„Das ist kein Hexenwerk“: Eigenentwicklungen bei Keller Sports.

von Florian Treiß am 09.Mai 2019 in Interviews, News, Shoptech


Als Keller Sports im Jahr 2006 an den Start ging, setzte das eCommerce-Startup auf das Shopsystem OXID. Doch mit der Zeit stellte der Spezialist für Sportartikel fest, dass es aufwändiger ist, „diesen Monolithen zu managen, zu bändigen und zu erweitern als ein eigenes System zu entwickeln“, wie Florian Otte sagt. Wir haben mit dem CTO von Keller Sports für unseren neuen Shoptech-Leitfaden darüber gesprochen, welche Vorteile die Eigenentwicklung sonst noch bietet.

„Der Grund für unsere Eigenentwicklung ist nicht, dass wir OXID nicht mehr mögen. Ganz im Gegenteil ist es ein gutes, solides System, mit dem wir damals gut starten konnten“, sagt Florian Otte. Doch so ein Monolith habe einfach diverse Funktionen, die Keller Sports all die Jahre nicht brauchte und die das System immer mehr verlangsamt hätten. Dadurch entstanden bei Keller Sports immer höhere, unnötige Hardware-Kosten für Server, die das OXID-System teuer skalieren mussten. Daher begann Keller Sports ab 2012, Schritt für Schritt Teile von OXID durch eigene Lösungen zu ersetzen. Zuerst wurde die Startseite des Shops durch eine selbst programmierte Seite ersetzt, später folgten dann z.B. die Produktkategorien, die Produktdetailseiten und diverse Backend-Prozesse. Im Frühjahr 2019 verschwindet das alte OXID-System, das zuletzt nur noch für den Checkout diente, nun komplett.

Microservice-Architektur mit eigener eCommerce-API

Florian Otte

„Wir haben eine eigene Microservice-Architektur mit unseren eigenen eCommerce-API aufgebaut“, erläutert Florian Otte. Dabei kommt die Logik des Headless eCommerce zum Zuge, bei der Frontend und Backend anders als bei klassischen Shopsystemen getrennt gedacht werden können.  „Das Frontend, das sich unsere Kunden z.B. in den Produktdetailseiten anschauen, ist nun völlig losgelöst vom Checkout-Prozess im Backend. Das hat den Vorteil, dass das Frontend, wo der meiste Traffic entsteht, günstig skaliert werden kann, weil dort vorerst nur Produkte dargestellt werden. Der Checkout hingegen, wo die Schreibzugriffe auf die Datenbank erfolgen, wenn jemand eine Bestellung abschickt und wir personenbezogene Daten verarbeiten, ist davon nun komplett losgelöst und kann individuell skaliert werden“, sagt der CTO von Keller Sports.

Ein weiterer Grund für die Eigenentwicklungen von Keller Sports: Das Unternehmen entwickelte sich über die Jahre prächtig. Einst als Spezialist für Tennisprodukte gestartet, kamen immer mehr Sportarten ins Portfolio. Zudem sprühten die Gründer-Geschwister Moritz Keller und Jakob Keller und ihr Team vor Ideen: Mittlerweile gibt es neben dem deutschen Webshop rund ein Dutzend andere Länder-Shops, ein hauseigenes Premium-Programm, den Fitnessstudio-Vermittler Keller Studios und die Belohnungs-App Keller sMiles. Als sicher nicht letzte Innovation kam zuletzt im Sommer 2018 der Lifestyle-Ableger Keller x hinzu, den Keller Sports für Produktkooperationen mit Herstellern nutzen will.

Alleinstellungsmerkmale herausarbeiten

„Heute ist es nicht mehr so einfach wie früher, ein Alleinstellungsmerkmal zu haben“, sagt Florian Otte. „Heute liefern fast alle Shops am nächsten Tag und haben Tracking-Mails. Das war früher noch unser USP, dass wir sehr gut im Versand sind und den Kunden immer vorab informieren.“ Aber das sei heutzutage Standard und das Geschäft sei wesentlich wettbewerbs-intensiver geworden, so Florian Otte: „Daraus ist die Idee einer Premium-Anlaufstelle mit Keller x entstanden. Bei Keller x wählen wir sehr selektiv Marken und Produkte für unsere Zielgruppe aus. Keller x ist dabei komplett losgelöst von Keller Sports aufgestellt.“

Keller Sports ist heute also deutlich breiter aufgestellt und bietet verschiedene Plattformen. Dafür bringt die neue Systemarchitektur weitere Vorteile mit sich: „Wir haben alle User-Daten in einem zentralen Account-Management-System (AMS) hinterlegt, das über eine API angesteuert werden kann. Die Daten sind also nicht mehr in der Shop-Datenbank hinterlegt, sondern an einer zentralen Stelle. Wenn ein Kunde seine Adresse ändert, wird das über einen API Call ans AMS übermittelt. Das bringt uns den Vorteil, dass wir bei unseren weiteren Services wie Keller x, Keller Studios oder Keller sMiles ebenfalls auf diese API zugreifen und die identischen User-Daten nutzen können“, sagt Florian Otte.

Eigenes Order-Management-System

Auch beim Order-Management-System, dass die Aufträge der Kunden erfasst, verfügt Keller Sports über eine selbst entwickelte Lösung. Wenn Kunden im Online-Shop einkaufen, werden diese Aufträge beim Checkout per API an das Order-Management-System geschickt und liegen ebenfalls zentral an einer Stelle. Über diese API sollen in Zukunft auch Aufträge direkt von der Belohnungs-App Keller sMiles an das Order-Management-System geschickt werden. Beispiel: Ein Hersteller möchte über Keller sMiles Sportler mit einem Performance-Laufshirt belohnen, wenn sie 10 Kilometer laufen und diese Aktivität über eine Sporttracker-App aufzeichnen. Hat der Sportler die 10 Kilometer geschafft, kann Keller sMiles über die API eine automatische Zusendung des Produktes auslösen, ohne dass der Kunde mit einem Gutscheincode selbst in den Online-Shop gehen muss. Ein anderer Vorteil des API-basierten Order-Management-Systems ist es auch, dass gemischte Warenkörbe für Käufe bei Keller Sports und Keller x möglich sind. Kunden können den Kauf aus beiden Shops dann an einer Stelle abschließen.

Grundsätzlich können fertige Systeme wie OXID, Shopware oder Shopify einen schnellen Start in den E-Commerce ermöglichen, um einfach über einen Online-Shop Produkte zu verkaufen, sagt Florian Otte. Sobald es aber darüber hinaus geht, sich ein Händler für die Zukunft Flexibilität wünscht und eigene E-Commerce-Geschäftsmodelle entwickeln will, „kommt man irgendwann nicht mehr daran vorbei, auf eine Eigenentwicklung zu setzen und sich dadurch auch von Wettbewerbern abzuheben“, so Florian Otte. Wichtig sei dabei aber, nichts zu überstürzen: „Wir haben 2012 die ersten Eigenentwicklungen umgesetzt und Schritt für Schritt OXID-Funktionen abgelöst. Es ist sinnvoll, so etwas in kleinen Schritten zu machen, da man ansonsten ewig auf einen ‚Big Bang‘-Relaunch hinarbeitet. Das ist zu risikoreich, und dauert auch zu lang, bis Änderungen für die Kunden sichtbar werden“, so der CTO von Keller Sports.

Auch wenn viele Unternehmen Angst vor der Entwicklung einer eigenen Softwarelandschaft haben, ist sich Florian Otte sicher: „Das ist gar kein Hexenwerk! Am wichtigsten ist es, sich zunächst ein gutes Architekturkonzept für die IT zu überlegen. Mit den richtigen Tools und Entwicklungsprozessen ist die Programmierung gar nicht so schwierig.“

Kostenloser Shoptech-Leitfaden

Dieses Interview erschien zuerst in unserem Shoptech-Leitfaden: Mit Baukasten-Systemen und Microservices zum Erfolg, der kostenlos bei unserem Partner commercetools erhältlich ist. Der Leitfaden erläutert die Vorteile einer modernen Softwarearchitektur aus Eigenentwicklungen, Baukasten-Systeme und Microservices, die über Programmierschnittschnellen (APIs) miteinander kommunizieren. Mit einer Mischung aus Best Practices, Interviews und Anleitungen zeigt der Leitfaden, wie Sie erfolgreich zum Architekten Ihres maßgefertigten Shops werden.

Lesen Sie im Shoptech-Leitfaden u.a. folgende Themen:

  • Glossar mit den wichtigsten Shoptech-Fachbegriffen
  • Interview mit Shoptech-Experte Roman Zenner über Headless Commerce.
  • Wie C.H. Beck sein System vom Monolithen zu Microservices migriert hat
  • Disruption einfach gemacht: Tipps von Disrooptive-Gründer Ruppert Bodmeier

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