Wie sich Onlineshopping während des Shutdowns wandelt: Interview mit Jan Bechler.

von Florian Treiß am 05.April 2020 in Interviews, News

„Amazon hat sich in den letzten Wochen zu einer Art Konsumbarometer entwickelt. Quarantäneprodukte – also Nahrungsmittel wie Pasta, Nudeln, Mehl usw. – sind im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 300% gewachsen“, sagt Jan Bechler. Der Gründer und Geschäftsführer der E-Commerce-Beratung Finc3 Commerce aus Hamburg gilt als einer der wichtigsten Amazon-Experten in Deutschland. Wir haben mit ihm über aktuelle Amazon-Trends während der Coronavirus-Krise gesprochen sowie darüber, in wieweit Händler, deren Läden geschlossen wurden, jetzt online durchstarten können.

Location Insider: Herr Bechler, viele Händler sind von Ladenschließungen überrascht worden. In wieweit Räumen sie solchen Händlern eine realistische Chance ein, schnell auf den E-Commerce umzusatteln?

Jan Bechler: Sagen wir so: Diejenigen, die bereits vor der Krise zweigleisig gefahren sind, sind da auf jeden Fall im Vorteil. So ein Shop ist schnell aufgesetzt – aber parallel müssen ja auch der Bestand digitalisiert und die Logistikprozesse organisiert werden. Zudem braucht so ein Shop ja auch Marketing. Bis das alles eingespielt ist, braucht man sicher eher Monate als Wochen. Wer jetzt von 0 auf 100 starten will, der hat schon ein ordentliches Brett zu bohren.

Location Insider: Macht der Vertrieb über einen eigenen Onlineshop überhaupt Sinn? Oder spielt sich sowieso alles auf Amazon ab?

Jan Bechler: Die Hälfte aller Produktsuchen beginnt auf Amazon, das ist richtig. Insofern spielt sich eine Menge dort ab. Zumal: Selbst, wenn ich dort nicht direkt anbiete, können meine Produkte dort verfügbar sein. Deshalb kann kein Händler und vor allem keine Marke Amazon links liegen lassen. Einige sollten Amazon dabei nur im Blick haben. Für die meisten lohnt es sich aber, dort auch zu verkaufen. Gleichzeitig empfehlen wir unseren Kunden häufig, eine Multi-Marktplatz-Strategie zu fahren. Je nach Branche gibt es immer auch andere Player neben Amazon, die sehr relevant sind – für Möbel und Inneneinrichtung beispielsweise Otto, für Fashion Zalando oder About You oder in vielen Fällen immer auch noch eBay, das häufig unterschätzt wird.

Location Insider: Welche Verkaufstrends beobachten Sie derzeit bei Amazon? Welche Produkte sind in der Corona-Krise häufig gefragt?

Jan Bechler: Amazon hat sich in den letzten Wochen zu einer Art Konsumbarometer entwickelt. Quarantäneprodukte – also Nahrungsmittel wie Pasta, Nudeln, Mehl usw. – sind im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 300% gewachsen. Nahrungsergänzungsmittel haben sich wie die Kategorie Medizin und Erste Hilfe verfünffacht. Auch spannend: Der Bereich Erotik ist um 1,7 Prozent geschrumpft. Schaut man sich die Suchbegriffe an, dann hatten Mitte Februar noch 80% der Top50-Suchbegriffe Corona-Bezug. In den letzten Wochen waren es zumindest noch 40% – die Hysterie scheint sich also etwas zu legen.

Location Insider: Wie steht es denn generell mit der Konsumlust der Deutschen: Haben diese überhaupt noch Lust, sich z.B. neue Mode oder Gadgets zu kaufen? Oder suchen alle nur nach Quarantäneartikeln?

Jan Bechler: Aktuell zeigen auch die Untersuchungen von Idealo, dass zum Beispiel Home-Office-Produkte wie etwa Headsets sehr gefragt sind. Im weiteren Verlauf wird die Lust auf Luxus-Produkte sehr von der Stimmung in der Bevölkerung abhängen. Haben die Menschen Angst ihren Job zu verlieren, werden sie den Kauf eines Kaffee-Vollautomaten vermutlich erstmal hinausschieben. Haben sie verstanden, dass ihr Konsum die viele Arbeitsplätze retten kann, könnte das Gegenteil der Fall sein.

Location Insider:  Ostern steht kurz vor der Tür: Spielt so ein typisches Shopping-Event derzeit überhaupt eine Rolle? Oder können die Händler das dieses Jahr vergessen?

Jan Bechler: So richtig werden wir das natürlich erst in den Tagen nach dem Oster-Wochenende beurteilen können. Wir sehen aber durchaus jetzt schon, dass bestimmte Produktkategorien leicht weniger nachgefragt werden als in den Vorjahren. Das ist aber auch gut nachzuvollziehen – der Osterbrunch mit Freunden wird in diesem Jahr genauso ausfallen wie die typischen Osterfeuer am Samstagabend. Und ein Effekt dürfte ganz klar auch sein, dass weniger Oster-Präsente verschenkt werden. Insofern erwarten wir für einige Branchen sicher einen geringeren Peak als in den Vorjahren, gleichzeitig bleibt Ostern natürlich relevant. Und die Nachfrage, die es dann doch gibt, verteilt sich natürlich noch viel stärker auf den Online-Handel als es sonst der Fall gewesen wäre.

Location Insider: Vielen Dank für das Interview!


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