Interview: Raul Krauthausen arbeitet an verschiedenen Projekten für mehr Barrierefreiheit.

von Christian Bach am 03.April 2014 in Interviews

Raul Krauthausen Porträt Farbe

Raul Krauthausen, Mitgründer der Wheelmap, will Menschen, „die behindert werden“, helfen: „Die Wheelmap konnte nur wachsen, wenn wir eine Möglichkeit finden, Menschen vor Ort zu befragen, ob das Café um die Ecke rollstuhlgerecht ist oder nicht. Dabei hat uns natürlich auch die Technik wie neue Smartphones geholfen, die den Menschen Informationen aus seiner aktuellen Umgebung erfassen lassen.“ Die Wheelmap ist eine Online-Karte für rollstuhlgerechte Orte. Krauthausen sieht als Rollstuhlfahrer noch sehr viel Potential bei der Umsetzung von Ideen, bei der standortbasierte Plattformen zur Hilfe für Menschen werden. Denn zu den Menschen mit Mobilitätseinschränkungen gehören neben den 1,6 Mio Rollstuhlfahrern in Deutschland unter anderem auch Familien mit Kinderwagen und ältere Menschen mit Rollatoren. Der Berliner Aktivist denkt aber bereits an das nächste Projekt: „In meinem Kopf sind schon viele weitere Fragen, beispielsweise wie wir die Frage nach rollstuhlgerechten Toiletten in der Umgebung lösen können.“

Location Insider: Raul, du bezeichnest dich selbst als „Berliner. Glasknochenbesitzer. Aktivist.“ Welche Vorteile ziehst du für deine Arbeit aus diesen drei Merkmalen?

Raul Krauthausen: Ich wurde mal gefragt, ob ich drei Wörter finden würde, die man mit mir assoziiert und da sind mir diese eingefallen. Für meine Arbeit will ich da eigentlich keine Vorteile ziehen, weil es nur Merkmale sind, von denen wohl eher nur eines sichtbar ist: die Glasknochen. Diese helfen mir aber vielleicht indirekt für meine Arbeit. Denn durch meine Behinderung bin ich auf Assistenten angewiesen, die mir in einigen Situationen helfen. Durch die Koordination dieser Hilfe habe ich es vielleicht gelernt immer für zwei Personen zu denken, was mir in meiner Arbeit an Projekten Vorteile bringt. Jedoch möchte ich lieber als Aktivist, als der „Mann im Rollstuhl mit den Glasknochen“ wahrgenommen werden, weil ich gerne etwas bewegen und verändern will. Und zum Schluss bin ich gerne Berliner, weil ich die Stadt einfach liebe.

Location Insider: Du hast dich 2004 selbstständig gemacht und den Verein Sozialhelden e.V. gegründet. Was will der Verein erreichen?

Raul Krauthausen: Die Sozialhelden sind eine Gruppe von engagierten Menschen, die gerne durch lösungsorientiere Projekte auf soziale Probleme aufmerksam machen wollen. Uns macht die Arbeit sehr viel Spaß, weil wir in unserem Büro bei ImmobilienScout24 die Möglichkeit haben unser Motto „Einfach mal machen!“ in die Tat umzusetzen. Unter anderem haben wir bei den Sozialhelden die Projekte Pfandtastisch helfen! – Einfach Pfand spenden, Wheelmap.org – Die Onlinekarte für rollstuhlgerechte Orte und Leidmedien.de – Über Menschen mit Behinderung berichten ins Leben gerufen.

Location Insider: Du sprichst auf deiner Webseite von „Menschen mit Mobilitätseinschränkungen“, was nicht nur die 1,6 Mio Rollstuhlfahrer in Deutschland einschließt. Welche Menschen meinst du außerdem?

Raul Krauthausen: In unserer Arbeit möchten wir gerne den Begriff von Behinderung umdrehen. Oft beziehen wir Behinderung auf das Defizit eines Menschen, beispielsweise den Rollstuhl, aber eigentlich müssen wir Behinderung doch auf die Treppe am Eingang eines Restaurants beziehen, der einen Rollstuhlfahrer behindert. Wenn wir den Gedanken weiterdrehen, dann werden wir auch sehen, dass Familien mit Kinderwagen oder ältere Menschen mit Rollatoren behindert werden, wenn zum Beispiel der Aufzug nicht funktioniert. Ich rede deswegen auch gerne von „Noch nicht behindert“, weil wir am Anfang unseres Lebens behindert waren und es auch später wieder sein werden. Deswegen ist es auch so wichtig eine Gesellschaft barrierefrei zu planen.

Location Insider: Das Sozialhelden-Projekt Wheelmap ist laut Twitter-Account „The world’s biggest crowdsourced and open database for wheelchair-accessible places.“ Wie wichtig ist der Location-based Aspekt für die Wheelmap?

Raul Krauthausen: Sehr wichtig. Denn Wheelmap konnte nur wachsen, wenn wir eine Möglichkeit finden, Menschen vor Ort zu befragen, ob das Café um die Ecke rollstuhlgerecht ist oder nicht. Dabei hat uns natürlich auch die Technik wie neue Smartphones geholfen, die den Menschen Informationen aus seiner aktuellen Umgebung erfassen lassen. Ich glaube, dass es da auch noch sehr viel Potential gibt und wir denken sollten: wie kann uns aktuelle Technik vor Ort helfen?

Location Insider: Warum habt ihr auf die Daten der Openstreetmap zurückgegriffen?

Raul Krauthausen: Weil die Daten offen zur Verfügung stehen und wir auch unsere Informationen frei zur Verfügung stellen wollten. Wenn bei Wheelmap ein Ort markiert wird, dann wandert diese Änderung auch in die Openstreetmap und kann somit auch wieder von anderen Seiten genutzt werden. Uns geht es nicht darum, Daten bei uns zu halten, sondern wir wollen, dass jeder Mensch der die Info braucht, auch schnell darauf Zugriff hat. Ein Traum wäre es auch, wenn die Informationen bei Google Maps oder Foursquare angezeigt werden und somit der Alltag für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen planbarer wird.

Location Insider: Wieso verzichtet die Wheelmap-App auf eine Registrierung?

Raul Krauthausen: Weil wir die Schwelle zum Mitmachen so gering wie möglich halten wollten. Deswegen fragen wir auch nur: ist ein Ort rollstuhlgerecht oder nicht? Denn wir haben auch in unserem eigenen Nutzungsverhalten gelernt, dass eine Anmeldung oder zu viele Fragen abschrecken. Bei solchen niedrigschwelligen Mitmachmöglichkeiten passieren zwar auch immer wieder Fehler und Orte werden auch schon mal falsch markiert, aber es gibt kaum Beschwerden, sondern der Ort wird einfach korrigiert. Man kann sich jedoch auch bei der Openstreetmap anmelden und dann auf Wheelmap.org Orte bearbeiten und Fotos hinzufügen. Dafür braucht es eine Anmeldung aus lizenzrechtlichen Gründen.

Location Insider: Ein anderes Projekt ist Tausendundeine Rampe. Ihr sammelt Geld für Rampen, damit z.B. Rollstuhlfahrer auch in Geschäfte mit einem erhöhten Eingang kommen. Wollt ihr dieses Projekt in die Wheelmap integrieren?

Raul Krauthausen: An verschiedenen Stellen ist Tausendundeine Rampe schon in der Wheelmap integriert, beispielsweise werden alle Orte gekennzeichnet, die eine Rampe von uns bekommen haben. Wir haben jedoch für die Weiterentwicklung auch nur geringe finanzielle und personelle Ressourcen, so dass wir immer abwägen müssen, was gerade wichtig ist und die Liste ist lang. Manchmal ist es dann einfacher eine eigenständige Seite zu machen, wie wheelramp.de, auf der wir mobile Rampen für einen geringen Preis verkaufen. Somit hat man auch die Möglichkeit speziell auf Botschaften hinzuweisen, wie „Lieber Ladenbesitzer, hier kannst du eine Rampe erwerben“ oder „Lieber Nutzer, hier kannst du Orte markieren.“

Location Insider: Abgesehen von deinen eigenen Ideen, welche anderen Ansätze gibt es, um Städte auf Grundlage des Standortes unter anderem für Rollstuhlfahrer smarter zu machen?

Raul Krauthausen: Ich glaube, dass es die Sache vereinfachen würde, wenn wir nicht denken: was können wir für den Rollstuhlfahrer, den Menschen mit Sehbehinderung etc. besser machen, sondern sie selbst vor Ort zu fragen und dann einfach die Stadt für alle Menschen gestalten. Denn über eine Rampe freut sich vielleicht auch der Paketzusteller, ein Fahrstuhl nutzen auch mal Fahrradfahrer und verständliche Ansagen auf dem Bahnhof würden wohl alle freuen. Denn Barrierefreiheit hilft jedem Menschen und nicht nur dem Menschen mit Behinderung.

Location Insider: Du hast bereits mehrere Projekte gestartet, wie die Suche nach dem Super-Zivi, Pfandtastisch helfen, Selfpedia und Leidmedien. Dein Motto war dabei immer „einfach mal machen!“ Was folgt als nächstes?

Raul Krauthausen: Zurzeit freue ich mich erst einmal, dass alle Projekte so gut laufen, was ich auch einem tollen Team zu verdanken habe, die mir den Rücken freihalten. Dann lese ich gerne aus meinem Buch „Dachdecker wollte ich eh nicht werden. Das Leben aus einer Rollstuhlperspektive“ vor und in meinem Kopf sind schon viele weitere Fragen, beispielsweise wie wir die Frage nach rollstuhlgerechten Toiletten in der Umgebung lösen können.

Location Insider: Vielen Dank für das Interview.

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