Handel in China während der Corona-Pandemie.

von Gastautor am 11.Mai 2020 in Highlight, News, Trends & Analysen

Von Helmut Merkel

Über die neuartige Coronavirus-Erkrankung habe ich persönlich zum ersten Mal am 9. Januar 2020 gelesen – in dem Artikel wurden Vergleiche zu SARS angesprochen und in Thailand waren bereits Einschränkungen für Reisende aus Wuhan angeordnet worden. Ich war gespannt, wie die chinesische Regierung so kurz vor Chinese New Year auf eine solche Entwicklung reagieren würde, immerhin würden sich ca. 300 Mio. Chinesen (überwiegend sogenannte Migrant-workers, also Arbeitnehmer, die dauerhaft in anderen Provinzen arbeiten) wegen der Festtage in Bewegung setzen. Am 23. Januar – also 14 Tage nach der Meldung – und zwei Tage vor Beginn des Chinesischen Neujahres war es dann soweit: Wuhan wurde abgeriegelt. Zuvor konnten sich noch Hundertausende, möglicherweise sogar mehr als eine Million Menschen, in andere Provinzen absetzen und haben vermutlich auch so zur schnellen Verbreitung des Virus beigetragen.

Noch vor Ende des chinesischen Neujahres am 5. Februar wurden auch in den anderen Provinzen Kontaktverbote ausgesprochen, Einzelhandelsgeschäfte und Restaurants haben auch aus Sorge vor Ansteckung geschlossen.

Nach Ende der Feiertage am 5. Februar (mit den Weihnachtsferien in Europa vergleichbar), blieben die Schulen geschlossen, die Migrant-workers (Wanderarbeiter) durften nicht an ihren Arbeitsplatz zurück und die meisten Geschäfte (außer Apotheken und Lebensmittelmärkte) waren nur eingeschränkt geöffnet. Die Menschen in den Großstädten waren aufgefordert, ihr Wohngebiet nicht zu verlassen. Mehr als 800 Mio. Menschen leben in China in Städten/Großstädten. Alleine Chong Qing hat 37 Mio. Einwohner. Die Einwohnerdichte in China ist dramatisch höher als in Europa.

Gute Ausgangslage für Krisenbewältigung

Handel und Bevölkerung haben auf diese Situation nach den Feiertagen bereits sehr gut reagiert. In China galten bereits vor der Krise völlig andere Voraussetzungen als in Europa, die die Krisenbewältigung beeinflussten. Hinzu kommt die Erfahrung mit SARS (2002/2003):

  • Asiaten sind es gewohnt Mundschutz/Masken zu tragen, um sich und andere bei Erkältungskrankheiten zu schützen; die Menschen haben sofort damit begonnen, wie gewohnt Masken zu tragen. Anfängliche Hamsterkäufe konzentrierten sich auf Masken, Hygienemittel und Wischpapier;
  • nach SARS (2002/2003) wurden landesweit Fieberkliniken eingerichtet, die als Anlaufstellen für Erkrankte dienten. Die regulären Kliniken waren somit entlastet (trotzdem kam es natürlich zu eklatanten Engpässen, was in Wuhan sogar den Neubau von zwei Krankenhäusern erforderte);
  • Fieber-/Temperaturmessungen gehören seit SARS zum öffentlichen Leben. Jedes Restaurant, jeder Einzelhändler misst die Temperatur der Kunden beim Einlass mit einem kleinen elektronischen Gerät an der Stirn;
  • mehr als 1 Mrd. Menschen nutzen Smartphones – und auch wenn wir es nicht gerne hören, die Internet-Infrastruktur in China ist besser als in Deutschland;
  • die private Kommunikation in China funktioniert über Wechat, dem chinesischen Pendant zu Whatsapp. Wechat ist auch gleichzeitig eine kommerzielle Plattform und wird seit Jahren (!) auch für Bezahlvorgänge genutzt;
  • der E-Commerce-Anteil ist in China signifikant höher als in Deutschland (15-18% des Handelsumsatzes); entsprechend gibt es eine Armee von Zustellern, die man dort ebenfalls als „systemrelevant“ bezeichnen muss. Die Verteilung und Zustellung ist extrem effizient, mehr als 90% der Zusteller benutzen E-Bikes. Die Kunden sind es gewohnt, „home-delivery“ zu nutzen.

Mit diesen Voraussetzungen konnten auch die Einzelhändler in der Nachbarschaft ihre Kundschaft weiter bedienen. Bestellung und Bezahlung über Wechat, Auslieferung über Zusteller; allerdings nicht mehr an die Haustür, sondern nur noch bis zur Anlieferzone im Wohnbezirk.

Livestreaming als Medium der Krise

Alle Händler haben verstanden, dass der Kontakt zu den Kunden in der Krise nicht unterbrochen werden darf! Livestreaming wurde über Nacht zum Medium der Krise und wurde u.a. von Taobao Live extrem gepusht, das allein im Februar ein Plus von 719 Prozent an Händlern verzeichnen konnte, die erstmals Livestreaming nutzen. IKEA startete am 10.3. mit Livestreaming und hatte binnen weniger Minuten mehrere 10.000 Besucher.

In Rekordgeschwindigkeit wurden an den Eingangsbereichen zu den Wohnbezirken Anlieferzonen eingerichtet, in denen die Kunden ihre Bestellungen abholen können. In der Regel wurde bei der Gelegenheit dann auch die Körpertemperatur gemessen.

Alipay (der größte chinesische Bezahldienst, der mehr als 1 Mrd. Kundendaten in seiner Datenbank nutzt und die Daten einfach verknüpfen kann, ohne Dritte involvieren zu müssen) hat bereits Anfang Februar landesweit eine Corona-App freigegeben, über die jeder Nutzer seinen eigenen Gesundheitszustand und die Situation in seiner Nachbarschaft „monitoren“ kann.

Nach einer Ampel-Logik (grün, gelb, rot) wird jeder Nutzer der Alipay Corona App nach seinem Gesundheitsstatus bewertet und der App-Nutzer kann sehen, was sich gerade in seiner Umgebung abspielt. Damit kann er „Hotspots“ vermeiden.

Natürlich unter (freiwilligem) Verzicht auf Datenschutz nach deutschem Vorbild und im Zusammenspiel mit allen Institutionen. Als Gegenleistung erhielt der Nutzer Bewegungsspielraum mit dem Status „grün“. Die Pandemie offenbart die unterschiedliche Mentalität der Menschen in Ost und West in nie gekanntem Ausmaß. Das Bedürfnis, sich selbst zu schützen, und die Bereitschaft Eigenverantwortung zu übernehmen, kann man nicht auf die Frage des politischen Systems reduzieren!

Kontaktlos als Muss

China hat in dieser Phase beim Einsatz neuer Technologien (Robotik, Drohnen, selbstfahrende Fahrzeuge etc.) einen Schub erfahren. Plötzlich war „kontaktlos“ keine wirtschaftliche Frage mehr, sondern ein Muß. Eine ähnliche Entwicklung haben wir ja auch in Deutschland erlebt: Bargeldloses Bezahlen, Digitalisierung von Prozessen und mehr E-Commerce sind die Effekte. Plötzlich gewöhnt man sich sogar an den Mundschutz in der Öffentlichkeit.

Ab 26. März wurde der Lockdown schrittweise aufgehoben und in nur wenigen Tagen waren alle großen Malls wieder im „Normalbetrieb“. Home-deliveries dürfen wieder an die Haustür gebracht werden. Trotzdem wird es einige Monate dauern, bis die Kunden zu ihrem gewohnten Verhalten zurückfinden. Nach SARS hat es ca. 5 Monate gedauert, bis die Verhältnisse und die Umsätze wieder „normal“ waren. Es besteht auch eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass die Kunden einige Verhaltensweisen einfach beibehalten werden, vor allem in Deutschland.

Eine genaue Prognose des volkswirtschaftlichen Schadens wagt derzeit noch niemand. Einige Experten sagen einen Einbruch des Bruttosozialprodukts in China von mindestens 2 % voraus. Handel, Tourismus und Export sind die drei hauptbetroffenen Bereiche. CNBC berichtet für den April einen Zuwachs bei den chinesischen Exporten von 3,5%, aber einen Rückgang der Importe nach China um 14,2% im Vergleich zum Vorjahr, was ein Schlaglicht auf die volkswirtschaftlichen Auswirkungen wirft, mit denen wir in Europa zu rechnen haben.

Ich wünsche uns Erleichterungen im Alltag ohne erhöhte Neuinfektionen.

Über den Autor:

Helmut Merkel ist ehemaliger Karstadt-Chef und lebt seit über zehn Jahren in Hongkong. Zusammen mit seinem Sohn hat er dort die Eurasia Global gegründet, eine Plattform zur Abwicklung von Einkäufen, Transporten und weiteren Services für Handelsunternehmen in Asien und Europa. Für Location Insider hatte Merkel bereits vor wenigen Wochen seine Eindrücke vom Umgang der Chinesen mit dem Corona-Virus geschildert und unseren Fragebogen „Handel im Wandel“ ausgefüllt. Der Handelsexperte war außerdem von 1993-97 Chef bei Deichmann.


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