„Es ist längst an der Zeit, dass Modeplayer umdenken“: Constanze Klotz über die Corona-Krise.

von Kay Ulrike Treiß am 29.April 2020 in Highlight, Interviews, News

Constanze Klotz (rechts im Bild) gemeinsam mit ihrer Co-Gründerin Charlotte Erhorn (links)

„Spätestens durch Corona ist die Zeit gekommen, vermeintlich etablierte Strukturen wie Kollektionszyklen, Zuliefererbedingungen und Lieferketten zu überdenken“, sagt Constanze Klotz. Sie ist Modeunternehmerin und Gründerin des Fair Fashion Labels „Bridge&Tunnel“. Textilarbeiter*innen, die sonst keinen Job mehr bekommen hätten, fertigen für das Unternehmen in Hamburg-Wilhelmsburg aus getragenen Jeans schicke Rucksäcke und Heimtextilien. In der Corona-Krise hat Bridge&Tunnel auf die Maskenproduktion umgestellt. Für die Zukunft ermuntert Constanze Klotz uns zu einem anderen Konsumverhalten: „Auch nach der Krise wünschen wir uns Wertschätzung und Unterstützung für diejenigen, die jeden Tag Großes für die Gesellschaft leisten. Auch wenn es das Nähen eines T-Shirts ist.“

Location Insider: Wie wirkt sich die aktuelle Corona-Situation auf Ihr Unternehmen und im Allgemeinen auch auf den Fair-Fashion-Modehandel aus?

Constanze Klotz: Auch die Textilbranche ist brutal von der Corona-Krise getroffen. Während Einzelhändler mit dem Problem konfrontiert sind, ihre Waren wegen der Ladenschließungen etliche Wochen gar nicht oder nur online abverkaufen zu können, was immer schwieriger wird, je mehr die Konsumlaune in angestrengten Coronazeiten sinkt, desto mehr gerät aus dem Blick, was auf der anderen Seite der Lieferkette passiert. Und die textile Lieferkette ist lang. Sie umfasst alle Schritte, die es für ein Kleidungsstück braucht: Baumwollanbau, Färben, Fertigung, Transport und Logistik. Dass dabei Menschen involviert sind, ist klar. Welche große, fatale Spirale sich aufbaut, vielleicht nicht.

Den Druck, den diese Situation verursacht, reichen viele Großunternehmen an ihre Zulieferer weiter: Sie stornieren Aufträge, nehmen bestellte Waren nicht mehr ab oder handeln Preisnachlässe aus. Für die Textilarbeiter*innen etwa in Indien, Kambodscha, Myanmar oder Bangladesch bedeutet das, dass sie – neben der teils katastrophalen Gesundheitsversorgung – für geleistete Arbeit aktuell keinen Lohn bekommen, denn ihren Arbeitgebern fehlen dafür die Auftragszahlungen. Hunderttausende Fabrikarbeiter in Asien sind damit nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) existenziell bedroht. Das ausgerechnet in Ländern ohne die Sicherheit von Sozialhilfen oder stabilen Gesundheitssystemen. Damit sind erneut die schwächsten Glieder der textilen Wertschöpfungskette betroffen. Und die dabei entstehende Armut könnte tödlicher wirken als die Covid-19 Erkrankung allein.

Ausrangierte Jeans sind bei Bridge&Tunnel der wichtigste Rohstoff fürs Upcycling

Wir sind mit unserem Fair Fashion Label Bridge&Tunnel, bei dem wir bewusst auf eine eigene Produktion in Deutschland setzen, bislang weitestgehend von den globalen Verflechtungen verschont geblieben. Da wir mit Upcycling arbeiten, ist unsere Ressource – das sind bei uns used Jeans – immer schon da. Anders sieht es bei den Zutaten aus, die wir dazu kaufen, wie Reißverschlüsse oder Gummibänder. Auf die müssen wir gerade sehr lange warten.

Location Insider: Otto-Chef Alexander Birken rechnet mit einer Rabattschlacht im Modehandel – weil die Lager voll sind. Wie stehen Sie dazu: werden Sie mit Ihrem Unternehmen auch Rabatte ausgeben, um das Lager leer zu bekommen?

Constanze Klotz: Seit Beginn unserer Labelgründung gilt bei uns „no sales ever“. Denn Arbeit kostet bei uns immer gleich viel. Daher werden wir natürlich keinen Sale anbieten.

Location Insider: Sie engagieren sich auch bei dem Aufruf #fairfashionsolidarity. Was steckt dahinter?

Constanze Klotz: Gelten Fair Fashion Labels und andere nachhaltig agierende Akteure entlang der Lieferkette in der Gesamtbranche gern als weltfremd und idealistisch, ist spätestens durch Corona die Zeit gekommen, vermeintlich etablierte Strukturen wie Kollektionszyklen, Zuliefererbedingungen und Lieferketten zu überdenken. Ein „Weiter so“ KANN und DARF es nach Corona einfach nicht mehr geben. Mit Bridge&Tunnel haben wir bewusst ein Fair Fashion Label lanciert, das anders arbeiten und wertschätzen will. Das sich aber auch als Teil einer Fashion Community begreift, die davon überzeugt ist, dass es nur gemeinsam geht.

So wurde direkt zur Beginn der Corona-Pandemie das Manifest #fairfashionsolidarity ausgerufen, in dem die Initiator*innen Akteure der Textilbranche zu mehr Solidarität aufrufen, um die faire Modebranche zu retten. Mehr als 250 Unterstützer*Innen, darunter Labels und Produzent*innen haben sich darauf geeinigt, durch gemeinsame solidarische Aktionen die verlorenen Verkaufsmonate zurückzuholen. Zu den Maßnahmen gehörten längere Zahlungsziele zwischen Shops und Produzenten, eine verspätete Auslieferung der Saison/Herbst Winter 2020, ein Umbau der Sommerkollektion 2021, so dass sie zum Vorjahr passt und die Mitnahme von Überhängen ermöglicht, sowie keine Rabatte nach Wiedereröffnung. Das Wichtige an #fairfashionsolidarity: es gelingt nur, wenn ALLE gleichermaßen mitziehen.

Blick in die Produktion von Bridge&Tunnel

Location Insider: Was meinen Sie damit, wenn Sie sagen, wir sollten „Mode neu denken“?

Constanze Klotz: Schon länger zeichnet sich in vielen Wirtschaftszweigen – auch in der Textilindustrie – ab: immer schneller, höher, weiter kann nicht der Weg der Zukunft sein. Das zeigt uns nicht nur die Klimakrise, sondern auch die steigende gesellschaftliche Ungerechtigkeit. Auch wenn wir, die das hier gerade lesen, uns höchstwahrscheinlich als „Gewinner“ der Globalisierung bezeichnen dürfen, zeigen stetig wachsende Zahlen von Burn-Out, Depressionen und Co: Produktivität, Selbstoptimierung, hohe Umsatzzahlen und unbegrenzter Konsum machen auf Dauer nicht glücklich.

Unsere Gesellschaft funktioniert nicht ohne Solidarität. Und unsere Wirtschaft könnte mit mehr Solidarität noch viel besser funktionieren. Auch nach der Krise wünschen wir uns Hilfsbereitschaft für Nachbarn, Bekannte und Verwandte. Auch nach der Krise wünschen wir uns Wertschätzung und Unterstützung für diejenigen, die jeden Tag Großes für die Gesellschaft leisten. Auch wenn es das Nähen eines T-Shirts ist.

Location Insider: Ist Ihr Modell auch für den konventionellen Modehandel denkbar oder nur für Fair Fashion?

Constanze Klotz: Es ist definitiv auch für konventionelle Mode denkbar. Wie gesagt sind wir fest davon überzeugt – und das ist nicht erst seit Corona der Fall, es beschleunigt die Prozesse aber in Lichtgeschwindigkeit -, dass es so nicht weitergehen darf. Es ist längst an der Zeit, dass Modeplayer umdenken und dass Konsument*innen verstehen, dass fair Fashion nicht zu teuer, sondern herkömmliche Mode einfach viel zu billig ist.

Location Insider: Was macht Ihnen Mut und Hoffnung in dieser so schwierigen Zeit?

Constanze Klotz: Solidarische Bewegungen wie die globale Fashion Revolution Week und das großartige Miteinander, das innerhalb der Fair-Fashion-Branche in Corona-Zeiten, aber auch darüber hinaus zu spüren ist.

Location Insider: Vielen Dank für die spannenden Antworten!

Weitere Interviews rund um die Corona-Krise u.a. mit Handelsexperte Wolf-Jochen Schulte-Hillen, ECE-Geschäftsführerin Joanna Fisher und Payment-Profi Christine Bauer finden Sie hier.


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