Local Commerce: wieso, weshalb, warum.

von Matthias Hell am 11.März 2015 in Trends & Analysen

Nicht Omnichannel, nicht Multichannel und auch nicht Crosschannel, sondern Local Commerce ist für die Handelsberichterstattung von Location Insider der entscheidende Ankerpunkt. Denn unser Fokus liegt auf traditionellen Einzelhandelsmodellen, die in der Verbindung mit digitalen Technologien und Strategien neue Zukunftsrelevanz erhalten. Doch was verstehen wir eigentlich unter Local Commerce – einem Begriff, der auf den ersten Blick gar nicht so sehr innovativ erscheint?

Denn übersetzt man Local Commerce wortgetreu mit „örtlicher Handel“ ist das alles andere als neu. Einzelhandelsgeschäfte waren schließlich schon immer lokal. Doch ist es mit dem Local Commerce ein bisschen wie mit dem Denglisch-Klassiker „Handy“: erst im Kontext der deutschen Sprache wird das hinter der Begriffsschöpfung stehende Programm so richtig deutlich. Denn „Commerce“ bezeichnet hier nicht den Handel im Allgemeinen, sondern vielmehr den Handel in seiner digitalen Ausprägung – ähnlich wie in der Branchenbezeichnung E-Commerce. An die Stelle des „Electronic“ tritt nun allerdings das Attribut „Local“ als Bezeichnung für Handelsgeschäfte mit einer konkreten, an einen bestimmten Ort gebundenen physischen Präsenz. Kurz gesagt geht es beim Local Commerce also um einen digital angereicherten stationären Handel.

Dieses Zukunftsmodell für den Handel wird auch von den beiden größten Handelsverbänden HDE und bevh in ihren aktuellen Jahresmitteilungen unterstrichen. Der Handelsverband Deutschland (HDE) sieht weiterhin den Strukturwandel als Topthema (PDF): stationär verliert, während online weiter wächst. Als wichtigste Maßnahme, um diesen Wandel zukunftsgerichtet mitzugestalten, sieht der HDE die konsequente Digitalisierung des Handels. Innenstädte und Handelsstandorte seien weiterhin attraktive Ziele für Konsumenten aller Altersgruppen. Damit das auch künftig so bleibt, brauche es die Digitalisierung der Fläche. Dass der Handel bereits auf diese Herausforderungen reagiert und sich dabei weniger schlecht schlägt, als oft dargestellt, zeigt das Zahlenmaterial des Versandhandelsverbands bevh (PDF): demzufolge konnten deutsche Multichannel-Händler im Jahr 2014 einen Umsatzzuwachs von 18 Prozent verzeichnen und waren damit – noch vor den Pure Playern mit einem Plus von 10 Prozent – die erfolgsreichste Versenderkategorie.

Die wichtigsten Trends im Local Commerce im Blick

Mit unserer Artikelserie „Local Heroes“, aber auch weit darüber hinaus, berichtet Location Insider fortlaufend über Paradebeispiele für einen digital angereicherten stationären Handel. Zu den wichtigsten Zukunftstrends im Local Commerce zählen dabei:

  • die Digitalisierung des Point of Sale
    Zuerst waren es QR-Codes, die wie im Fall des QR-Shopping-Pilotprojekts von PayPal in Oldenburg, eine Brücke zwischen stationärem Handel und Onlineshopping bauen sollten. Es folgten Multichannel-Musterstores, wie sie die Elektronikhändler Saturn und Cyberport betreiben und in denen Tablets, Terminals und sogar Augmented Reality für eine „digitale Warentischverlängerung“ sorgen. Mit Beacons steht bereits die nächste Technologie bereit, die den stationären Handel noch einmal um eine Evolutionsstufe weiter bringen dürfte.
  • neue Warenwirtschaftslösungen als Impulsgeber
    Die „WaWi“ war bislang alles andere als sexy und deshalb zurecht im Backoffice versteckt. Doch zeigen Beispiele wie die Buchhandelskette Hugendubel, welchen Mehrwert die Anzeige stationärer Verfügbarkeiten in Echtzeit bieten kann. Gelingt es zudem, die Warenwirtschaft von Filialen in die E-Commerce-Wertschöpfung miteinzubeziehen, eröffnen sich weitere spannende Möglichkeiten, wie z.B. die Lösungen von Gaxsys und eBay Enterprise zeigen.
  • die passende Versandlogistik für lokale Filialen
    Wie stationäre Geschäfte ihre Reichweite mithilfe von digitalen Strategien ausweiten können, zeigen auch neue Entwicklungen im Bereich Logistik: Click & Collect ist inzwischen zur Standardlösung in vielen Handelsgeschäften geworden. Daneben ermöglichen Same-Day-Delivery-Dienste wie Tiramizoo und Liefery, aber auch eine Transport-Plattform wie Checkrobin, dem Stationärhandel ein Lieferangebot, das selbst über das Leistungsversprechen von Online-Pure-Playern hinausgeht.
  • Innovationen aus dem Payment-Bereich
    Durch die Integration innovativer digitaler Bezahlverfahren erhält so manches traditionelles Handelsgeschäft neue Attraktivität und Relevanz. Das trifft auf Dienste wie das Einchecken mit PayPal zu, aber auch auf das iPad-Kassensystem Inventorum, das zusätzlich den Online-Vertrieb stationärer Sortimente ermöglicht.
  • lokale Marktplätze, die für Sichtbarkeit sorgen
    Während die bislang beschriebenen Maßnahmen zur Digitalisierung des Handels eher am einzelnen Geschäft ansetzen, nehmen lokale Marktplätze eine übergeordnete Perspektive ein. Der ganze Handel einer Stadt soll künftig über das Netz abgebildet werden. Anbieter wie Simply-Local und Locafox versuchen das mit einem ambitionierten, bundesweiten Ansatz, während Atalanda eher auf Kleinstädte setzt. Daneben bescheren auch Location-based Services wie kaufDA und meinestadt.de dem lokalen Handel neue Sichtbarkeit.

Für Konsumenten ist Local Commerce selbstverständlich

Dass es sich bei Local Commerce nicht um ein weltfremdes, von Handelsnostalgikern entwickeltes Szenario handelt, zeigen regelmäßige Ergebnisse von Konsumentenbefragungen. So erklärten Anfang 2015 Kunden bei einer Befragung im Rahmen des eBay-Projektes „Zukunft des Handels“, dass aus ihrer Sicht u.a. die Reklamation (57 Prozent) und Abholung von online bestellter Ware (52 Prozent) im Ladengeschäft zu den wichtigsten von ihnen erwarteten Serviceleistungen von Online-Händlern zählen. Gleichzeitig wünschte sich ein großer Anteil der Konsumenten eine Erweiterung stationärer Geschäfte um Online- und Versandhandelsfunktionen: bereits 45 Prozent der Verbraucher bewerten Showroom-artige Handelsmodelle positiv, die eine Ausstellung von Produkten verbunden mit der Möglichkeit, diese direkt nach Hause zu bestellen, bieten. 43 Prozent der Befragten wünschten sich an den Produkten im stationären Geschäft QR-Codes, durch die der Kaufinteressierte direkt zum entsprechenden Produkt im Onlineshop geleitet wird.

Man sieht: Local-Commerce-Funktionen sind nicht nur vielen Kunden bekannt, sondern entsprechen in unserer Internet- und Smartphone-geprägten Zeit auch ihrem natürlichem Konsumverhalten. Location Insider wird deshalb weiter Local Commerce zum Ankerpunkt unserer Handelsberichterstattung machen und auch weiter Paradebeispiele für einen digital angereicherten stationären Handel präsentieren.

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