Interview: bring-Gründer Orhan Mertyuez über seinen etwas anderen Lebensmittel-Lieferdienst.

von Florian Treiß am 28.März 2022 in Highlight, Interviews, News

„Wir sind der Überzeugung, dass jeder Bewohner den Zugang zu einer schnellen Lebensmittellieferung haben sollte. Wir verbinden ein Supermarktsortiment mit den Vorzügen der ultraschnellen Belieferung“, sagt Orhan Mertyuez, Gründer des Lebensmittel-Lieferdienstes bring, der seit vergangenem Jahr in Berlin und Potsdam aktiv ist. Außerhalb der Region bislang weitgehend unbekannt, plant Mertyuez gerade die Expansion in weitere Städte und will dafür in Kürze neue Investoren präsentieren. Wir haben mit Orhan Mertyuez darüber gesprochen, wie er bring zwischen etablierten Anbietern wie dem Rewe Lieferservice und Quick-Commerce-Playern wie Gorillas positioniert – und welche Rolle dabei eigene Bäckereien sowie Eigenmarken spielen.

Location Insider: bring ist seit über einem Jahr in Berlin als Online-Supermarkt aktiv. Wie ist die Resonanz bisher?

Orhan Mertyuez: Wir bedienen mit bring aktuell über 40.000 zufriedene Kunden in Berlin und Potsdam. Diese Zufriedenheit spiegelt sich auch in den Kundenbewertungen wieder. So konnten wir bei der Focus-Money-Bewertung in der Branche „Lebensmittelversender“ die Auszeichnung ‚Hohe Anerkennung‘ (Focus Money 12/22) und den 3. Platz für Markenvertrauen „Blitz-Lieferdienste“ des Instituts für Markenvertrauen erlangen.

Neben diesen Auszeichnungen verzeichnen wir im täglichen Geschäft eine große Loyalität unser Kunden, die in einer hohen Wiederbestellrate zum Ausdruck kommt. Das versetzt uns in die Lage mit überschaubaren Customer Acquisition Costs (CAC) eine sehr hohe Customer Lifetime Value (CLV) zu erzielen. bring ist nahe an seinen Kunden, denn sie sind das Herzstück. bring bietet u.a. eine direkte telefonische Kommunikation mit dem Kunden. Das sehen wir bei aller Technisierung und Automatisierung als notwendiges Mittel, denn jeder Kunde ist uns wichtig.

Location Insider: Was machen Sie anders als Konkurrenten wie Quick-Commerce-Anbieter wie Gorillas oder Flink auf der einen oder dem Klassiker Rewe Lieferservice auf der anderen Seite?

Orhan Mertyuez: Als bring konzentrieren wir uns im Wettbewerb auf die klassischen Lieferdienste Rewe, Knuspr, Flaschenpost usw. Dagegen sind Quick-Commerce-Anbieter wie Flink & Co. für uns nur bedingt Wettbewerb, da sie nur ein sehr eingeschränktes geographisches Liefergebiet mit hoher Bevölkerungsdichte abdecken. Auch hat bring eine deutlich schlankere Kostenstruktur. bring benötigt deutlich weniger immobile Infrastruktur und erheblich weniger Personal, um nur zwei Kostentreiber herauszuheben.

bring liefert z.B. in Berlin und Potsdam über 50% der Lieferungen außerhalb des Q-Commerce Liefergebietes aus. Außerdem differenzieren wir uns über die Größe und Breite des Sortiments. Unsere Kunden sehen uns als Plattform für ihren Wocheneinkauf; das spiegelt sich auch im Durchschnittsbon deutlich wieder, der im hohen zweistelligen Euro-Bereich liegt.

Als Fazit kann man sagen, dass bring zwei Welten verbindet: Supermarkt-Sortiment ausgeliefert mit der Geschwindigkeit des Q-Commerce.

Location Insider: Wie funktioniert Ihre Logistik, haben Sie eigene Dark Stores oder kooperieren Sie z.B. mit etablierten Supermärkten?

Orhan Mertyuez: bring betreibt in Berlin aktuell zwei Lagerstandorte als Dark Stores. Ursprünglich war geplant die Standorte in einem hybriden Modell aus für Kunden zugänglichen Supermärkten und Auslieferungslager zu betreiben, jedoch haben wir hier die Strategie geändert.

Kunden haben die Möglichkeit im Click&Collect ihre Bestellungen selbstständig an den Lagerstandorten abzuholen. Die überwiegende Mehrheit der Bestellungen werden per e-Auto on-demand ausgeliefert, wobei auch die Möglichkeit zu Bestellungen zu individuellen konkreten Lieferzeitfenstern besteht.

Location Insider: Wie groß ist Ihr Sortiment und worauf achten Sie dabei?

Orhan Mertyuez: Das bring-Sortiment umfasst derzeit 9.500 Artikel über alle klassischen LEH-Kategorien hinweg und umfasst auch ein großes Non-Food-Sortiment. Strategisch setzen wir auf die Säulen Eigenmarke, Regionalität und Spezialsortimente.

Die Sortimentsprofilierung steht aktuell sehr im Vordergrund und hier haben wir in den letzten Monaten schon sehr viel bewegen können. Wir haben in den letzten Monaten mit bring bakery eine 200 Artikel umfassende Eigenmarke etabliert – hier werden an beiden Standorten mehrfach täglich frische Backartikel in der eigenen Bäckerei gebacken. Aktuell entwickelt das Team ein Eigenmarkensortiment über alle Warengruppen hinweg. Hier werden wir in den kommenden Monaten viele Listungen sehen.

bring setzt u.a. im Frischebereich auf Regionalität, das Frischfleisch kommt von einem regionalen Lieferanten. Dies ist auch für die Expansionsstandorte geplant.

Zusätzlich differenziert sich bring auch im Bereichen der Spezialsortimente. Zum Beispiel führen wir seit Frühjahr 2021 über 700 Artikel türkisch-arabischer-Lebensmittel; zusätzlich wurden Anfang März 2022 die ersten „unverpackten Lebensmittel“ gelistet. Diese werden, wie bei den Nischenlieferdiensten auch, in den klassischen Pfand-Joghurtgläsern ausgeliefert. Hier arbeiten wir mit einem großen Lieferanten aus Süddeutschland zusammen. Das Sortiment wird sukzessive ausgebaut.

Location Insider: Aktuell poppen diverse Apotheken-Lieferdienste aus dem Boden. Wollen Sie das Thema Medikamente auch abdecken?

Orhan Mertyuez: Ja, spannend, wie der Markt sich so entwickelt. Wir sind der Überzeugung, dass wie im stationären Handelsumfeld auch, im Online-Lebensmittelhandel sich das One-Stop-Shopping durchsetzen wird. Es wird darum gehen, die Schnelldreher der Spezialsortimente in den Online -upermarkt zu integrieren. Das machen wir unabhängig der auftretenden neuen Player aktuell schon. Im Hinblick auf die Apotheken-Lieferdienste ist die Listung apothekenpflichtiger – nicht rezeptpflichtiger – Arzneimittel schwierig, da sie nicht bei dem jeweiligen Lieferdienst gelagert werden dürfen, sondern aus den Partnerapotheken abgeholt werden müssen. Dies verkompliziert die Logistik erheblich. Wir prüfen aktuell verschiedene Lösungen, inkl. der Listung eines OTC-Sortiments.

Location Insider: Wie groß ist Ihr Liefergebiet pro Standort und wie funktioniert die Lieferung?

Orhan Mertyuez: Das bring-Liefergebiet in Berlin z.B. umfasst das gesamte Stadtgebiet Berlin und Potsdam. Wir sind der Überzeugung, dass jeder Bewohner den Zugang zu einer schnellen Lebensmittellieferung haben sollte. Wir verbinden ein Supermarktsortiment mit den Vorzügen der ultraschnellen Belieferung. Wir setzen auf der letzten Meile auf E-Mobilität und der Bündelung der Lieferungen je Liefergebiet, so dass wir pro Tour im Durchschnitt vier Auslieferstopps realisieren können. Das schafft Effizienz auf der letzten Meile, die mit entscheidend ist für die Wirtschaftlichkeit.

Location Insider: Im Quick Commerce gab es zuletzt mehrere Mega-Finanzierungsrunden und die Startups wurden schnell zu „Einhörnern“ mit Milliardenbewertung, umgekehrt geben in den USA die ersten Anbieter wie Fridge No More schon wieder auf. Bei Ihnen scheint alles ein paar Nummern kleiner zu sein. Absicht oder Zufall?

Orhan Mertyuez: bring ist bewusst einen anderen Weg gegangen und bis heute wurde kein Fremdkapital benötigt. Wir handeln nach dem Prinzip des ehrbaren Kaufmanns. Es geht darum ein Businessmodell zu entwickeln, das eigenständig in der Lage ist Gewinne zu erwirtschaften, ohne immer wieder frisches Kapital zu benötigen, nur um den Geschäftsbetrieb aufrecht zu erhalten.

Wir haben daher auch ausgewiesene LEH- und E-Commerce-Experten an Bord geholt, die uns helfen ein nachhaltiges Handels-Tech-Unternehmen aufzubauen und zu entwicklen. Der Proof-of-Concept ist im letzten Jahr damit gelungen.

Für das Wachstum setzen auch wir auf Investoren, um die notwendige Geschwindigkeit zu entwickeln. Grundsätzlich wäre ein Wachstum aus dem Geschäftsbetrieb heraus möglich, aber damit verlieren wir gegenüber dem Wettbewerb an notwendiger Geschwindigkeit. Wir befinden uns daher im Moment mitten in einer ersten Finanzierungsrunde, die sich sehr vielversprechend gestaltet.

Location Insider: Im Footer Ihrer Website finden sich 20 Städtenamen aus Deutschland und Europa, was nach einer kräftigen Expansion riecht. Wann geht’s los?

Orhan Mertyuez: Nach Abschluss der Finanzierungsrunde werden wir sehr schnell die ersten Standorte in Deutschland entwickeln und im zweiten Schritt geht es dann auch in die ersten ausländischen Standorte.

Location Insider: Was ist Ihre Vision: Wo wollen Sie mit bring in zehn Jahren stehen?

Orhan Mertyuez: bring soll ein wirtschaftlich gesundes, auf finanzielle und soziale Wertschöpfung ausgerichtetes Unternehmen sein, das den führenden Online-Supermarkt in Europa betreibt. Das Geschäft basiert auf drei wesentlichen Säulen: erstens Technologie, zweitens Sortiment und drittens Kunden- & Mitarbeiterzufriedenheit. Daran gilt es jeden Tag zu arbeiten, ganz nach dem Motto: „Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein“. Handel und Technologie verändern sich rapide, hier gilt es immer mehrere Schritte vorweg zu sein und die Entwicklungen zu antizipieren.

Location Insider: Vielen Dank für das Interview.


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