Hat Globalisierung eine Zukunft?

von Gastautor am 23.Juli 2020 in News, Trends & Analysen

Von Helmut Merkel

Zweifel kommen auf: In den Medien werden der Handelskrieg zwischen den USA und China, die Corona-Krise, die Rolle Chinas in der Weltpolitik und nicht zuletzt die Flüchtlingskrise als Anzeichen dafür gesehen, dass ein Umdenken einsetzen wird. Doch warum gibt es Globalisierung? Und hat sie noch eine Zukunft?

Bereits nach dem zweiten Weltkrieg haben bahnbrechende technologische Entwicklungen wie Containerisierung der Schifffahrt, Flugzeugbau, Nachrichtentechnik, Mobilfunk-Technologie oder betriebliche Softwarelösungen für alle kommerziellen und technischen Prozesse, die Welt schrumpfen lassen. Diese Entwicklung ging einher mit gewaltigen Infrastrukturinvestitionen in aller Welt: Ausbau der Häfen, Flughäfen, Straßen, Eisenbahnstrecken, Telekommunikationsnetze, Internet usw. All das war die Voraussetzung für die Globalisierung, so wie wir sie heute kennen. Darunter wird der immer freizügigere weltweite Güteraustausch durch das Wirken von Institutionen wie der WTO (World Trade Organisation), der internationalen Standardisierungs-Organisationen wie DIN und ISO verstanden, aber auch die zunehmende Verflechtung überstaatlicher Institutionen und Zusammenschlüsse in Wirtschaftsräume und nicht zuletzt der nahezu grenzenlose Tourismus gehören zum Phänomen Globalisierung.

Warum gibt es Globalisierung?

Die Wirtschaft folgt seit dem Beginn der Industrialisierung dem niedrigsten Preis für Ressourcen und damit den niedrigsten Stückkosten für die Gewinnmaximierung wie einem Naturgesetz. Lange Zeit wurden niedrige Löhne in China, Indien, Vietnam oder Südamerika nicht hinterfragt. Der Wohlstand für alle Beteiligten mehrte sich in dieser Win-Win-Situation unaufhörlich. Die Konsumenten in der westlichen Welt profitierten von niedrigen Preisen für ihren Konsum von Produkten, z.B. aus China. Der durchschnittliche Wohlstandsvorteil über die gesamte Lebenszeit eines Konsumenten, durch Ersparnisse in Form niedriger Produktionsstückkosten in sogenannten Billiglohnländern, geht vermutlich pro Konsument in den sechsstelligen Eurobereich.

Die WELT hat in ihrer Ausgabe vom 15.5.2020 an selbst recherchierten Rechenbeispielen gezeigt, dass sich der Preisvorteil für eine Damenstrick-Strumpfhose aus China gegenüber der Produktion in Deutschland mit einem Vorteil von 13,78 Euro im Geldbeutel des Konsumenten niederschlägt. Bei Sennheiser Kopfhörern beträgt der Preisvorteil für den deutschen Konsumenten sogar 401 Euro pro Stück.

Chinas Weg zum führenden Exportland

Dabei stand China 1976 am Ende der Ära Mao Zedong wirtschaftlich noch am Abgrund. Von Billiglohnland konnte noch keine Rede sein. In der von Mao verursachten Hungersnot in China starben vermutlich mehr Menschen als im 1. Weltkrieg („Tombstone“ von Jung Chang).

Deng Xiaoping hatte bei seiner Machtübernahme 1978 eine riesige Herausforderung zu bewältigen: Wie kann man für eine Bevölkerung von mehr als 1 Mrd. Menschen eine Hungersnot solchen Ausmaßes überwinden, dabei Arbeitsplätze und zumindest bescheidenen Wohlstand schaffen? Durch die ökonomischen Sonderzonen entlang der Küsten, in denen damals bereits mehr als 600 Mio. Menschen lebten, wurde durch Industrieansiedlungen die Grundlagen für den heutigen Wohlstand geschaffen.

Das politische Einparteiensystem mit Strukturen, wie in der ehemals kommunistischen Sowjetunion, ist heute ein erfolgreiches staatskapitalistisches Land mit Währungsreserven von ca. 3 Billionen USD. Die Bürger genießen Freizügigkeit beim Erwerb von Eigentum, bei der Berufswahl, bei der Studienplatzwahl, bei der Niederlassung, beim Reisen usw. Der gelernte Bildungswettbewerb mit einer großen Prüfung (Gao Kao Shi) im Juli jeden Jahres wird, mit einer kurzen Unterbrechung unter Mao Zedong seit dem 3. Jahrhundert nach Christus (Han Dynastie), durchgeführt und wurde zu einem kulturellen Markenzeichen für ganz China. Fleiß, Ehrgeiz und der Wunsch nach Wohlstand sind die Motivation für die Entwicklung. China hat in der Periode von Deng Xiaoping bis heute eine Aufbauleistung vollbracht, die nichts Vergleichbares in der Welt kennt. In der Kritik steht allerdings der Umgang des chinesischen Einparteiensystems mit Pressefreiheit, Zensur, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Persönlichkeitsrechten bei Strafverfahren usw.

Um auf das Beispiel der Damenstrumpfhose zurückzukommen: STATISTA meldet, in Deutschland werden im Jahre 2020 voraussichtlich Strumpfhosen (insgesamt) im Wert für ca. 1,2 Mrd. Euro verkauft. Würden hypothetisch alle Strumpfhosen aus China importiert und die von WELT errechneten 10 Euro kosten, dann entsprechen die 1,2 Mrd Euro Verkaufserlös einer Produktionsmenge von ca 120 Mio. Stück Strumpfhosen.

In dem hypothetischen Beispiel läge der Preisvorteil für den deutschen Verbraucher bei ca. 1,65 Mrd. Euro – wenn konsequent alle Strumpfhosen in China hergestellt würden. Aber nicht nur Strumpfhosen werden in China hergestellt, sondern auch Schuhe, Unterwäsche, Bekleidung, Haushaltswaren, 60% des Weltmarktbedarfs an Computerchips, Handys, Arzneimittel, Wirkstoffe usw. Es ist vermutlich einfacher zu sagen, was nicht in China hergestellt wird.

Eine Statista-Infografik zeigt, dass Deutschland zu den Top 10 der Globalisierungsgewinner zählt

Deutschland importiert aktuell Waren für ca 110 Mrd Euro aus China. Wie hoch sind in diesem Falle die jährlichen Ersparnisse für unsere Konsumenten? 150 Mrd. – 250 Mrd. pro Jahr? Ganze Branchen, voran der Handel, mit Hunderttausenden von Beschäftigten wirtschaften mit diesen Ersparnissen – oder können nur existieren, weil es diese Ersparnisse gibt. Der Konsument hat außerdem gelernt, dass eine Damenstrick-Strumpfhose 10 Euro kostet und nicht 23,78 Euro.

Hohes Produktionsniveau in China

Näherinnen in einer chinesischen Textilfabrik (Bild: Azamat Imanaliev / Shutterstock.com)

Das exportierende Land profitiert zunächst von der heimischen Rohstoffproduktion und der Beschäftigung der arbeitsfähigen Bevölkerung in Fabriken. Gerade in China konnte man beobachten wie schnell das Land gelernt hat und aus einfachen Produktionsstätten hochqualifizierte Hersteller wurden. Außerdem waren die westlichen Geschäftspartner großzügig im Überlassen von Technologie, die sie China in der Aufbauphase als Know-How überließen. Inzwischen hat China diese Anfangsphase längst hinter sich gelassen. Das Niveau der technischen Ausstattung in den heutigen Fabriken ist viel besser als das Niveau, das die deutsche Schuh- und Textilindustrie beispielsweise zu der Zeit der Abwanderung aus Deutschland hatte. Die Betriebe produzieren auf einem Niveau, das wir in Deutschland in dieser Phase nie erreicht haben. Mit den steigenden Löhnen in Europa sind die Arbeitsplätze mehr und mehr nach China, Indien, Vietnam usw. verlagert worden. Das gilt für alle Branchen. Inzwischen fanden sogar Verlagerungen von China in andere Länder statt, weil sich auch China die Stückkostenvorteile niedriger Löhne in anderen Ländern sichern will. China hat dafür steuerliche Anreize für die heimische Industrie geschaffen.

Deutschland hat sich in der Phase der Verlagerung einfacher Arbeitsplätze ins Ausland spezialisiert und hat Stückkostenvorteile aus eben dieser Spezialisierung und der damit verbundenen Arbeitsteilung realisiert. Beschäftigung wurde umgeschichtet von lohnintensiven zu spezialisierten Betrieben. Das vorhandene Bildungssystem und die Infrastruktur haben das ermöglicht. Insbesondere Deutschland hat von den so gewonnen Stückkostenvorteilen profitiert und in höherwertige Produktion (Automatisierung und Automatisierungstechnik), in den Klimaschutz und in Innovation investiert. Gleichzeitig sind in die Ersparnisse der deutschen Konsumenten die Umweltsünden in China eingeflossen. Die Preisvorteile importierter Produkte kamen jahrzehntelang auf Kosten der Umwelt und des Wohlstandes der Bürger in China, Indien oder Vietnam zu Stande. Gleichzeitig haben wir unsere Entwicklungs- und Sozialkosten auch nach China exportiert. Unser Warenexport nach China betrug im Jahre 2019 immerhin 96 Mrd. Euro.

Deutschland exportierte 2019 für ca. 1.328 Mrd. Euro Güter und Dienstleistungen in alle Welt. Die Importe liegen bei 1.105 Mrd. Euro – der Überschuss demnach bei 223 Mrd. Euro. Damit nimmt Deutschland als „kleine“ Volkswirtschaft im Wettbewerb eine klare Sonderstellung ein, die uns hoffentlich erhalten bleibt. Unser Wohlstand steht und fällt mit dieser Stellung im Weltmarkt. Nur China hatte 2019 mit 421.9 Mrd. (USD) einen höheren Handelsüberschuss als Deutschland. Auf Platz 3 liegt Russland mit einem Überschuss von ca. 165 Mrd. USD.

Der Anreiz für China und andere, Güter und Dienstleistungen aus Deutschland zu kaufen liegt in der Innovation, Zuverlässigkeit und Qualität der Produkte und Dienstleistungen. Ohne die gegenseitigen Anreize (Preis, Innovation, Zuverlässigkeit, Qualität) gibt es keinen internationalen Warenaustausch!

Aus Globalisierung wird „Slowbalisierung“

Verhältnis vom globalen Exportwachstum von Gütern zum globalen BIP-Wachstum (Handelselastizität), 5- bzw. 10-Jahre gleitender Durchschnitt
© IMF World Economic Outlook Database, Oktober 2019 Update. BMWi Berechnungen

Der Ablauf im Handelskrieg zwischen den USA und China liefert dabei ein erstes Argument. Eine Volkswirtschaft, die im internationalen Vergleich keine Vorteile zu bieten hat (Preis, Innovation, Zuverlässigkeit, Qualität), will Zollbarrieren aufbauen, um die lokale Wirtschaft vorrübergehend zu schützen. Im Jahre 2019 summieren sich die 20 größten Handelsdefizite auf insgesamt 1,8 Billionen USD. Zu den größten Defizitländern gehören bekanntlich die USA (-922 Mrd. USD.), Großbritannien (-223 Mrd. USD) und Indien (-160 Mrd. USD). Demgegenüber stehen die 20 größten Überschussländer mit einem Gesamtüberschuss von ca. 1,6 Billionen USD. Was passiert, wenn durch das Vorpreschen der USA auch die anderen Defizitländer Handelsbarrieren aufbauen? Seit dem BREXIT-Beschluss versucht Großbritannien ja bereits individuelle Handelsverträge mit der Welt abzuschließen.

Ist damit die Globalisierung am Ende? Es wird von der Klugheit der Politiker als Mitglieder der Welthandelsorganisation (WTO) abhängen, wie es weitergeht. Es darf bezweifelt werden, dass die De-Globalisierung funktioniert. Lässt sich der ökonomische Zwang zu sinkenden Stückkosten, Innovation, Zuverlässigkeit und Qualität stoppen? Wohl kaum. Zu diesem Schluss kommt auch eine Studie des BMWi das die ökonomischen Facetten der Globalisierung (z.B. auch die Entwicklung der Direktinvestitionen) detailliert untersucht und bewertet hat. Der Bericht geht zwar von einer Fortsetzung der Globalisierung, aber auch von einer deutlichen Verlangsamung aus (Slowbalisierung).

Was das für den Standort Deutschland heißt, lesen Sie im zweiten Teil des Beitrags.

Über den Autor:

Helmut Merkel ist ehemaliger Karstadt-Chef und lebt seit über zehn Jahren in Hongkong. Zusammen mit seinem Sohn hat er dort die Eurasia Global gegründet, eine Plattform zur Abwicklung von Einkäufen, Transporten und weiteren Services für Handelsunternehmen in Asien und Europa. Für Location Insider hatte Merkel bereits vor wenigen Wochen seine Eindrücke vom Umgang der Chinesen mit dem Corona-Virus geschildert und unseren Fragebogen „Handel im Wandel“ ausgefüllt. Der Handelsexperte war außerdem von 1993-97 Chef bei Deichmann.


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