Wie Wundercurves den Markt für große Größen umkrempelt: Podcast-Interview mit Stephan Schleuss.

von Florian Treiß am 24.Juli 2018 in Interviews, News

Stephan Schleuss, Geschäftsführer von Wundercurves

Zentrale Anlaufstelle für kurvige Frauen: Wundercurves hat es nicht einmal zwei Jahre nach seinem Start geschafft, zu einer der führenden Internetadressen für große Größen zu werden. Die Idee des Leipziger Startups: ein Shoppingparadies für Frauen mit Konfektionsgröße 42 und größer zu schaffen – in dieses Raster fällt jede zweite Frau in Deutschland. Im zweiten Interview-Podcast von Location Insider spreche ich mit Stephan Schleuss, einem der Co-Founder und Geschäftsführer von Wundercurves, über die Besonderheiten des Marktes wie etwa die Passform, denn „die kurvige Frau ist nicht gleich kurvige Frau.“ Wie schon bei meinem ersten Interview-Podcast mit Jens Lappoehn von Telefónica NEXT gibt’s den Podcast auch diesmal wieder sowohl zum Anhören bei Soundcloud als auch als schriftliche Zusammenfassung hier zum Nachlesen.

Podcast

Zusammenfassung

Location Insider: Stephan, wer bist du und was machst du? Stelle dich bitte kurz vor.

Stephan Schleuss: Ich bin einer der Co-Founder von Wundercurves. Ich kümmere mich bei uns um das Thema Finanzen, Investor Relations, Geschäftsführung, Strategie. Wundercurves ist eine Plattform für Mode in mittleren und großen Konfektionsgrößen. Das heißt, wir möchten in dieser ganzen Plattform Economy der Kundenzugang sein oder das Portal zum Erleben von Mode in bestimmten Sizes und haben uns da positioniert. Ich persönlich komme aus dem Beratungsumfeld und habe u.a. für Eccelerate in München gearbeitet. Und immer E-Commerce Projekte gemacht. Und über sechs, sieben Jahre da Beratungserfahrung gesammelt. Und als mich dann die anderen Co-Founder ansprachen, doch gemeinsam operativ tätig zu werden, dann klang das für mich sehr spannend.

Location Insider: Wann habt ihr gegründet und wie liefen die ersten Jahre?

Stephan Schleuss: Wir haben Ende 2016 gegründet, aber vorher schon ab Ende 2015 kräftig herumexperimentiert. Da haben wir die Idee immer weiter gesponnen. Haben irgendwie so einen allerersten WordPress MVP aufgesetzt. Sind in den Fußgängerzonen gewesen und haben das Konzept versucht zu testen. Und dann kam Ende 2016, dass es wirklich ernst geworden ist. Dass wir gesagt haben okay, irgendwie kommt das Konzept gut an und auch der MVP kommt gut an und die Nutzerzahlen wurden immer besser. Dann haben wir das Ganze professioneller gemacht.

Location Insider: Wie würdest du euren MVP genau beschreiben?

Stephan Schleuss: (lacht) Also wir hatten von Anfang an die Vision, dass wir in dem gesamten Plus Size Segment die beste Auswahl bieten möchten. Das war immer unser Ziel. Es gibt Studien, die zeigen, dass die Kundengruppe mit zwei Themen unzufrieden ist. Das ist zum einen, dass die Auswahl sehr gering ist im Bereich großer Größen. Dass man in einen Laden geht und dann nur 15 Prozent der Produkte verfügbar sind in großen Größen. Und das zweite Problem ist, dass die Passform oft nicht optimal ist, weil die kurvige Frau nicht gleich kurvige Frau ist. Und es auch da viele verschiedene Figurtypen gibt. Wir haben dann gesagt okay, wir möchten uns auf dieses erste Problem fokussieren. Und die beste Auswahl bieten in dem Bereich. Haben da diese Plattform gegründet. Und das war im Prototyp einfach eine WordPress-Seite, wo wir ein paar Affiliate-Partner hatten und dann deren Produkte raufgeladen haben. Wir haben aber sehr, sehr schnell gemerkt, dass wir Probleme kriegen, wenn wir sagen, wir wollen die beste Auswahl haben aber schon bei 10, 15, 20.000 Produkten wir sozusagen auch technisch schon merken, dass dann die Seite immer langsamer wird. Und haben dann das komplett gestoppt und eine komplette Eigenentwicklung tatsächlich gemacht und das System selber aufgesetzt.

Location Insider: Du hast gerade schon das Stichwort Affiliate genannt. Ist Affiliate dann tatsächlich euer Kerngeschäftsmodell? Oder wie würdest du es beschreiben?

Stephan Schleuss: Genau. Wenn man jetzt die Monetarisierung anschaut, wir haben zwei Säulen sozusagen. Also wie haben zum einen Affiliate-Provisionen, dass wir pro Klick vergütet werden, wenn wir Nutzer weiterleiten zu unseren Partnershops wie Asos, About You, Peek & Cloppenburg und so weiter. Und zum anderen haben wir als zweite Säule auch WKZ-Deals. Also wir haben in unserem Online-Magazin zum Beispiel Sponsored Posts, wo wir Marken vorstellen. Wir präsentieren den Nutzerinnen neue Brands und versuchen dabei, einen Kundenzugang zu schaffen für unsere Partner und entsprechend ein wichtiger Teil der Journey zu sein.

Location Insider: Vielleicht kannst du den Plus Size Markt nochmal ein bisschen genauer beschreiben. Was gibt es da für Player. Also ein Asos oder About You, das sind riesige Modeanbieter. Aber was sind da auch für Firmen mehr in der Nische unterwegs? Ich denke jetzt zum Beispiel an Ulla Popken im stationären Bereich. Wen gibt es da alles?

Stephan Schleuss: Das ist wirklich ein sehr, sehr spannender Markt. Also wir wurden teilweise von Investoren eingeladen, weil die einfach diesen Markt schon beobachtet haben und gesehen haben, dass da einiges passiert. Ich habe vorher ja in der Beratung gearbeitet und war fast nur im Fashion-Umfeld tätig. Und auch da war es so. Das war immer allen klar, dass das ein unglaublicher Markt ist, der aber irgendwie nicht geknackt wird. Das zeichnet sich folgendermaßen aus: Die Gruppe derjenigen, die man der Plus Size zuordnen würde, ist enorm. In Deutschland jede zweite Frau. In den USA zwei von dreien teilweise je nach Studie. Also es ist eine riesige Kundengruppen, die eigentlich mittlere bis Übergrößen trägt. Die deutsche Durchschnittsgröße zum Beispiel ist die 44, die zählt nach offizieller Definition schon als erste Übergröße. Was natürlich auch ein bisschen absurd ist in der Definition. Dennoch ist der Umsatz dieser Kundengruppe aber je nach Studie bei 15 bis 25 Prozent. Obwohl es so viele Menschen dort gibt, klafft ein riesiger Gap zu den Umsätzen und es gibt eine riesige Unzufriedenheit. Da gibt es jetzt diverse Player, die da reingehen. Das eine sind About You und Co. Also an sich Unternehmen, die alle Größen anbieten und dann auch eben Plus Sizes haben oder einen Plus Size Bereich haben wie auch ein Zalando. Und auf der anderen Seite die Spezialisten, die sagen, sie kümmern sich nur um diesen Bereich. Also einen Sheego, ein Ulla Popken oder ein Navabi im E-Commerce Bereich. Ganz anders ist es in den USA, da ist der Markt deutlich weiter. Da gibt es riesige E-Commerce Player, die da sehr, sehr aktiv und erfolgreich sind.

Location Insider: Ihr konzentriert euch aber auf Deutschland oder in welchen Märkten seid ihr aktiv?

Stephan Schleuss: Wir sind in Deutschland und Österreich aktiv. Und wir planen durchaus, dass wir da 2019 nochmal in andere europäische Länder schauen. Und haben da auch gerade erste Tests laufen.

Location Insider: Du hattest gerade gesagt, es gibt eine riesige Lücke zwischen der Kundinnen-Anzahl, die ihr ansprechen könnt und dem, was die wirklich ausgeben. Heißt dass, die Plus-Size-Kundinnen haben weniger im Kleiderschrank hängen als die Frauen mit Größe S?

Stephan Schleuss: Nein, aber das ist wirklich faszinierend. Es ist so, dass, wenn man sich die Studien anschaut, dann wollen die alle mehr ausgeben. Sie finden es nur nicht. Also das Segment zeichnet sich dadurch aus, dass man relativ leicht auch in großen Größen eine schwarze Bluse findet oder ein schwarzes T-Shirt für 20 Euro. Also kein Problem. Aber gerade die Frauen wollen sich eben dann auch ein bisschen modischer kleiden und ein bisschen ansprechendere Marken haben. Und da finden sie es nicht. Deswegen greifen viele, die eigentlich mehr ausgeben wollen, auf eher günstige Klamotten zurück. Und genau deswegen ist auch ein Navabi aufgekommen, die sagen: okay, dann machen wir diesen Premiumbereich im Plus Size.

Aber insgesamt hinkt der Markt da eben leider noch hinterher. Da kriegen wir durchaus viele Beschwerden der Nutzerinnen auch zu hören, dass da immer noch die Anbieter oder Hersteller nachholen müssen. Es ist wirklich ein unglaublicher Nachfragemarkt. Und das Angebot ist momentan einfach noch zu gering. Und aus meiner Sicht, ich kann es immer noch nicht so ganz verstehen, ist es eine riesige Opportunity. Und die großen Player, wie jetzt ein H&M oder GAP, die steigen jetzt hier alle in den letzten Jahren ein. Machen so eigene Plus-Size-Kollektionen oder erweitern die Größen ihres Sortiments. Aber insgesamt ist da noch unglaublich viel Bedarf und Lücke kundenseitig

Location Insider: Sprecht ihr eigentlich nur Frauen an oder auch Männer?

Stephan Schleuss: Momentan nur Frauen. Ist aber durchaus auch eine Überlegung da, auch Männer anzusprechen. Wir haben ganz am Anfang erste Tests gefahren und da gesehen, dass die Response bei Frauen besser war für unseren Ansatz der besten Auswahl. Weil die eben gesagt haben okay, wir wollen auch die fancy Marken tragen, die vielleicht unsere schlankeren Freundinnen tragen. Und bei Männern war die Response oftmals eher: naja okay, solange ich irgendwie mein Hemd und mein T-Shirt habe und meine Jeans, passt das schon. So ein bisschen klischeemäßig waren die Antworten, die wir bekommen haben von den Männern. Eher modemuffeliger und weniger anspruchsvoll als die Frauen.

Location Insider: Hast du eigentlich eine Zahl, wie groß der Markt von Plus Size ist?

Stephan Schleuss: Es gibt da verschiedene Studien. Gerade im US-Bereich. Aber immer wieder regelmäßige Updates. Also man spricht da durchaus von 50, 60 Milliarden Marktvolumen global. In Deutschland ist es ein bisschen schwierig zu sagen. Wir gehen in Deutschland von ungefähr drei Milliarden aus.

Location Insider: Seid ihr eher ein Wettbewerber oder seid ihr ein Kooperationspartner für etablierte Anbieter im Plus Size?

Stephan Schleuss: Also ich glaube, die meisten nehmen uns da absolut als Kooperationspartner wahr. Wir haben Partner, die ihre Kooperation auch jedes Quartal eigentlich noch mal vertiefen und noch mehr reingehen und sagen okay, liefert uns doch ein bisschen mehr Traffic und lasst uns doch auch eure Social Media Kanäle nutzen. Die nehmen uns glaube ich durchaus als einen wichtigen Teil dieser Journey wahr und als ein Unternehmen, was aber eben auch einen gewissen Beitrag leisten kann, damit sie mehr Umsatz machen und eine Win-Win-Win Kooperation zu schaffen für Kunden, die etwas Neues entdecken können.

Location Insider: Inwieweit bildet ihr den stationären Handel schon ab?

Stephan Schleuss: Wir würden da eigentlich gerne mehr machen. Wir leiten jetzt schon auf die Websites von Partnerhändlern weiter. Was wir eigentlich gerne machen möchten, ist zu sagen, wir zeigen euch auch wo Click & Collect geht und so weiter. Das ist nur eine Datenthematik, die natürlich ein bisschen schwierig zu handeln ist. Was wir jetzt gemacht haben, als ersten Schritt, ist zu sagen, okay, wir haben einen Storefinder. Ganz klassisch. Also wenn man jetzt zum Beispiel googelt nach „große Größe Hamburg“ oder sowas, dann sind wir unter den Top Drei normalerweise. Und haben einfach eine Karte, die zeigt, wo man auch große Konfektionsgrößen stationär kaufen kann. Auch wenn wir daran nichts verdienen sozusagen. Aber es gehört zu unserem Ansatz, Nutzerfreundlichkeit auf der Plattform zu schaffen und den Kundinnen, die eben stationär kaufen wollen, auch zu sagen wo der Anlaufpunkt ist.

Location Insider: Du hast ja schon Euren Kundenzugang herausgestellt. Ihr habt aber umgekehrt noch keinen eigenen Check Out oder Marktplatz-Ansatz oder sowas?

Stephan Schleuss: Wir fahren wirklich sehr, sehr gut mit dem Modell momentan. Wir haben einen eigenen Check Out auch immer überlegt und immer mal evaluiert. Wir sehen aber auch, dass irgendwie eine Ladenzeile oder ein Stylight oder viele andere ja auch in der reinen Weiterleitung sehr, sehr gut fahren. Das heißt, das ist für uns an sich ein Thema, was zu mindestens jetzt nicht irgendwie in den nächsten Monaten eine große Rolle spielt. Aber es haben durchaus auch größere Marken schon gesagt: okay, wenn ihr wie ein Zalando Marketplace oder ein Amazon Marketplace es schafft, dass der Kunde direkt bei euch bestellt aber trotzdem alles über uns weiterhin läuft, also der unser Paket kriegt mit unserem Paketbeileger und von uns die Rechnung und so weiter, dann wären sie dafür offen. Deswegen ist das weiterhin in der Evaluierung, aber eher ein langfristiges Thema.

Location Insider: Stephan, zum Abschluss die Frage, wo geht die Reise mit Wundercurves hin? Was habt Ihr noch vor?

Stephan Schleuss: Also im Grunde dreht sich alles, was wir machen, darum, eine hohe Nutzerfreundlichkeit und einen Win-Win-Win zu schaffen. Was uns in nächster Zeit auf dem Herzen liegt ist zu sagen, okay, wir wollen gerne unsere Auswahl einfach nochmal optimieren. Wir bieten Händlern und Herstellern die Chance, immer nochmal eine neue Kundengruppe zu erreichen und speziell in diesem Segment sozusagen auch zu partnern. Da sind wir sehr, sehr viel in Gesprächen mit Herstellern und Händlern, die das Segment noch gar nicht so auf dem Schirm haben aber sagen: okay, stimmt. Wenn wir in unsere Zahlen gucken, kaufen ein ganz großer Teil unserer Käuferinnen eigentlich eure Größen. Dann kooperieren wir mit euch und zeigen genau diesen Sortimentsteil. Das ist für uns ein Kernelement, die Auswahl immer besser zu machen. Auch mit neuen Marken, die die Nutzerin vielleicht noch gar nicht kennt, neue Marken vorzuzeigen. Ansonsten ist für uns gerade für nächstes Jahr natürlich auch Mobile ein wichtiges Thema. Dass wir da noch besser werden. Da auch sauberer über App-Strategien gehen. Ansonsten alles, was die Nutzerinnen glücklich macht und ihnen mehr ganzheitliche Services wie eben solche Storefinder anzubieten.

Location Insider: Vielen Dank für das spannende Gespräch, Stephan!


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