Modebranche & Corona-Krise: „Nicht in Schockstarre verharren“.

von Florian Treiß am 31.März 2020 in Interviews, News

Die Modebranche ist von der Corona-Krise besonders betroffen – schließlich gelten Modeläden aus Sicht der Regierung nicht als „systemrelevant“ und sind deswegen im derzeitigen Lockdown bundesweit geschlossen. Nur übers Web lässt sich Fashion derzeit noch verkaufen, doch auch dort dürfte die Konsumlust derzeit gezügelt sein. Ein absoluter Schock also für die Modehändler, die in Deutschland fast 80 Milliarden Umsatz pro Jahr erwirtschaften. Wie also sollte die Modebranche mit der Corona-Krise umgehen? Und welche Rezepte gibt es für die Zeit nach dem Lockdown? Darüber habe ich mit Sebastian Rieder gesprochen, Co-Founder und CEO von BETAFASHION. Das Startup hat sich darauf spezialisiert, mit einer Software für die Modebranche Lagerbestände zu reduzieren und Waren bestmöglich zu verteilen.

Location Insider: Wie stark ist die Modebranche von der Corona-Krise betroffen?

Sebastian Rieder: Da nur der Bekleidungseinzelhandel (78 Milliarden Euro) bereits 14 Prozent des gesamten Einzelhandelsvolumen in Deutschland (557 Milliarden Euro Jahresumsatz) ausmacht, ist die Industrie wohl mit eine der am schwersten Betroffenen. Zum Vergleich: Der Lebensmitteleinzelhandel steht für 34 Prozent des Gesamtvolumens, setzt 187 Milliarden Euro im Jahr um und hat keine Einbußen.

Da die Modebranche in Saisons strukturiert ist und die Ware somit eine Art Haltbarkeitsdatum hat, können verlorene Umsätze nur schwer bis gar nicht aufgeholt werden. Das echte Ausmaß wird sich in der nächsten Herbst-/Winter-Saison zeigen, also gegen September, wenn durch die verloren Umsätze die neue Ware nicht gegenfinanziert werden kann.

Location Insider: BETAFASHION hat eine Strategie namens „Covid19-Drop“ entwickelt, mit der die Modebranche den Umgang mit der Corona-Krise meistern soll. Wie sieht Ihre Strategie aus?

Sebastian Rieder: Kernpunkt der Strategie ist die optimale Warenversorgung der „Ramp-Up“ Märkte durch einen globalen Warenpool pro Hersteller. Dies würde bedeuten, dass die kundenbezogenen Aufträge aufgelöst werden, da ein Verkauf in einen früher öffnenden Markt sinnvoller ist, als die Waren zu bevorraten für einen Markt, der möglicherweise erst später eröffnet.

Gleichzeitig muss der Einzelhändler zustimmen, dass er möglicherweise ein leicht verändertes Sortiment vom Hersteller bekommt, hierfür aber Warenrisko an den Hersteller abgeben kann. Dieses Risiko muss jedoch gedeckelt sein: Unser Vorschlag sieht eine sogenannte „Absatz-Garantie“ des Händlers vor, die sich zwischen 30 Prozent und 80 Prozent des gelieferten Warenwerts bewegen kann. Ab dem Verkaufstart beginnt die Warennachsteuerung durch den Hersteller auf Basis der Verkaufszahlen des Händlers. Daraufhin wird ein ein- bis zwei-wöchiger Zahlungsrhythmus nach Zahlungsplan vereinbart.

Somit wird ein konstanter Waren- aber auch Liquidiätsfluss ermöglicht. Weiterhin müssen alle sonstigen Preisabsprachen gekündigt werden. Dies gibt dem Hersteller die Flexibilität, die Ware dem Händler zu geben, der sie auch am besten abverkaufen kann. Gleichzeitig entlastet er den Händler in seiner Abnahmeverpflichtung.

Location Insider: Welche Partner konnten Sie dafür schon gewinnen?

Sebastian Rieder: Da es sich bei unserem Vorschlag nur um einen möglichen Fahrplan handelt, kann jedes Unternehmen sich entweder Teile der Strategie zu eigen machen, oder diese ändern.
Der Vorschlag wurde mit bisher ca. 40 Unternehmen konstant weiterentwicklelt und besprochen, dazu gehören unsere bestehenden Kunden wie auch alle anderen Unternehmen, mit denen wir in Kontakt stehen.

Nun ist der nächste Schritt, möglichst viele Akteure in den gleichen Videocall zu bringen, um auf dieser Grundlage die Gespräche führen zu können. Dies wird im Lauf dieser Woche/Anfang nächster Woche sein.

Location Insider: Erwarten Sie einschneidende Veränderungen für die Branche, auch wenn der Lockdown beendet ist?

Sebastian Rieder: Das Konsumklima hier in Deutschland wird sich erst über lange Zeit erholen müssen, jedoch glaube ich fest daran, das Konsum stattfinden wird. Allerdings nicht mit der Daunenjacke im Juni/Juli.

Location Insider: Was macht Ihnen Mut und Hoffnung für die Zukunft?

Sebastian Rieder: Es ist spannend zu sehen, wie agil und entschlossen viele Unternehmen nun reagieren können. Ich hoffe, diese neue Stärke bleibt vielen erhalten. Jetzt geht es darum, Dinge anzupacken und nicht in der ersten Schockstarre zu verharren.

Location Insider: Vielen Dank für das Interview!


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