis auf Kastellauner Initiative hin dazu entschlossen hat, den Aufbau eines Einkaufsportals zu prüfen, beschäftigt sich Keimer mit der Planung eines möglichen Umsetzungsprozesses. Wie der Dezernent auf Anfrage von Location Insider erklärt, gelte es dabei zum einen den Blick zu weiten und neben Sortimenten wie Büchern und Bekleidung auch die regionale Nahversorgung mit Lebensmitteln u.ä. miteinzubeziehen. Zum anderen müsse angesichts der schlechten Finanzlage der Kreise erst die Finanzierung des Projekts sichergestellt werden. Keimer hofft hier auf Fördergelder des Bundesforschungsministeriums, um die man sich beworben hat. Gleichzeitig ist dem Dezernenten klar, dass die Uhr für den lokalen Einzelhandel tickt: „Wir müssen das Thema zügig bearbeiten. Wenn es mit der Finanzierung klappt, könnten wir im Sommer dieses Jahres soweit sein, dass wir uns mit einem Konzept an eine Ausschreibung machen.“


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