Handel im Wandel: Durch die Woche mit Christoph Landmann von No Sugar Land.

von Kay Ulrike Treiß am 23.August 2017 in Fragebögen, News

Christoph Landman lebt, laut eigener Aussage, völlig ohne Zucker – egal welcher Art. Und er hat seine Überzeugung zum Beruf gemacht: Der 32-Jährige ist Gründer von No Sugar Land, einem Laden in Mannheim, der ausschließlich zuckerfreie Getränke anbietet. Das Sortiment: 5 Teegetränke, 5 Limonaden und 1 Aminosäurengetränk, dass die Regeneration der Muskeln nach dem Sport unterstützen soll. „Die Resonanz ist überragend“, sagt Landmann, dessen Kunden sogar aus Stuttgart angereist kommen. Der Jungunternehmer, der selbst sagt, er habe autodidaktisch das amerikanische Branding-Modell nach Al Ries und Jack Trout sowie Michael Brandtner gelernt, will zeitnah die nächsten Läden in Düsseldorf, Berlin und Saarbrücken eröffnen. Im Händler-Fragebogen von Location Insider verrät Landmann, wie zukünftige Dialoge an der Fischtheke zwischen Kunden und Verkaufspersonal ablaufen könnten. Sein Fazit schonmal vorweg genommen: „Absurd und pervers, aber kommt bestimmt.“

Location Insider: Wie würden Sie die momentane Situation des stationären Handels in einem Satz beschreiben?

Christoph Landmann: Ich kann an dieser Stelle primär den Lebensmittelhandel und hier insbesondere das Getränkesegment beschreiben und muss klar sagen, dass es in meinen Augen leider an wirklichen Neuheiten und dem Mut zu diesen mangelt. Der Handel hat meiner Erfahrung nach – aus welchen Gründen auch immer – nicht die Bereitschaft, tatsächliche Innovationen einzuführen. Es kommt lediglich zu inkrementellen Neuerungen, die den Handel aber mittel- und langfristig gegenüber spezialisierten Fachgeschäften, in denen Menschen, die wahrhaft Neues (als erste) kaufen wollen, ins Hintertreffen gelangen lassen werden. Ringt sich der Handel dann doch einmal zur Einführung neuer Marken und Kategorien durch, wird zumeist nicht die für die Etablierung dieser Neuerungen notwendige Zeit gegeben und die Konzepte verschwinden wieder. Aufgrund seiner stationären Omnipräsenz sind die Handelsketten selbstverständlich nach wie vor in der Lage, erfolgreich zu wirtschaften. Aber was heute funktioniert, muss morgen nicht auch noch funktionieren. Und wenn der Handel neue Konzepte, die meist auch mit größeren Margen einhergehen, verschläft oder sogar mutwillig außen vorlässt, ergeben sich ideale Möglichkeiten für spezialisierte Fachgeschäfte mit margenstarken Marken.

Location Insider: Welcher Tag der vergangenen Woche war der Beste aus Händlerperspektive und warum?

Christoph Landmann: Vermutlich Samstag, weil im stationären Handel am meisten los ist, oder?

Location Insider: Worüber haben Sie sich diese Woche besonders beim Einkaufen im Laden gefreut?

Christoph Landmann: Ich war diese Woche nicht einkaufen, aber neulich über die freundliche Dame an der Fisch- und Meeresfrüchtetheke im Edeka-Markt, die so nett war, mir die Zutatenliste der frisch zubereiteten Meeresfrüchte auszuhändigen.

Location Insider: Und worüber haben Sie sich geärgert?

Christoph Landmann: Dass die Schale mit Meeresfrüchten nicht, so wie ich es kenne, nur aus Öl und Meeresfrüchten bestand, sondern dass noch Zucker untergejubelt wurde. Was zum Teufel hat Zucker in Meeresfrüchten zu suchen? Stellen Sie sich doch mal folgenden, gar nicht so weltfremden Dialog aus naher Zukunft vor: Samstagmorgen, Fischtheke. Kunde: „Schönen guten Tag. Dass Sie grätenfreien Fisch haben, weiß ich. Aber ich suche eigentlich nach zuckerfreiem. Haben Sie welchen im Angebot?“  Verkäuferin: „Ah, das tut mir leid, der zuckerfreie Fisch ist heute leider schon aus. Wir haben aber ganz frischen Barsch im Angebot, den haben wir nur in ein wenig Traubenzucker ertränkt. Wäre das was für Sie?“ Kunde: „Hmm, da bin ich mir jetzt etwas unsicher, ob der Traubenzucker und der Barsch auch harmonieren. Ich glaube, wir bleiben dann doch erstmal beim Hering mit Glukose-Fruktose-Sirup. Oder haben Sie zufälligerweise auch Rollmops mit Rohrzucker?“ Verkäuferin: „Rollmops mit Rohrzucker, fangfrisch für Sie zubereitet, sehr gerne. Wie viel darf’s denn sein?“ Absurd und pervers, aber kommt bestimmt.

Location Insider: Mit wem wollen Sie nie an der Kasse stehen, wenn Sie Unterwäsche kaufen? Oder kaufen Sie diese deshalb nur online?

Christoph Landmann: Da bin ich völlig schmerzfrei und jeder kann und darf an der Kasse gerne sehen, welche ich einkaufe. Je nachdem wer neben mir an der Kasse steht, kann dann eventuell auch direkt beim Anprobieren helfen.

Location Insider: Tante Emma oder Supermarkt?

Christoph Landmann: Berufsbedingt meistens Supermarkt, gerne aber auch Wochenmarkt. Ehrlich gesagt, gehe ich selten große Wocheneinkäufe machen und bin deswegen kein Einkaufs-Profi.

Location Insider: Welche Schlagzeile wollen Sie auf keinen Fall über sich im „Handelsblatt“ lesen?

Christoph Landmann: No-Sugar-Land-Gründer an Diabetes erkrankt.

Location Insider: Nehmen wir an, Sie hätten einen Wunsch frei: Wie sähe der stationäre Handel in fünf Jahren aus, wenn Sie es sich aussuchen könnten?

Christoph Landmann: Wunsch: Gespickt mit innovativen Produkten, tollen neuen Marken und regelmäßigen Einführungen neuer Kategorien, mit denen echtes Neuland betreten wird.

Vermutung auf Sicht der kommenden fünf bis zehn Jahre: Margenträchtige Produkte werden – online und offline – überwiegend über spezialisierte Fachgeschäfte, die hochprofitable Gelddruckmaschinen sein werden, vertrieben. Ein Großteil des gegenwärtigen stationären Handels stirbt einen langsamen Tod, weil er sich mit dem Verkauf von Produkten, quasi ohne Gewinn, begnügen muss und ihm sein selbst gezüchtetes Krebsgeschwür namens Rabattitis die letzte finanzielle Luft zum Atmen nimmt, insbesondere wenn auch final alle bilanziellen Taschenspielertricks, Kapitalerhöhungen oder anderweitigen Geldquellen als künstliche Lebenserhaltungsmaßnahmen  versiegen. Der Discount wird mehr denn je prosperieren, Bio-Ketten und andere Spezialisten ebenfalls, und der in der Mitte positionierte Lebensmittel- und Getränkehandel wird sich mit Margen begnügen müssen, die mit der Lupe zu suchen sein werden (falls überhaupt welche erwirtschaftet werden) und sich darüber freuen, wenn wieder eine 1,5 Liter-Flasche Wasser für 19 Cent verkauft wurde, bei der schon der Pfandbetrag von 25 Cent den Verkaufspreis übersteigt.

Lesen Sie auch die vorherigen Fragebögen unserer Serie “Durch die Woche mit…”.


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