Wieso Onlinehändler eigene Debitkarten herausgeben sollten: Interview mit Jörg Diewald.

von Florian Treiß am 02.Juni 2021 in Highlight, Interviews, News

“Die ganz Großen wie Amazon, Apple oder Google haben das Thema Kredit- bzw. Debitkarte schon lange für sich entdeckt”, sagt Jörg Diewald, CCO der Solarisbank. “Wir haben unsere Plattform genauso gebaut, dass auch ein mittelständisches E-Commerce-Unternehmen durchaus in der Lage ist, seine eigene Karte herauszubringen, ohne dass die Kunden zwingend Gehaltskonten verlagern müssen.” Im Gespräch mit Location Insider anlässlich der neuen “Embedded Finance”-Studie des Unternehmens erklärt Diewald, wie die 2016 gegründete Bank Onlinehändlern dabei helfen kann, eigene Finanzdienstleistungen anzubieten und was daran für sie so spannend ist.

Location Insider: Wieso ist die Solarisbank für Händler ein spannender Ansprechpartner?

Jörg Diewald: Mit uns kann jedes Unternehmen Finanzdienstleistungen in das eigene Ökosystem integrieren und seinen Kunden anbieten, ohne selbst eine Banklizenz zu benötigen. Wir bieten neben Konto, Karte und die Finanzierung auch innovative Produkte wie unsere Buy-now-pay-later-Lösung Splitpay, was insbesondere für den Handel und für E-Commerce ein sehr spannendes Thema ist. Darüber hinaus natürlich auch eine KYC-Plattform, also Identifikationslösungen für Privat- und Firmenkunden. Zudem beschäftigen wir uns mit dem ganzen Thema digitale Assets. Das haben wir in einer Einheit gebündelt, die von der Verwahrung über den Handel bis hin zum Banking das gesamte Ökosystem rund um Krypto anbietet.

Location Insider: Kannst du Beispiele aus dem Handel nennen, wo die Solarisbank schon drinsteckt?

Jörg Diewald: Das passendste Beispiel ist wahrscheinlich Samsung Pay, eine Mobile Payment-Lösung, welche wir mit Samsung entwickelt haben. Das ist einer der umfassendsten mobilen Zahlungsdienste in Europa mit einer tokenisierten, virtuellen Debitkarte, die entkoppelt ist. Das heißt, dass der Kunde die Karte mit seinem Gehaltskonto verknüpfen kann und ganz normal über sein Samsung Device bezahlen kann. Splitpay ist eine weitere Möglichkeit, die dir Samsung Pay bietet. Käufe über 100 Euro können problemlos in Raten umgewandelt und über einen Zeitraum von bis zu 24 Monaten bezahlt werden. Dies ist sogar bis zu 90 Tage nach dem Kauf möglich. Das gibt dir größtmögliche Flexibilität, weil du es machen kannst, wenn du Lust hast oder wenn du es brauchst.

Location Insider: Die Idee wäre, dass ich als Onlinehändler, wenn ich mich mit euch zusammentue, vielleicht mein eigenes Wallet einrichte, oder?

Jörg Diewald: Ein eigenes Wallet braucht logischerweise eine große Reichweite. Das macht für zehn- oder zwanzigtausend Privatkunden relativ wenig Sinn. Was aber schon sehr viel Sinn macht, ist, dass jeder E-Commerce-Händler eine solche entkoppelte Debitkarte für seine Kunden herausgibt. Die ganz Großen wie Amazon, Apple oder Google haben das Thema schon lange für sich entdeckt. Die Solarisbank ist aber auch für die Mittelgroßen und Kleineren da. Wir haben die Plattform genauso gebaut, dass auch ein mittelständisches E-Commerce-Unternehmen durchaus in der Lage ist, seine eigene Karte herauszubringen, ohne dass die Kunden zwingend Gehaltskonten verlagern müssen. Der Prozess aus Kundensicht ist sehr einfach und der Händler kann das eigene Branding in den Vordergrund stellen. Wir verhalten uns gegenüber dem Endkunden neutral und bleiben mit der eigenen Brand im Hintergrund.

Location Insider: Wieso sollte ich als Konsument von einem Onlinehändler Bankdienstleistungen nehmen?

Jörg Diewald: Ganz einfach, weil es Bankgeschäfte erleichtert, weil ich flexiblere, bessere Produkte bekomme, 24/7. Das Handy ist heute ständig in der Hand. Ich beobachte das immer am Samstag oder Sonntag morgens beim Bäcker in der Schlange. Ich würde sagen, achtzig Prozent der Leute stehen noch nicht einmal mit beiden Beinen ruhig in der Schlange, da ist das Handy schon draußen. In diesen Situationen werden Kaufentscheidungen getroffen. Wenn das Ganze integriert ist in die täglichen Konsumentenentscheidungen, die du triffst, ohne dass du noch eine App aufmachen und ein Passwort eingeben musst, dann hat das sehr viel mit Convenience zu tun. Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der digitale Services immer und überall mit einem einfachen Klick verfügbar sein müssen. Mit einem Anbieter wie der Solarisbank in Verbindung mit einem Ökosystem, das eine starke Marke und eine hohe Kundenaffinität hat, kannst du heute kundenzentrische Produkte entwickeln, die sich nahtlos in das Kundenerlebnis integrieren. So können das Banken heute und wahrscheinlich auch auf lange Sicht nicht anbieten.

Splitpay von der Solarisbank ist eine Whitelabel-Lösung und u.a. bei American Express im Einsatz

Location Insider: Ihr seid als Banking-as-a-Service-Plattform unterwegs. Inwieweit spielt das Thema Payment, Zahlungsabwicklung in Webshops zum Beispiel eine Rolle für euch? Du hattest auch Buy-now-pay-later angeführt.

Jörg Diewald: Unsere Buy-now-pay-later Lösung “Splitpay” lässt sich problemlos im Checkout integrieren und bietet eine Whitelabel-Alternative zu Klarna oder PayPal. Der Händler behält so nicht nur die Kontrolle über die Customer Journey, sondern kann mit Splitpay auch zusätzliche Einnahmen generieren.

Location Insider: Was findest du noch wichtig im Zusammenspiel zwischen Banken und E-Commerce?

Jörg Diewald: Als E-Commerce-Händler musst du dein Segment und deine Kunden verdammt gut kennen. Das alleine führt dich schon dazu, dass du ein komplett kundenzentriertes Ökosystem bauen und pflegen musst. Wir merken das selbst immer wieder. Wenn ich mit großen E-Commerce-Unternehmen spreche, ob das Big Techs oder mittelgroße, eher lokale Spieler sind, sind die ersten Fragen, die immer kommen: “Wie ist der Flow? Wie viele Klicks muss mein Kunde machen? Welche Informationen muss er zusätzlich zur Verfügung stellen?” Da siehst du sofort an der Denkweise, dass das eine ganz andere ist als in der traditionellen Bankenwelt. Es muss einfach und schnell gehen, es darf keine Komplexität beinhalten. Da geht es darum Synergien in Systemen zu nutzen, sodass der Kunde wenig oder gar nichts mehr eingeben muss. Da haben Technologie-orientierte E-Commerce-Unternehmen definitiv die Nase vorne.

Location Insider: Wenn wir fünf Jahre in die Zukunft blicken, werden dann diverse Onlinehändler eigene Zahlungskarten oder Mobile-Payment-Systeme auf Basis von der Solarisbank und anderen anbieten?

Jörg Diewald: Absolut. Wenn du dir das Marktpotenzial für Embedded Finance ansiehst, ist es riesig. Wir glauben, dass in spätestens 10 Jahren die Hälfte der Konten in Deutschland von Neobanken und Nicht-Banken angeboten werden. Als europäische Plattform mit Skaleneffeken profitieren wir natürlich massiv von dieser Entwicklung. Wir gehen gerade mit eigenen Niederlassungen nach Frankreich, Italien und Spanien, um dort lokale IBANs anbieten zu können. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass zukünftig auch die großen E-Commerce-Unternehmen eine wichtige Rolle spielen werden, weil es für sie einfach Sinn macht, Finanzdienstleistung zu intergrieren und unter eigener Marke anzubieten. Jeder Kauf braucht eine Zahlung. Viele Käufe werden getätigt, die einer Finanzierung bedürfen. Ob es dann genutzt wird oder nicht, ist eine andere Frage. Aber als Endkunde schätzt du die Auswahlmöglichkeit und Flexibilität. Als E-Commerce-Anbieter vertiefst du die Kundenbeziehung, erhöhst die Loyalität, und das Ganze mit nahtloser Integration und keinem Bruch in der User Experience.

Location Insider: Stirbt das klassische Bankkonto bei einer normalen Bank irgendwann aus? Werde ich später bei Zalando mein Konto haben und alles darüber abwickeln?

Jörg Diewald: Wenn du mich fragst, ob es in fünf oder zehn Jahren noch Banken gibt, dann ist die Antwort: ja. Ich glaube aber, dass die Rolle der Banken eine andere sein wird. Es wird sicherlich Banken geben, die sehr radikal auf Digitalisierung setzen. Die haben eine gute Perspektive. Es wird aber auch Banken geben, die das nicht schaffen. Aber ich kann mir sehr, sehr gut vorstellen, dass zukünftig das komplette Gehalts-, Giro- oder Kontokorrentkonto bei großen Brands liegen wird, also nicht nur das Dritt- oder Viertkonto. Etablierte Banken genießen nach wie vor ein hohes Vertrauen. Im Wettbewerb mit großen Marken, die über hohe Kundenloyalität und -zufriedenheit verfügen, schwindet dieser Heimvorteil jedoch zunehmend.

Locat ion Insider: Vielen Dank für das spannende Gespräch!


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